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Merzig: Die Eltern des polnischen Nationalspielers

Seine Frau Anna Matuschyk bereitet Tee in der Küche, als der Vater erzählt, dass er Oberschlesier ist. Seit ein paar Jahren hat er ein künstliches Hüftgelenk. Seine Berufsunfähigkeitsrente bessert er als Küchenhilfe im Merziger Krankenhaus auf. Anna Matuschyk bringt Schwarztee, setzt sich dazu. Ihre Wohnung in der Merziger Hauptstraße ist blitzblank, das Parkett gewienert. Staub scheint ein Fremdwort für die Mutter, die 53- Jährige arbeitet als Putzfrau. Beide lächeln freundlich. Viele Familienfotos hängen an den Wänden der Gründerzeitwohnung. Vor allem von Sohn Adam. „Er hat es geschafft“, sagt Vater Matuschyk stolz. Sein Sohn ist Fußball-Profi, polnischer Nationalspieler und Nichtraucher. Am Freitag beim Eröffnungsspiel gegen Griechenland spielte der 23-Jährige XX Minuten. Die Eltern waren im Stadion. Bis dorthin war es ein langer Weg für sie.

Vier Tage vor dem Spiel zeigt der Vater Adams Autogrammkarten, Fanposter, Pokale; erzählt von Adams Jugendzeit bei der SpVgg Merzig, beim VfB Dillingen. 2003 der Wechsel zum 1. FC Köln, dann zu Fortuna Düsseldorf, dann wieder nach Köln. 42 Erstligaspiele hat sein Sohn bisher für die Geißböcke gemacht. Sein Marktwert liegt laut transfermarkt. de bei zwei Millionen Euro. Er hat einen deutschen und einen polnischen Pass. Dass er für Polen spielt und nicht wie Lukas Podolski für Deutschland, hat sportliche, aber auch leidenschaftliche Gründe: „Ich habe ihm als Kind immer Videos der guten polnischen Mannschaften gezeigt“, erinnert sich der Vater. Das WM-Halbfinale 1974 gegen Deutschland zum Beispiel, die Regenschlacht mit dem großen polnischen Regisseur Kazimierz Deyna, genannt „der General“.

„Er ist Adams großes Vorbild“, sagt Georg Matuschyk. Als 2009 das Angebot des polnischen Verbandes kam, war schnell klar, dass sein Sohn es annimmt. Inzwischen hat der Mittelfeldspieler 20 Länderspiele. Im Viertelfinale oder im Finale könnte Polen auf Deutschland treffen. „Darüber denken wir besser nicht nach“, sagt Vater Georg und lacht. „Adam hat uns für jedes EM-Spiel der Polen acht Karten besorgt. Wir werden uns alle anschauen mit der Familie“, erzählt er. Seine oberschlesische Heimat in Gleiwitz (Gliwice) werden sie auch besuchen. Eine Lehre zum Bergbau- Schlosser hatte Vater Matuschyk dort in den 70ern abgeschlossen. Doch der Kollaps der Sowjetrepublik zermürbte die polnische Wirtschaft.

1989 sah der damals 31-Jährige nur noch einen Weg, um seine Familie zu ernähren: den nach Deutschland. Ohne seine Frau Anna, ohne den damals dreijährigen Sohn Marius – und ohne den acht Monate alten Adam. „Das war eine schwere Entscheidung“, sagt der Vater und zieht an seiner Zigarette. „Aber es ging nicht anders.“ Das Geld hätte sonst nicht gereicht. Dass er nach Deutschland ging, lag nahe. Sein Vater hatte deutsche Wurzeln. So hatte Georg Matuschyk bereits die deutsche Staatsbürgerschaft. Er lebte, bis er sechs Jahre alt war, bei seiner Großmutter, „die nur Deutsch mit mir sprach. Bis zu meinem sechsten Lebensjahr konnte ich kein Polnisch.“ Sein Weg in die Fremde führte ihn ins Saarland. Auch weil „sie uns in Polen erzählt hatten: Im Saarland gibt es Bergbau, dort findet ihr sicher einen Job. Was sie uns nicht sagten, war, dass im Saarland damals schon die Hälfte der Gruben dicht war.“ Zunächst schlug er sich als Leiharbeiter durch.

Die Trennung schmerzte, die Sehnsucht nach seiner Familie nagte an ihm. „Diese Einsamkeit war schrecklich“, erinnert er sich heute noch mit stockender Stimme. Als 1991 sein Vater in Polen starb, fuhr er zurück nach Gleiwitz. Dort angekommen, packte er seine Familie ins Auto und fuhr los. Ziel: Merzig. „Als wir an die deutsch-polnische Grenze kamen, schaute der Zöllner in mein Auto, sah die zwei Kinder, das ganze Gepäck. Er schaute uns in die Augen – und winkte uns durch. Das werde ich nie vergessen“, erzählt der Vater. Die Familie schlug sich so durch. Anna putzte, Georg arbeitete bei Drahtcord, bei Villeroy & Boch. „Wir waren glücklich mit unserer Familie“, sagt die Mutter. Doch es sollte wieder eine schmerzhafte Trennung auf die beiden zukommen. Bereits mit eineinhalb Jahren habe Adam gekickt, erzählt der Vater.

„Alle haben damals schon zu mir immer gesagt, da wächst ein neuer Maradona heran.“ Bis zum sechsten Lebensjahr kickte er auf dem Hof oder auf dem Bolzplatz um die Ecke. Mutter Matuschyk stand oft im Tor, „wie Oliver Kahn“, sagt sie und lacht. Als Adam sechs Jahre alt war, meldeten ihn die Eltern bei der SpVgg Merzig an. Adam schoss Tore am Fließband und fiel mit acht Jahren bei einem großen Jugendturnier bereits den Spähern des 1. FC Köln auf. Adam Matuszyk wechselte aber nach Dillingen, spielte in der Saarauswahl. Als er 14 war, stand das Telefon in der Merziger Torstraße nicht mehr still: Bayer Leverkusen, Karlsruher SC, der 1. FC Köln, Werder Bremen, der 1. FC Saarbrücken.

„Alle wollten Adam“, sagt der Vater, der nun in einem Dilemma war: Er wollte nicht von seinem Sohn getrennt sein, er wollte ihm aber auch nicht seinen Traum zerstören. „Das war eine sehr schwere Zeit für Anna und mich“, erinnert sich Georg Matuszyk. Dennoch: Sie fuhren mit Adam überall hin, schauten sich die Jugendzentren an. In Köln sagte Adam, „dort will ich hin. Dort war alles sehr familiär.“ Doch der Vater verweigerte seine Unterschrift, bis Adam an Heiligabend 2002 zu ihm sagte: „Entweder du unterschreibst, oder ich setze mich alleine in den Zug und fahre nach Köln.“ Der Vater unterschrieb. Adam zog nach Köln zu Christoph Henkel, dem Jugend- Geschäftsführer des 1. FC Köln, lebte fünf Jahre in dessen Familie. „Als Adam ging, habe ich vier Wochen geweint“, sagt die Mutter. Die Stimme des Vaters zittert, er drückt seine Kippe im Köln- Aschenbecher aus, hat Tränen in den Augen: „Ich habe damals jeden Tag auf den Anruf gewartet, dass Adam sagt: Ich komme wieder zurück. Doch seine Leidenschaft für den Fußball war einfach größer.“

Der Schmerz wich der Gewissheit, dass es ihrem Sohn gut ging. Adam hat sich bei Henkels bestens gefühlt, sein Abitur bestanden, ist Profi geworden. Er ist inzwischen mit einer Kölnerin verheiratet, mit der er seinen Eltern zwei Enkel geschenkt hat: Lennox ist zweieinhalb Jahre, Luiza acht Monate alt. „Es ist schön, dass die Kinder ihren eigenen Weg gehen“, sagt der Vater. Adam will, dass seine Eltern nach Köln ziehen. „Wir sind die glücklichsten Eltern des Saarlandes“, sagt Georg, „aber wir wollen nicht nach Köln“. In Merzig haben sie viele Freunde, erzählt der Vater. Er kenne jeden auf den Ämtern, in der Bäckerei, im Supermarkt, auf dem Sportplatz. „Wir wollen auch nicht mehr zurück nach Polen“, sagt er: „Einmal entwurzeln reicht. Wir bleiben Merziger.“

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