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Falscher Zug, falsches Ticket, falsche Stadt: Statt in Hamburg stranden zwei Flüchtlinge in Homburg

Die zwei verirrten Flüchtlinge (l.) und das Ehepaar Weyand. Foto: privat

Die zwei verirrten Flüchtlinge (l.) und das Ehepaar Weyand. Foto: privat

Es ist nur ein winziges Detail. Nur ein kleiner Buchstabe. Ohne diesen kleinen Unterschied würde es diese Geschichte nicht geben. Die Geschichte von einem jungen Ehepaar, das zwei Flüchtlingen in einer Winternacht Unterschlupf gewährt hat. Das winzige Detail, also die Buchstaben um die es geht, sind das A und O. Zwischen ihnen liegen 640 Kilometer. Nicht zwischen den Buchstaben, aber zwischen den Städten Hamburg und Homburg.

So kommt es, dass zwei Flüchtlinge sich ein Zugticket in eine falsche Stadt kaufen und in einen falschen Zug steigen. 40 Tage sind die beiden Cousins durch viele Länder geflohen. In Deutschland leben Verwandte von ihnen. Die sollen sie auch am Hauptbahnhof abholen – am Hamburger Hauptbahnhof. In Homburg ist niemand, es ist dunkel, kalt und ihr Handy-Akku ist leer.

So beginnt die Geschichte , die Philipp Weyand auf seiner Facebook-Seite gepostet hat und die über tausend Mal geteilt und geliked wurde. Der Zahnmedizin-Student wartet am Bahnhof auf seine Frau Marisa, als die ausgemergelten Männer aus dem falschen Zug am falschen Ort aussteigen. Hilflos schauen sie ihn an und fragen: „Can you help me?“ – „Maybe,“ antwortet der 30-Jährige. Alles, was sie bei sich haben, ist ein Rucksack, zehn Euro und ein Zettel mit einer Telefonnummer. Weyand tippt die Nummer in sein Handy ein. Die Frau am anderen Ende der Leitung ist die Tante der beiden Männer. Sie erwartet ihre Neffen. In Hamburg, nicht in Homburg.

Die Tickets in die Hansestadt kosten 256 Euro, der letzte Zug fährt in zwei Stunden. Der Plan, den die Weyands mit Mitarbeitern der Deutschen Bahn abgesprochen haben: Ein Cousin kauft die Tickets am Schalter in Hamburg und ein Bahn-Mitarbeiter in Homburg druckt sie aus. Doch der Plan gerät im Feierabendverkehr der Hansestadt ins Stocken. Dann die Nachricht: Die Bahn kommt zehn Minuten später. „So sehr haben wir uns noch nie über eine Verspätung gefreut.“ Doch als der Cousin am Hamburger Ticketschalter an der Reihe ist, schließt der Zug in Homburg gerade seine Türen – ohne die beiden Flüchtlinge .

Was nun? Die beiden 25 Jahre alten Cousins wollen die Nacht am Bahnhof verbringen und um neun Uhr den ersten Zug nach Hamburg nehmen. „Das konnten wir nicht zulassen. Deswegen haben wir umher telefoniert, um die beiden irgendwo unterzukriegen,“ sagt Marisa Weyand. Aber da Homburg eben nicht Hamburg ist, ist die Auswahl an Hotels, Motels und Jugendherbergen überschaubar. Es ist dann die Idee von Marisa Weyand, die beiden mit in ihre Drei-Zimmer-Wohnung zu nehmen.

„Wo sind denn eure Geschwister und Eltern? Seid ihr Waisen?,“ fragt einer der beiden Flüchtlinge überrascht, als sie in der Wohnung ankommen. Tausende Kilometer entfernt leben sie mit der ganzen Familie, 15 Menschen, in einem Haus. Wo sie genau herkommen, möchten sie nicht verraten. Nur so viel: der eine ist Englisch- und Islamlehrer, der andere hat Physik und Mathe studiert. Was sie auf ihrem Weg alles gesehen haben, erzählen sie nicht. Nur dass es schrecklich war. Dass sie mit dem Boot übers Mittelmeer geflohen sind und viele Menschen bei der Überfahrt gestorben sind. Sie wollen zurück in ihr Heimatland. Irgendwann. Wenn die Taliban sie und ihre Familie dort nicht mehr verfolgen.

In Homburg gibt es an diesem Abend Tiefkühlpizza. Seit Griechenland haben die beiden kaum etwas gegessen. Das Geld ist knapp, der Magen leer. Nervös und erschöpft schläft das Ehepaar ein. Ihre Schlafzimmertür sperren sie vorsichtshalber zu. Als der Wecker morgens um sechs Uhr klingelt, sind die beiden Gäste bereit für die letzte Etappe ihrer Flucht von der Stadt mit dem O in die Stadt mit dem A. Schnell tauschen sie noch die Namen aus, dann geht es los Richtung neue Heimat.

Die Weyands posten diese Geschichte bei Facebook . „Um bei all den negativen Schlagzeilen auch mal eine positive Nachricht in die Welt zu schicken,“ sagt Marisa Weyand. Und wenige Tage später haben sie nicht nur Hunderte Likes, Nachrichten und Reaktionen, sondern auch eine ganz spezielle Nachricht in ihrem Posteingang. Dort steht: „Wir sind gut in Hamburg angekommen, danke!“

© WhatsBroadcast
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