L269 zwischen Riegelsberg und Püttlingen Fahrbahnerneuerung, beide Fahrtrichtungen gesperrt, von 17.08.2018 17:00 Uhr bis 19.08.2018 20:00 Uhr (16.08.2018, 12:25)

Priorität: Normal

20°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken
20°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken

So geht es in der Forensischen Psychiatrie in Merzig zu

Von SZ-Redaktionsmitglied Nadine Klees

Merzig. Doch was sind das für Straftäter, die nicht ins Gefängnis kommen, sondern in der Forensischen Psychiatrie behandelt werden? Suchterkrankte, psychisch Kranke, geistig Behinderte. „Die Personen haben die Tat im Rahmen ihrer Erkrankung begangen“, erklärt Annen, verursacht durch Persönlichkeitsstörungen oder Psychosen wie Wahnerkrankungen. Einige sind davon überzeugt, dass sie verfolgt werden. „Andere verstehen die Welt einfach nicht. Die Straftaten resultieren daraus.“

Diebstahl, sexueller Missbrauch, Mord – die Bandbreite der Delikte ist groß. Am häufigsten seien jedoch Körperverletzungen. 90 Prozent der Patienten sind Männer. „Dafür sind die Delikte unter den Frauen meistens gravierender“, fasst der Chefarzt zusammen. Meist Körperverletzung oder versuchter Todschlag. Im Gegensatz zu den Männern haben die Taten der Frauen häufiger einen Beziehungsaspekt. Eines haben beide Geschlechter jedoch gemein: Sie kommen alle aus den unterschiedlichen sozialen Schichten: „Viele kommen aus desolaten Zuständen. Aber wir behandeln auch Sozialarbeiter, Physiker und Ingenieure“, berichtet Annen.

Der Blick des Chefarztes ruht nachdenklich auf dem Gebäude. Er trägt ein Hemd mit kleinen Karos unter seinem Jackett, sein grauer Bart ist kurz geschnitten. Er wendet sich von dem erschreckenden Stacheldraht ab. Mit wiegenden ruhigen Schritten setzt er sich in Bewegung: „Zum Glück gilt der schreckliche Zaun nur für eine Handvoll Patienten.“ Denn viele Patienten können nach therapeutischen Erfolgen verlegt werden – auf die Stationen, die nicht derart gesichert sind. Entlassen werden sie jedoche erst, wenn sie wieder selbst Verantwortung für sich übernehmen können. „Für zehn bis 15 Prozent gibt es allerdings keine Perspektive.“ Seit 2010 leitet Annen die Forensische Psychiatrie in Merzig. Ungewöhnliche Arbeitsplätze scheinen ihn schon immer gereizt zu haben: Nach seinem Medizinstudium in Homburg war er als Truppenarzt bei der Bundeswehr. Anschließend trat er eine Stelle als Assistenzarzt in der Allgemeinen Psychologie an, bevor er zur Forensik kam. „Ich finde es interessant, dass man die Patienten hier über einen längeren Zeitraum begleitet.“
Die Entscheidungen, die Annen in seinem Arbeitsalltag treffen muss, können schwere Folgen haben: „Es ist schwierig, das richtige Maß zwischen Freiheitsanspruch der Patienten und Sicherheitsbedürfnis der Bürger zu finden“, erklärt der Mediziner. Ein Patient habe einen Anspruch auf Therapie und zunehmende Lockerung, was die Unterbringung angeht, wenn er Fortschritte macht. „Dabei kann es immer passieren, dass man Patienten über- oder unterschätzt.“ Das heißt, sie weiter unberechtigt einsperrt oder zu früh an eine längere Leine lässt. Diese Entscheidungen trifft er deshalb auch nicht alleine. Die Arbeit in der Forensik sei 100 Prozent Teamarbeit, sagt er. In Besprechungen tauscht er sich mit Therapeuten aus. Regelmäßig werden auch externe Gutachter eingebunden.

„Guten Morgen, Herr Annen.“ Zwei junge Männer in Blaumann-ähnlichen Hosen und Basball-Caps laufen auf dem Gelände zügig vorbei. Ihr Gruß klingt fast etwas schuljungenhaft, wie Schüler, die morgens in der Klasse artig aufstehen, wenn der Lehrer den Raum betritt. „Die zwei kommen gerade aus der Arbeitstherapie“, erklärt der Chefarzt und grüßt zurück. Sie bewegen sich in Richtung der Reha-Stationen. Dort, wo die Patienten gegen Ende ihrer Therapie wieder auf das „normale“ Leben vorbereitet werden sollen.

Für jeden Patient wird jährlich ein Gutachten erstellt. Das bestimmt, wie er untergebracht wird und welche Freiheiten ihm zugestanden werden. Schlägt die Therapie an, gibt es erste Lockerungen. Dazu gehört anfangs „Ausführung mit einem Mitarbeiter“. Das heißt, der Patient darf zunächst in Begleitung die Station verlassen und sich auf dem Klinikgelände bewegen. Sehr beliebt für diese kleinen Ausflüge sei das Patientencafé, das im mittleren Gebäude untergracht ist. Auf einer Terrasse kann man seine Getränke auch im Freien zu sich nehmen. Die Preise seien sehr moderat, schließlich haben die Patienten wenig Geld: „Jeder bekommt 106 Euro Taschengeld im Monat. Manche erhalten eine Arbeitsprämie“, erklärt Annen.
Später darf der Patient alleine die Station verlassen: „Nach und nach wird der Radius vergrößert, dann dürfen sie auch in die Stadt zum Einkaufen“, erklärt Annen. Manche Patienten können einer externen Beschäftigung nachgehen. Ein Sozialarbeiter helfe dabei und übernehmen die Betreuung, hält Kontakt mit dem Arbeitgeber. In der jeweiligen Firma kennt jedoch nur der Arbeitgeber die ganze Wahrheit über seinen Mitarbeiter. Annen erklärt, dass nicht jeder Patienten für jede Arbeit geeignet sei: „Jemand, der einen Raubüberfall begangen hat, wird nirgends eingesetzt, wo er mit Geld in Berührung kommt. Genauso wenig wie jemand, der ein Kind missbraucht hat, in den Kindergarten geschickt wird.“ An dieser Stelle lobt der Chefarzt nicht nur die Firmen, die mit ihnen kooperieren, sondern auch die Stadt: „Merzig und seine Bürger gehen ganz selbstverständlich mit der Einrichtung um.“

Gehen die Patienten alleine in die Stadt oder spazieren, werden sie von den Mitarbeitern der Psychiatrie angehalten, Distanz zu anderen Bürgern zu halten: „Sie sollen sich an bestimmte Verhaltensregeln halten und höflich sein“, zählt Annen auf. Im Falle, dass sie jemanden kennenlernen oder sich gar verlieben, müsse der Partner in die Therapie miteinbezogen werden: „Da muss man dann natürlich mit offenen Karten spielen.“

Ist die Therapie entsprechend fortgeschritten, können Patienten auf die Reha-Station verlegt werden. Die Türen des Gebäudes am anderen Ende des Geländes der Forensischen Psychiatrie – weit weg vom eingezäunten Sicherheitsblock – stehen offen. An den Fenstern gibt es keine Gitter. Vor dem überdachten Eingang stehen eine alte Sofagarnitur und ein Tisch mit einem Aschenbecher. Drin darf nicht geraucht werden. Nur auf den geschlossenen Stationen gibt es Raucherzimmer.

Ein Mitarbeiter öffnet im ersten Stock die verschlossene Tür. Keine Gitter heißt nicht, dass jeder kommen und gehen kann, wann er will. Dafür gibt es feste Zeiten. Im Flur stehen zwei Fitnessgeräte und eine Sofaecke. Wieder ein fast überfreundliches energisches „Guten Morgen“ – gleich mehrfach. Die zwei Männer scheinen nur da zu sitzen und Löcher in die Luft zu starren. In einem Schrank daneben stehen Spiele und Schachbretter. Am Ende des Flurs der bieder eingerichtete teils vertäfelte Speiseraum und eine Küche.

Die Verhältnisse auf der Station sind etwas großzügiger als auf den anderen. Zwei Patienten öffnen ihre Zimmertür und gewähren einen Einblick in ihr Reich: Die zwei schmalen Betten sind mit bunter Bettwäsche bezogen, viele private Habseligkeiten liegen herum, ein Fernseher. Am Fenster steht ein kleiner Tisch, dort sitzen die beiden und spielen Karten. Während der eine eher etwas misstrauisch schaut, fängt der Ältere von beiden an zu erzählen: „Man hat nicht das Gefühl gefangen zu sein. Es gibt Korridorzeiten, zu denen man raus darf.“ Es herrsche eine recht lockere Atmosphäre. Noch gibt es Gemeinschaftsbäder auf dem Flur. Das werde sich aber bald ändern, sagt Annen.

Im Moment werden 160 Patienten stationär behandelt, 50 weitere in der abmulanten Nachbetreuung. Das heißt Mitarbeiter besuchen Ehemalige zu Hause oder am Arbeitsplatz, ob der Alltag auch funktioniert. Fünf weitere Jahre haben sie ein wachendes Auge auf die Patienten. Fünf Jahre begleiten sie sie auf dem Weg zurück in ein selbstbestimmtes verantwortungsvolles Leben.



Häufige Krankheitsbilder der Patienten der Forensik


Häufige psychische Störungen, unter denen die Patienten der Forensischen Psychiatrie leiden, sind laut Chefarzt Dr. Josef Annen die psychiotische Störung oder Psychose und die Persönlichkeitsstörung. Bei der Psychose leidet der Patient unter Halluzinationen oder hört Stimmen, die ihm Befehle geben. Ursache ist eine Störung bei der Signalübertragung im Nervensystem. Mit Medikamenten und Psychotherapie kann man die Patienten behandeln. Menschen mit Persönlichkeitsstörungen fehlen Bewältigungsstrategien für Probleme. Zwischenmenschliche und berufliche Beziehungen sind schwierig. Beispiele dafür sind Kontrollzwänge oder die hystrionische Störung. Leidet der Patient unter Letzterem dramatisiert er alles in Bezug auf seine eigene Person, ist egozentrisch, oberflächlich, buhlt um Aufmerksamkeit. Mit einer Psychotherapie sei ein besserer Umgang mit der Störung möglich, jedoch keine gänzliche Heilung. nkl



© WhatsBroadcast
Hat dir dieser Artikel gefallen?
Ja Nein