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Sind wir alle Hypochonder? Deutsche gehen zu oft zum Arzt

Der Herr Doktor wird's schon richten: Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse haben die Deutschen großes Vertrauen in ihre Ärzte - und bemühen sich oft zu wenig selbst um ihre Gesundheit.

Der Herr Doktor wird's schon richten: Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse haben die Deutschen großes Vertrauen in ihre Ärzte - und bemühen sich oft zu wenig selbst um ihre Gesundheit.

„Die Menschen fühlen sich im deutschen Gesundheitswesen grundsätzlich gut aufgehoben“, kommentierte TK-Chef Norbert Klusen die Ergebnisse der Patienten-Befragung. Allerdings müssten sie dazu bewegt werden, ihre Gesundheit stärker selbst in die Hand zu nehmen, so Klusen. Die Studie liefert dazu alarmierende Zahlen: Auf die Frage, ob sie wegen einer selbst empfundenen chronischen Erkrankung regelmäßig in Behandlung seien, antworteten 43 Prozent mit „Ja“. Nach medizinischen Maßstäben leiden aber nur 20 bis 28 Prozent aller Deutschen an einer chronischen Krankheit. Entsprechend stark sind dann auch die Praxen frequentiert. Fast jeder zweite gab an, innerhalb der letzten vier Wochen vor der Befragung beim Arzt gewesen zu sein. In den letzten sechs Monaten davor waren es sogar neun von zehn gesetzlich Versicherten.

18 Arztbesuche im Jahr

Die Angaben untermauern eine Studie, die bereits im Vorjahr von Hannoveraner Forschern im Auftrag der Gmünder Ersatzkasse erarbeitet worden war. Danach sucht jeder Deutsche etwa 18 Mal im Jahr einen Arzt auf – ein Spitzenwert im internationalen Vergleich. Auffällig ist, dass die sich selbst als Chroniker empfindenden Versicherten und die „Nicht-Chroniker“ sehr unterschiedliche Faktoren für ihren Gesundheitszustand geltend machen: Nur etwa jeder vierte, der sich als chronisch krank bezeichnet, führt seine Beschwerden auf eigenes Verhalten zurück. Hier gilt offenbar das Motto, der Arzt wird's schon richten. Mehr als 50 Prozent der „Chroniker“ meinen gar, dass körperliche Beschwerden davon abhängen, ob man Glück oder Pech habe. Von denjenigen Befragten, die sich als nicht chronisch krank betrachten, ist dagegen mehr als jeder dritte überzeugt, dass Gesundheit auch mit dem individuellen Lebensstil zu tun hat.

Tatsächlich hänge der Therapie-Erfolg stark davon ab, wie gut der Patient mitarbeite. Vor allem bei chronischen Leiden wie Herz-Kreislauf-Erkankungen oder Diabetes sei es entscheidend, dass der Patient in der Therapie eine aktive Rolle spiele, heißt es in der Studie. So könnten schon etwas Sport und eine gesündere Kost den Ausbruch der Zuckerkrankheit bei den meisten Risikopatienten verhindern.

„Wenn sich fast die Hälfte eines Volkes als chronisch krank bezeichnet, muss uns das zu denken geben. Und es lässt auch Rückschlüsse auf die Erwartungshaltung der Menschen gegenüber unserem Gesundheitswesen zu“, meinte Klusen. In der Studie wird allerdings auch nicht verschwiegen, dass die Kassen selbst ein Interesse an möglichst vielen ärztlichen Diagnosen haben. Denn nur so bekommen sie möglichst viel Geld über den krankheitsbezogenen Finanzausgleich aus dem Gesundheitsfonds zugewiesen. Auch die Ärzte profitieren, denn ihre Vergütung steigt ebenfalls mit der Menge der dokumentierten Krankheiten.

In Koalitionskreisen wird deshalb darüber nachgedacht, die Praxisgebühr auszuweiten. Dass sich die Häufigkeit der Arztbesuche dadurch eindämmen ließe, ist nach Einschätzung Klusens aber nicht zu erwarten. Die Praxisgebühr habe schon jetzt keinen Steuerungseffekt. Selbst wenn sie bei jedem Arztbesuch gezahlt werden müsste, bliebe sie „nur ein reines Finanzierungsinstrument“, meinte Klusen.

Auch wenn die meisten Patienten im Allgemeinen mit ihren Ärzten zufrieden sind, so fühlen sich viele nicht ausreichend über ihre Behandlung oder die Medikamente, die sie verschrieben bekommen, informiert. Nach der Studie der Techniker Krankenkasse (TK) gaben mehr als 60 Prozent der Befragten an, dass ihr Arzt sie nicht über Behandlungsalternativen aufkläre und nach ihrer Meinung frage. Beinahe die Hälfte der Befragten sagte, dass ihr Arzt ihnen selten oder nie die Behandlungsziele erkläre. Fast ein Viertel der Befragten gab an, dass sie widersprüchliche Informationen von verschiedenen Ärzten oder anderen im Gesundheitswesen Beschäftigten erhielten. Fast 40 Prozent sagten, dass ihr Arzt sie selten oder nie über Nebenwirkungen der von ihnen eingenommenen Medikamente aufgeklärt habe. Jeder Fünfte beklagte, von seinem Arzt nicht in dem Maße informiert und in Entscheidungen eingebunden zu werden, wie er es möchte. afp

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