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Simone Peter und der Atommüll

Remlingen. „Peter, Simone, 17.11.2011, nicht kontaminiert“, steht in der Liste, in die sich jeder eintragen muss, der wieder hoch will. Alles muss seine Ordnung haben, muss dokumentiert werden, hier unten, 750 Meter tief in der salzigen Erde Niedersachsens. Simone Peter – weißer Kittel, roter Helm, grünes Parteibuch – hat ihre Gesundheit von einer seltsamen Gerätschaft überprüfen lassen. „Hand-Fuß- Kleidermonitor“ heißt der Apparat, der an eine Standwaage in einer Apotheke erinnert.

Die saarländische Umweltministerin musste ihre Füße parallel aufstellen, die Hände in einen Drahtschlitz stecken und auf einen Schwarz-Weiß-Bildschirm starren. Nach 20 Sekunden dann das „OK“ – nicht kontaminiert. Es ist die einzige gute Nachricht an diesem Nachmittag an einem der unheimlichsten, weil unverständlichsten Orte der Republik. „Erschreckend“ wird Peter den Besuch später nennen. „Schachtanlage Asse“ steht auf dem unscheinbaren Straßenschild an der Hauptstraße von Remlingen, einem 1800- Seelen-Dorf bei Braunschweig. Fast idyllisch der Empfang in der Straße „Am Walde“, hier könnte auch ein Ausflugslokal zu Kaffee und Kuchen einladen. Doch die Idylle trügt. Ganz gewaltig. Denn unter der Erde lagern 125 787 Fässer mit radioaktiv verstrahltem Müll. Die Asse ist der Schandfleck deutscher Atompolitik. Das ehemalige Salzbergwerk ist zu einem Sinnbild für das Versagen im Umgang mit den Hinterlassenschaften der Kernenergie geworden.



„Die Bilder von wild übereinander liegenden Fässern haben zu einem massiven Vertrauensverlust der Bevölkerung in eine sichere Endlagerung geführt“, sagt Wolfram König, der Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz. Simone Peter ist zu ihrem Parteifreund gefahren, um mit eigenen Augen zu sehen, wie schlimm es steht um die Asse. Denn sie will optimal vorbereitet sein, wenn in den nächsten Monaten und Jahren die Endlagerfrage in Deutschland auch jenseits von Gorleben beantwortet werden soll. Zudem treibt sie die Sorge um, was direkt hinter der Grenze passiert. Das Dauerthema Cattenom und der wahrscheinliche Endlager- Standort der AKW-Großmacht Frankreich im rund 150 Kilometer entfernten Bure bei Nancy hat Peter vor vier Wochen offiziell zu „Schwerpunktprojekten“ ihrer Amtszeit ausgerufen.

Cattenom und Bure werde man mehr denn je „kritisch begleiten“, sagt Peter: „Die Risiken müssen umfassend erfasst und einer möglichen Gefährdung der saarländischen Bevölkerung muss gegengesteuert werden.“ Peter will sich Anfang Dezember in Bure selbst ein Bild machen, zuvor möchte sie in die Schweiz reisen. Dort hat man eine transparente und nachvollziehbare Endlagersuche gestartet. Im Fußball würde man mit Blick auf die Asse sagen: Simone Peter geht dorthin, wo’s wehtut. Denn es tut wahrlich weh, zu sehen, was in dem Bergwerk angerichtet wurde zwischen 1967 und 1978, als man Atommüll noch streng nach der Devise behandelte: aus den Augen, aus dem Sinn. Bedenken, dass Wasser in die Asse eindringt, wurden damals verdrängt.



Heute müssen pro Tag 12 000 Liter abgepumpt werden, weil das Wasser die Stabilität des Bergwerks gefährdet und nicht bis zu den Kammern mit dem Atommüll vordringen soll. Säuft das Bergwerk ab, verseucht Radioaktivität das Grundwasser. Eine Horrorvorstellung. „Wahnsinn“, sagt Simone Peter nach den ersten Eindrücken unter Tage. Das Wort wird sie an diesem Tag noch oft in den Mund nehmen. In der Asse, dieser unwirklichen Höhlenlandschaft, erinnert vieles an die Festung eines Bösewichts in einem James-Bond-Film der Siebziger. Ganz so weit weg von der Wirklichkeit ist der Vergleich nicht. Bis 1978 haben wenn nicht bösartige, dann mindestens sorglose Menschen etwas in der Erde vergraben, das längst zu einer ernsthaften Bedrohung geworden ist.

Ernsthaft gekümmert um den Dreck hat sich lange Jahre niemand. Als die Situation nach etlichen Pannen zu eskalieren drohte, übertrug die Bundesregierung dem Bundesamt für Strahlenschutz 2009 die Verantwortung für die Asse. Wolfram König, der Chef, wurde in die Rolle des James Bond gedrängt. Er versucht seither zu retten, was vielleicht nicht mehr zu retten ist. Das Problem, anders als in einem Bond-Film: „Es gibt kein Drehbuch“, sagt König. Er und seine Leute wissen nicht, ob ihr Plan funktioniert: Sie wollen in einem beispiellosen Verfahren versuchen, den Atommüll aus der Erde zu holen und sicher zu lagern. „Die beste Möglichkeit unter drei schlechten“, nennt König das milliardenteure Vorhaben.



Alternativ war geprüft worden, die Kammern vollständig mit Beton zu verfüllen oder die Fässer innerhalb der Grube umzulagern. Die Rückholung aber, sagt König, sei „nach jetzigem Kenntnisstand der einzige Weg, einen dauerhaften Schutz vor Strahlung“ zu gewährleisten. Peter ist beeindruckt von dem „Wahnsinnsaufwand“, den König und Co. betreiben. Vor Kammer 8 verschlägt es ihr dann aber die Sprache. Hier stehen brusthohe eckige Plastikfässer mit schwarz-gelben Dreiecken und der furchteinflößenden Aufschrift „Radioaktiv“. 16 Liter stark kontaminiertes Wasser werden täglich aus der Kammer gepumpt. Niemand weiß, was sich mehr als 30 Jahre nach der Einlagerung hinter der 15 Meter dicken Betonwand an Schrecklichkeiten verbirgt.

„Es ist unfassbar, dass in das völlig ungeeignete Bergwerk über Jahre wider besseres Wissen und an der Öffentlichkeit vorbei Atommüll eingelagert wurde“, sagt die Ministerin. „Nicht auszudenken“ sei es, wenn das bei hochradioaktiven Abfall passieren würde. Um die Dimension zu verdeutlichen, was stark strahlende Stoffe anrichten können: In einem einzigen Castor-Behälter lauert die 200-fache Radioaktivität des gesamten Asse-Mülls. Schon kommende Woche, vermutlich am 25. November, soll wieder ein Castor durchs Saarland rollen. Einer Studie zufolge werden die Atomtransporte weiter zunehmen. Peter hat in dieser Sache jüngst deutliche Worte Richtung Bund gerichtet. Zurück an der Oberfläche gibt es für Simone Peter dann doch noch gute Nachrichten. Französische Experten haben gefordert, dass alle 58 Reaktoren im Land nachgerüstet werden müssen. Es ist ein Teilerfolg auch für die saarländische Umweltministerin. Und ein Hoffnungsschimmer, dass sich der Kampf an den vielen Fronten lohnen könnte.

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