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Urban Exploration: Ein Trend erobert das Saarland

Völklingen. Die schmale Steintreppe führt hinab ins Dunkel. Um Stefan herum ist es totenstill. Eine Spinne huscht über seine Schuhe, verschwindet in einer Wandritze. Stefan knipst das Licht seiner Videokamera an, holt tief Luft, dann nimmt er die erste Stufe. Der Gang in den Keller ist der schwerste, ihn will er immer als erstes hinter sich bringen. Wer weiß schon, ob da unten nicht ein Landstreicher lauert, bereit, sein Revier zu verteidigen?

Dieses Souterrain ist allerdings harmlos, stellt Stefan drei Minuten später erleichtert fest: „Nichts als Staub und Bretter.“ Der 27-Jährige, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, steht im Flur eines verlassenen Pferdehofs im Warndt. Das Gehöft liegt abgelegen vom nächsten Dorf, selten verirrt sich ein Auto hierher. Es ist kalt und riecht modrig – genau so, wie es Stefan mag. Der Völklinger ist ein Urbexer. So bezeichnen sich Anhänger einer Szene, die sich der sogenannten Urban Exploration verschrieben hat. Ihre Leidenschaft gilt verlassenen Gebäuden.

Ausgerüstet mit Fotoapparaten oder Videokameras suchen die „Erforscher“ alte Wohnhäuser, Industriebauten oder Bahnhöfe auf, um das, was von den einst belebten Orten übrig geblieben ist, zu dokumentieren. Mehrmals pro Woche zieht Stefan los, fährt quer durchs Saarland, um ein neues Objekt zu erkunden. Immer alleine – schon deshalb, weil er störende Nebengeräusche auf seinen Filmen vermeiden wolle, sagt er. Auch sonst nimmt der junge Familienvater sein Hobby sehr ernst. Obwohl er sich meistens strafbar macht, da das Eindringen in fremde Gebäude rechtlich als Hausfriedensbruch gilt, hält er sich strikt an den Ehrenkodex der Szene: Werkzeug ist tabu.

„Mal einen Rollladen hochziehen geht in Ordnung, ein Absperrgitter beiseite schieben auch, aber was verschlossen ist, wird nicht mit Gewalt geöffnet. Mit Vandalismus haben wir nichts zu tun.“ Bei den Stallungen des Pferdehofs gibt es ein Problem. Der marode Gebäudetrakt ist mit Gittern verrammelt, wohl wegen der Baufälligkeit. Stefan braucht nur wenige Minuten, bis er trotzdem einen Einstieg gefunden hat. Nun steht er vor den leeren Pferdeboxen, an einer ist noch ein Namensschild angebracht: „Aragon“. Es riecht nach Stroh, obwohl kaum mehr welches herumliegt. Stattdessen: leere Weinkisten und zerbrochene Halogenleuchten. Stefan filmt alles.

Mit 15 Jahren entdeckte der gebürtige Hostenbacher sein Faible für verlassene Gebäude. Da in dem Ort ein Jugendzentrum fehlte, machten junge Leute das nahegelegene alte Blechwalzwerk zu ihrem Treffpunkt. Bei einem Streifzug durch die Büroräume der Fabrik stieß Stefan auf Aktenordner aus dem Dritten Reich. Später erfuhr er, dass sein Großvater in dieser Zeit in dem Werk arbeitete. Eine morbide Faszination habe ihn gepackt, erinnert er sich. Mit seiner ersten Digitalkamera ging er dann ans Werk, lichtete alte Bahnhöfe ab, später kamen zerfallene Bergwerke dazu, das alte Militärcamp Ban Saint Jean in Lothringen, zuletzt unter anderem die ehemalige Völklinger Diskothek Metropolis und das einstige Saarstahl-Casino.

Auf dem Boden der Wohnküche im alten Pferdehof liegt ein handgeschriebener Zettel mit den Ergebnissen der letzten Fußballweltmeisterschaft. Auch eine Wandmalerei gegenüber des Holzofenanschlusses hat die Entkernung des Gebäudes überlebt: eine Naturszene am Weiher, bieder naturalistisch, Stefan filmt das Signé des Malers: „H. Schmeltzer 17.3.69“. „Ein älteres Ehepaar hat hier wohl gewohnt“, mutmaßt er. „Vielleicht sind die beiden gestorben oder mussten ins Altersheim.“

Das ist es, was Stefan am Urban Exploration reizt: In die Vergangenheit abzutauchen, in der Fantasie Bilder parallel existierender Zeitebenen entstehen zu lassen. „Wenn ich in so einem unbelebten Gebäude stehe, habe ich eine Überblende vor Augen wie bei Titanic“, sagt er. In dem Hollywood- Drama erinnert sich die Passagierin Rose als alte Frau an den Untergang des Luxusdampfers – die dunklen Bilder des gesunkenen Wracks gehen über in das strahlende Licht des einstigen Ballsaals. In den Werkstatthallen des ehemaligen Kohlekraftwerks Wehrden sah Stefan plötzlich wieder Arbeiter auf und ab gehen, hörte das Hämmern der Maschinen; im alten Völklinger Kaufhof meinte er beim Anblick der stehengebliebenen Rolltreppe beobachten zu können, wie er selbst einst als Kind die bunte Konsumwelt des Warenhauses erklomm, dort, wo heute nur noch grauer Beton die Szene beherrscht. Für Urbexer verwandeln sich vergessene Ruinen in Orte der Erinnerung. Nostalgie mischt sich mit Sinnsuche im Verfallenen. Der Trieb, das Verlorene zu dokumentieren, scheint dabei einer fast religiösen Sehnsucht nach Zeichen der Vergänglichkeit des Irdischen zu entspringen.

In einer Zeit rasanten technischen Fortschritts, pulsierender Urbanisierung, in Windeseile in die Höhe gezogener Wolkenkratzer wirkt das Unkraut, das aus dem Fenster eines ehemaligen Großkrankenhauses wuchert, geradezu wie ein Mahnmal gegen menschliche Allmachtsfantasien. „Wie die Natur sich das von Menschen Errichtete einfach wieder zurückholt, fasziniert mich“, sagt Stefan.

Mit dem alten Pferdehof ist Stefan nun fertig. Er hat das Kinderzimmer, in dem ein Harry- Potter-Poster neben selbst gezeichneten Mangas an der Wand hängt, ein gut erhaltenes Badezimmer mit Laminat-Fliesen und einen Partyraum mit aufwändigen Graffitis unterm Dach abgefilmt. Jetzt steht er draußen und wirft einen letzten Blick zurück auf das leere Haus. Zu Hause wartet der zweite Teil der Arbeit auf ihn: Er muss das Material sichten, an der ein oder anderen Stelle schneiden und schließlich unter seinem Szene- Pseudonym „308nm“ auf die Internetplattform Youtube hochladen.

„Natürlich liegt auch ein Reiz darin, die Filme zu veröffentlichen“, sagt er. Dass seine Werke vor ein paar Wochen sogar Gegenstand einer Völklinger Stadtratssitzung wurden, stört Stefan wenig. Politiker befürchten, dass durch die Videos Nachahmer animiert werden, in baufällige Völklinger Leerstände einzudringen. Stefan sieht in seiner Arbeit eher einen dokumentarischen Dienst, dessen Wert wohl erst in der Zukunft erkannt werden wird: „Irgendwann, in 80 oder 100 Jahren, wenn sich die Städte wieder komplett verändert haben, wird man froh sein über dieses historische Material.“

HINTERGRUND

Das unsystematische Erforschen verlassener Gebäude durch Privatpersonen geht vermutlich zurück bis in die Zeit der Romantik des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Als Bewegung entstand Urban Exploration Mitte der 1980er Jahre in Australien. In den 90er Jahren schwappte der Trend dann in die USA und später in weitere Länder wie Deutschland. Der Begriff tauchte erstmals 1996 in der Erstausgabe von „Infiltration – Das Magazin über Orte, wo du nicht hingehen sollst“ auf. Ein regelrechter Urban-Exploration- Boom lässt sich seit einigen Jahren beobachten. Befördert wird er durch die massenhafte Verbreitung digitaler Fotoapparate und Videokameras sowie das Internet. jkl

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