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Bomben, Anschläge, Schüsse in Kabul - dort bilden Saar-Polizisten Sicherheitskräfte aus

(2010-03-11 19:38:03)

„Irgendwo knallt es immer“...




Foto: dpa
Saarländische Polizisten helfen in Afghanistan bei der Ausbildung von Sicherheitskräften. In der Kriegsregion stehen sie etwa vor der Herausforderung, Analphabeten in Blitzkursen für den Polizeidienst fit zu machen.

Von SZ-Redakteur Michael Jungmann

Saarbrücken/Kabul. „Ich stehe für einen weiteren Einsatz zur Verfügung“, sagt Kriminalkommissar Raimund Gross (Name geändert). Der 51-jährige Beamte beim Landeskriminalamt (LKA) des Saarlandes ist nach eigenen Angaben vom „Missions-Virus“ infiziert. Sein Kollege Dirk Rahmann (45), Oberkommissar und Dozent an der Fachhochschule für Verwaltung in Saarbrücken-Dudweiler, stimmt zu: „Ich würde es auch noch mal machen.“ Bei der nächsten Dienstreise nach Afghanistan würde Rahmann sich aber neben Erinnerungen an die Familie auch ein Foto von grünen saarländischen Wäldern einpacken. Jeweils mehrere Monate waren beide Beamte als Entwicklungshelfer in Sachen Polizeiausbildung in der islamischen Republik im Einsatz. „German Police Projekt Team (GPT)“ ist die offizielle Bezeichnung für die Aufbauhilfe in der Kriegsregion um Kabul. Aktuell sind dort mit Polizeioberkommissar Thorsten Schwarz (33) und Hauptkommissar Peter Jacob (51) wiederum zwei Saar-Polizisten stationiert. Schwarz bleibt im Auftrag der Europäischen Union voraussichtlich ein ganzes Jahr.

Die Zahl der Interessenten in der Landespolizei für diese Auslandsmissionen ist nach Angaben des Innenministeriums deutlich größer als das Angebot an Stellen. Vor jeder Dienstreise nach Afghanistan steht eine mehrwöchige Spezialausbildung mit Schwerpunkt Selbstschutz unter der Federführung der Bundespolizei.

Schießereien, Anschläge und Explosionen gehören im Kessel von Kabul zum Alltag. „Irgendwo knallt es immer“, berichten die Heimkehrer. Gross bildete in der Polizeiakademie in der Hauptstadt Offiziere und Unteroffiziere der paramilitärisch organisierten Sicherheitskräfte aus. Ein Teil seines Auftrages: Die Infrastruktur vor Ort so aufzubauen, dass eine geordnete Ausbildung erst möglich wird. Der Kriminalist wirkte zudem zwei Wochen unter abenteuerlichen Bedingungen im Distrikt Uruzgan in einem holländischen Camp, brachte Neulingen in einer Blitzausbildung das kleine Einmaleins des Schusswaffengebrauchs bei.

„99,9 Prozent der Menschen im Süden Afghanistans sind Analphabeten“, berichten Gross und Rahmann. Um diesen Menschen überhaupt den Umgang mit dem russischen Sturmgewehr Kalaschnikow beizubringen, ist Ideenreichtum gefordert. „Vormachen, einfache Geschichten erzählen und Bilder malen“, ist bei der Waffenkunde angesagt. Dolmetscher übersetzen die Anweisungen der Ausbilder in die beiden Amtssprachen Dari und Farsi. Disziplin, Drill, Fitness und Erste Hilfe sind weitere Schwerpunkte des Schnellkurses. Für Fehler werden 15 Liegestützen fällig, denn: „Die Leute sind nicht gewohnt, sich in Gruppen einzuordnen. Später sollen sie aber im geschlossenen Verband an Kontrollstellen oder im Objektschutz eingesetzt werden.“

Wie rekrutiert Afghanistan seinen Nachwuchs für die Sicherheitsdienste? Trainingsexperte Rahmann erzählt: „Aus den armen Bergdörfern werden die jungen Männer nach Kabul geschickt, um Geld zu verdienen. Wenn sie keinen anderen Job finden, melden sie sich bei der Polizei, die immer Leute sucht. Sie stellen sich donnerstags vor. Wenn Uniformen da sind, werden sie eingekleidet, bekommen eine Kalaschnikow in die Hand und sind samstags im Dienst.“ Kost und Logis sind für die Wachleute frei. Je nach Dienstgrad verdienen afghanische Polizisten zwischen 80 und 130 Dollar. Das Geld schicken sie ihren Familien. Zur Ausbildung gehören auch Hygiene-Regeln, etwa die Nutzung der Toiletten. Sogar das Öffnen von Fahrzeugtüren muss gezeigt werden. Rahmann erzählt von einem Afghanen, der bei brütender Hitze lange alleine in einem aufgeheizten Mannschaftswagen saß und nicht wusste, wie er da wieder rauskommt. Er wurde nur gerettet, weil bei einem Zählappell aufgefallen war, dass er fehlte.

Kontakte zur Bevölkerung waren für die Ausbilder sehr selten. Kurze Abstecher in die Stadt waren aus Sicherheitsgründen unmöglich. Wenn die Ausbilder unterwegs waren, dann nach dutzendfacher telefonischer Rücksprache und Routenabklärung stets im gepanzerten Auto und mit schwerer Schutzweste am Leib. Satellitenhandy, 120 bis 180 Schuss Munition, ein GPS-Gerät, zwei Funkgeräte, die Dienstwaffe, ein Erste-Hilfe-Rucksack und Wasser waren stets griffbereit. Gross und Rahmann berichten von Anschlägen, denen sie nur knapp entkommen sind. „Man wird dann schon nachdenklich“, sagen sie.


Hintergrund


Kontakt in die Heimat halten die Saarländer per Internet. In Innenminister Stephan Toscani haben sie einen festen Ansprechpartner. Toscani: „Die Beamten in Afghanistan sind Botschafter unserer saarländischen Polizei.“ Sollte das deutsche Ausbilderkontingent wie geplant erhöht werden, werden künftig wohl drei statt zwei Saar-Polizisten abgeordnet. mju


 

 
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