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So fühlt sich das Alter an: Erfindung aus Saarbrücken simuliert typische Gebrechen

Saarbrücken. „Gestern bin ich spazieren gegangen“, erzählt Johannes Laubmeier. Eigentlich ist er ein fitter junger Student, der meist zwei Treppenstufen auf einmal nimmt. Doch gestern brauchte er über eine halbe Stunde für die 600 Meter vom Seniorenzentrum zum Hubschrauberlandeplatz auf dem Winterberg. „Und von den Vögeln habe ich nichts gehört, nur ein leises Fiepen.“

Spezialanzug  simuliert Alterserscheinungen

Wie ein fast 80-Jähriger fühlt sich der 22-Jährige auf einmal. Schuld daran ist der „Age Man“, ein Spezialanzug, der mit einer Reihe von Hilfsmitteln normale Alterserscheinungen simuliert. Eine Bleiweste macht das Schwinden der Kräfte spürbar, Manschetten sorgen für arthritisch wirkende Gelenke, Handschuhe vermindern die Fingerfertigkeit, und ein Visier-Helm schränkt Gesichtsfeld und Sehvermögen ein – die Ohren schließlich sind unter kopfhörerähnlichen Kapseln wie in Watte gepackt. Man sehe aus wie eine Mischung aus Superheld und Schweißer und komme sich vor wie ein Anti-Held, sagt Laubmeier über den „Alterssimulationsanzug“. Seinetwegen ist der Journalistik-Student aus dem bayerischen Eichstätt nach Saarbrücken gekommen. Denn hier sitzt das Meyer-Hentschel Institut, das den „Age Man“ entwickelt hat.

Nur mit fremder Hilfe ein Marmeladeglas öffnen

Laubmeier hat sich den Anzug ausgeliehen und sich drei Tage lang im Procon-Seniorenzentrum auf dem Winterberg einquartiert. Um am eigenen Leib zu erfahren, wie ein alter Mensch den Alltag erlebt. Seine Erlebnisse will der Student der Universität Eichstätt niederschreiben. Schon beim Frühstück gingen für Laubmeier die Aha-Erlebnisse los. Nur mit fremder Hilfe ließ sich das Marmelade-Döschen öffnen. „Erst hatte ich abgelehnt, es ist schlimm zu sehen, dass man zunehmend scheitert“, sagt Laubmeier. Auch warum alte Menschen einsilbiger werden, kann er jetzt besser nachvollziehen. Als die Tischnachbarinnen ihn ansprachen, verstand er sie wegen der Ohrkapseln nicht. Erst wollte er nachfragen. „Dann dachte ich, ich lass’ es lieber sein, wenn es so anstrengend ist.“

Da der Student ja wissen wollte, was seine „Mitbewohner“ bewegt, setzte er den Helm öfter ab. Nahe gegangen ist ihm besonders das veränderte Zeitgefühl der Alten: Früher liefen ihnen die Stunden davon, heute warten sie von Essen zu Essen. Doch sogar er als Nachtschwärmer war – wegen der Bleiweste – froh, wie die Alten früh ins Bett zu kommen: Nicht um zu schlafen, sondern um zu liegen.“

Einsatz in der Aus- oder Fortbildung von Pflegekräften und Ärzten

Nicht nur für Laubmeier selbst, auch für das Meyer-Hentschel Institut und das Procon-Seniorenzentrum Winterberg, bedeutete dieser „Age-Man“-Test eine neue Erfahrung. Weshalb sie den jungen Mann begeistert unterstützten. Das Institut setzt den Anzug vor allem in der Aus- oder Fortbildung von Pflegekräften und Ärzten ein, um diesen die Wünsche und Bedürfnisse der Alten nahe zu bringen. „Niemand hat ihn bisher so lange am Stück getragen wie Johannes Laubmeier“, sagt Gundolf Meyer-Hentschel. „Vielleicht sollte man mal die Politiker, die die Pflegezeiten kürzen, in den Anzug stecken“, schlägt Heim-Direktorin Heidi Köhler vor. „Dann würden sie sicher anders entscheiden.“

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