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Gerd Dudenhöffer: Mit dem Saarland funktioniert es nicht mehr

Gerd Dudenhöffer in seiner Paraderolle als Heinz Becker. Foto: Michael Reichel/dpa-Zentralbild/dpa.

Gerd Dudenhöffer in seiner Paraderolle als Heinz Becker. Foto: Michael Reichel/dpa-Zentralbild/dpa.

Frankfurt/Main. Freitagabend, Alte Oper Frankfurt, in zweieinhalb Stunden steht er auf der Bühne. Wenn Gerd Dudenhöffer an den typischen Saarländer denkt, fällt ihm dies hier ein: „Mmh, wat soll ich dann mache? Aach Gott, jetzt räänt’s ach noch. Wat soll ich mache? Nä, nä, ich glaab, ich hann die Freck.“ Eher pessimistisch seien seine Landsleute. „Und immer in der Selbstverteidigung.“

Jeder andere Landstrich ist stolz auf das, was er hat, findet Dudenhöffer. Die Bayern pflegten ihr „Mia san Mia“, in Baden-Württemberg gelte „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“. Die Saarländer aber: Wenn von Lyoner und Saarschleife die Rede ist, hieße es meist: Gibt es nichts anderes? Dudenhöffer aber sagt: „Lyoner ist was Dolles und die Saarschleife: Wenn Bayern so was Schönes hätte, die hätten’s auf dem Wappen drauf.“ Lyoner, Karlsberg, Saarschleife und de Becker Heinz: Säulen saarländischer Identität. Eigentlich. Oder bloß früher einmal?

14 Jahre sind vergangen seit dem letzten Auftritt von Dudenhöffers Bühnen-Ich im Saarland. Seit 14 Jahren macht er einen Bogen um die Heimat. An der Landesgrenze ist gnadenlos Schluss. Landau, Gerolstein, Trier. Aber kein Saarland. „Schluss, aus, fertig!“ Dabei lebt Dudenhöffer seit 63 Jahren hier, in Bexbach. „Ich bin ein überzeugter Saarländer. Ich würde wegziehen, wenn es mir hier nicht passen würde. Ich komme mit den Leuten klar, ich find’s schön, finde die Lebensart gut. Es ist nur schade, dass die Saarländer nicht stolzer sind auf das, was sie haben.“

Die Geschichte der Trennung des Landes von seinem neben Oskar Lafontaine und Nicole bekanntesten Botschafter beginnt 1997. Auf einer SZ-Veranstaltung verkündet Dudenhöffer das Aus von Alice Hoffmann in der bundesweit erfolgreichen Serie „Familie Heinz Becker“. Er spricht heute von einem „taktischen Fehler“, der ihm nicht wieder passieren würde. Ein Stein sei ins Rollen gekommen. „Das war einfach nicht schön, auch unfair, eine Kampagne auch der Saarbrücker Zeitung. Irgendwann war mir das zu doof, dann sagte ich mir: Es reicht jetzt, ich trete hier nicht mehr auf. Schluss, aus, fertig!“

Besonders getroffen hat Dudenhöffer allem Anschein nach ein SZ-Kommentar vom Mai 1998. Titel: „Geh fort, Heinz Becker!“ Darin wird die Meinung vertreten, dass Dudenhöffer Deutschland das Bild des trotteligen Saarländers vermittelt. Ein Dummkopf und Tollpatsch, etwas zurückgeblieben und von der Zivilisation überfordert. In den Tagen danach schlossen sich viele Saarländer dieser Meinung in Umfragen und Leserbriefen an. Kult oder Schrott, Stolz oder Scham: Über Heinz Becker entbrannte eine Art Glaubenskrieg, der mancherorts weiter tobt. Ausgerechnet Sing-Star Nicole zählte seinerzeit zu den großen Fans. Sie nannte die Figur eine „positive Fremdenverkehrswerbung“ für das Land.

Dudenhöffers Erinnerungen sind weniger schön: „Es ging mir auch persönlich nah, denn es wurde bis in die Familie reingetragen.“ Er spricht von einer Wunde, die zwar vernarbt sei, aber noch immer schmerzt.

Wie es aussieht, beruhen die Verletzungen der Vergangenheit, das zerrüttete Verhältnis der Saarländer mit einer saarländischen Institution, auf einem großen Missverständnis. Denn Heinz Becker ist überhaupt kein Saarländer. Zumindest nicht zwingend.

Ist Heinz Becker ein Saarländer? „Nein, jein“, sagt Dudenhöffer: „Er spricht Saarländisch. Es ist eine Kunstfigur, die einen Dialekt hat. Denn er braucht den Dialekt, weil er nicht spricht, sondern schwätzt.“ Dahinschwätzt. Das Stadium des Dummschwätzers hat er weitgehend hinter sich. Er guckt Fernsehen, kennt sich aus in der Welt, kriegt mit, was in Syrien los ist. Redet über den Klimawandel, Sterbehilfe und die Euro-Krise. Das Saarland und das Saarländische, genauer das Rheinfränkische, sind nicht zentral, die Sprache ist Mittel zum Zweck. In Frankfurt glauben manche fest daran, Heinz Becker sei ein Hesse. „Die Leute in Hamburg würden mich nicht verstehen, wenn ich Lokalkolorit machen würde“, sagt Dudenhöffer. Doch die Leute verstehen ihn sehr gut.

Mit seinem Programm „Sackgasse“ war er allein in diesem Jahr in über 100 Städten: Bonn, Mainz, Leipzig, Berlin, Hamburg, Dresden. Bis Weihnachten ist er noch auf Tour. Die Vorstellungen seien zu über 90 Prozent ausverkauft, sagt sein Manager: „Was wir derzeit auf der Bühne sehen, ist der beste Heinz Becker, den wir je hatten.“ Dudenhöffer selbst sagt voller Selbstbewusstsein: „Ich habe die Figur jetzt, wo ich sie hinhaben wollte.“ Es sei alles drin: „Es geht auch schon zur Sache, das heißt, dass Leute rausgehen oder bitterböse Briefe schreiben. Aber dafür ist Kabarett da: polarisieren, eine Reibefläche bieten.“ Den Leuten gefällt’s. „Ich mache das seit über 30 Jahren – es funktioniert.“

Nur mit dem Saarland funktioniert es nicht mehr. Der Prophet im eigenen Land: Man hat sich auseinandergelebt. Verletzte Eitelkeit? Gerd Dudenhöffer, schwierig und verbittert? „Warum sollte ich verbittert sein? Ich bin sehr zufrieden. Ich spiele in ausverkauften Häusern, ich freue mich, dass ich immer noch unterwegs sein kann. Ich bin etabliert.“ Ob sich die Saarländer freuen würden, wenn Heinz Becker zurückkäme? Darüber macht sich Dudenhöffer keine Gedanken. Er hat damit abgeschlossen. Er fühlt sich nicht mehr wohl auf saarländischen Bühnen. 14 Jahre saarlandlos: „Das muss man nicht überbewerten.“

Dass Heinz zurückkehrt, ist daher derzeit so wahrscheinlich wie Champions League im Ludwigspark. Dudenhöffer wähnt sein Alter Ego damit in prominenter Gesellschaft: „Ich stelle fest, dass es schon einige gab, die das Saarland verlassen haben, weil etwas nicht gepasst hat.“

Saarschleife, Lyoner, Dibbelabbes, Heinz Becker – gäbdd’s nix anneres? Oder ist die Zeit bloß eine andere im (ehemaligen) Aufsteigerland? „Ihn, den Heinz Becker alias Gerd Dudenhöffer, ohne trennende Mattscheibe zu sehen, ist ein Genuß“, befand die SZ nach einem seiner letzten Auftritte 1998 in Saarlouis und lobte: „Alles ist intelligent.“ Intelligente Unterhaltung auf Saarländisch. Dudenhöffer will als Satiriker „die Wahrheit überziehen, bis sie platzt“. Er bringt die Menschen damit zum Lachen. Zwei Stunden am Stück. Überall in Deutschland. Fast überall.

Auf einen Blick
Dudenhöffers aktuelles Programm „Sackgasse“ ist am 1. und 2. Januar abends im SWR zu sehen. An Heiligabend wird wieder die Kult-Folge „Alle Jahre wieder“ der „Familie Heinz Becker“ ausgestrahlt: 15.40 Uhr ARD, 17 Uhr NDR, 18.40 Uhr WDR, 22.30 Uhr SR. Seine neue Tour „Die Welt rückt näher“ startet Ende April 2013 in Frankfurt. tho

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