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Neue Details zur Bespitzelung von Lafontaine
(2010-02-25 08:22:16)
Zum Thema:
Hat die "Bunte" das Privatleben von drei Spitzenpolitikern mit abenteuerlichen Methoden systematisch ausleuchten lassen? Das behauptet der "Stern". Ziel der Späh-Angriffe soll auch Oskar Lafontaine gewesen sein.Berlin. Die "Bunte" war bestens informiert. Exklusiv berichtete das Klatsch-Blatt am 7. Mai 2009 über die Beziehung des damaligen SPD-Chefs Franz Müntefering zu seiner 40 Jahre jüngeren Mitarbeiterin Michelle Schumann. "BUNTE hat das schönste Geheimnis des Liebes-Monats Mai enthüllt", lobte sich der Reporter gleich am Textanfang. Auch die angeblich regen Kontakte des damaligen Verbraucherschutzministers Horst Seehofer zu seiner Ex-Geliebten, nach reumütiger Rückkehr zu Ehefrau Karin, blieben der Zeitschrift nicht verborgen.
"Wen
n ich ein Idol bin, muss ich damit rechnen, dass die Medien mich beobachten", verteidigte "Bunte"-Chefredakteurin Patricia Riekel ihre Promi-Recherchen einmal. Wer sich wie Seehofer mit seiner Familie fotografieren lasse und sich auf ein konservatives Familienbild berufe, aber eine schwangere Geliebte in Berlin habe, "kann nicht auf Diskretion hoffen".
Ein Artikel auf Seite 6 der aktuellen "Stern"-Ausgabe liefert allerhand publizistischen Zündstoff für eine Debatte über die Frage, wie tief Rechercheure in die Privatsphäre von Politikern eindringen dürfen. Riekels Blatt aus dem Hause Burda hat die Berliner Foto- und Rechercheagentur CMK damit beauftragt, das Privatleben der Spitzenpolitiker Müntefering, Seehofer und Oskar Lafontaine auszuforschen. Pikant: Laut "Stern" ist für das CMK-Büro auch der Betrieb einer Detektei registriert.
Über die Recherche-Methoden in den drei Fällen gehen die Darstellungen auseinander: Der Verlag erklärte gestern, die "Bunte" habe CMK in den drei Fällen "um eine journalistische Fotorecherche gebeten". Über "unseriöse Recherchemethoden" sei nichts bekannt; als Kronzeuge führt der Konzern den Inhaber der Agentur an. Alles also "ein übliches journalistisches Vorgehen"? Oder ein handfester Spitzel-Skandal, wie der "Stern" nahelegt? Letzterer schildert Szenen, die auch aus einem Fernseh-Krimi oder einem Agenten-Thriller stammen könnten. Er beruft sich auf interne Unterlagen von CMK und auf Aussagen ehemaliger Mitarbeiter der Firma.
So sollen CMK-Leute seit Ende 2008 über Monate hinweg Münteferings Wohnung in der Berliner Innenstadt observiert haben, um Details über seine Beziehung in Erfahrung zu bringen. Bei der Aktion sollen auch Schumanns Briefkasten manipuliert und seine Fußmatte mit einem Melder präpariert worden sein. "Insider-Aussagen" legten außerdem den Verdacht nahe, dass gegenüber von Münteferings Apartment eine Observationswohnung angemietet worden sei. Ein CMK-Aussteiger will auf einer stundenlangen Zugfahrt direkt hinter Müntes Freundin gesessen haben.
Im Fall Lafontaines sollten die Recherche-Profis nach einem im Frühjahr 2008 erteilten Auftrag Gerüchten über eine angebliche Bezieh
ung des Politikers zu seiner attraktiven Berliner Fraktionskollegin Sahra Wagenknecht nachgehen. Laut "Stern" forschten sie dabei Lafontaines Berliner Domizil aus. Außerdem sei geplant gewesen, eine Überwachungskamera auf sein Wohnzimmer zu richten und einen CMK-Mitarbeiter als Praktikanten in die Linksfraktion einzuschleusen. Der Recherche-Auftrag wurde jedoch zurückgezogen - weil es damals, so der Burda-Verlag, keine weiteren Hinweise auf einen Seitensprung gab.
Den Späh-Angriff auf Lafontaine hatte im November 2009 ausgerechnet der "Focus" detailreich enthüllt - der ebenfalls im Burda-Verlag erscheint. Zufällig ist der allmächtige Chefredakteur des Nachrichtenmagazins, Helmut Markwort, auch Lebensgefährte von "Bunte"-Chefin Riekel.
Lafontaine selbst wollte sich gestern nicht zum "Stern"-Bericht äußern. Die Saar-Linke erklärte schmallippig, es handele sich um "eine persönliche Angelegenheit Oskar Lafontaines".
Der Burda-Verlag interpretiert die Vorwürfe im "Stern"-Artikel als Angriff eines Konkurrenten auf dem umkämpften Zeitschriftenmarkt. Er kündigte postwendend juristische Schritte an. Der Bericht sei der "Versuch der Verleumdung eines erfolgreichen Mitbewerbers". Dann holte der Burda-Verlag zum Gegenschlag aus: Im Fall Seehofer habe der "Stern" selbst mit der Agentur zusammengearbeitet - und ein Foto der Geliebten mit Kind veröffentlicht.
Das Privatleben öffentlicher Personen wird nicht mehr respektiert" - Hamburger Skandalforscher sieht journalistische Berufsethik in Gefahr
Der Hamburger Skandalforscher Steffen Burkhardt sieht einen Medien-Trend, vor dem Privatleben Prominenter nicht mehr Halt zu machen. Hagen Strauß sprach mit ihm.
Herr Burkhardt, wann wird ein Vorgang zu einem Skandal?
Burkhardt: Dass etwas zu einem Skandal wird, hängt davon ab, ob es einen gesellschaftlichen Nährboden gibt, sich über etwas zu empören. Je größer die Empörung dann ist, desto größer auch der Skandal. Übrigens haben nicht die Fehltritte zugenommen, sondern das Bewusstsein von Interessengruppen, etwas zu skandalisieren.
Derzeit gibt es ja viele Aufreger. So hat die "Bunte" offenbar Spitzenpolitiker beschatten lassen. . .
Burkhardt: . . . was ein absoluter Rückschritt in der journalistischen Berufsethik wäre, wie es ihn seit Jahrzehnten in Deutschland nicht mehr gegeben hat. Bislang waren solche üblen Methoden vor allem von der britischen Boulevardpresse bekannt. Aber es passt ins Bild: Wir erleben auch hierzulande eine neue Welle in der Presse, das Privatleben von öffentlichen Personen nicht mehr zu respektieren. Private Fehltritte werden außerdem immer öfter in Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit des Betroffenen gebracht.
Spielen Sie auf die Alkoholfahrt von Frau Käßmann an, die deswegen als EKD-Ratschefin und Bischöfin zurückgetreten ist?
Burkhardt: Richtig. Medien müssen diesen Zusammenhang konstruieren, um die Tabu-Verletzung, über Privates zu berichten, vornehmen zu können. Wenn eine Bischöfin drei Gläser Wein zu viel trinkt und ins Auto steigt, steht das ja in keinem Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit in der Kirche.|
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