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Warum „sie“ im Saarland zum „es“ wurde

Berühmtes „Es“: „es Hilde“ mit „em Heinz

Berühmtes „Es“: „es Hilde“ mit „em Heinz" aus der Fernsehserie „Familie Heinz Becker“. Foto: HajoHohl/WDR/dpa-Bildfunk.

Als ich mit elf Jahren von Bremen ins Saarland kam, war ich von einer dialektalen Eigenart besonders erschüttert. Denn aus der „Sie“ wird schlicht ein „Es“. Eine Frechheit!

Doch ich lernte schnell, dass „es“ durchaus liebevoll und wertschätzend gemeint sein kann, ja sogar bewundernd verwendet wird. „Es do widda“, werden da zum Beispiel anerkennend die Augen gerollt, wenn „es“ die Geheirade (Kartoffeln, Mehlklöße und Speck) köstlich zubereitet hat.

Beide Hauptmundarten des Saarlands, das Mosel- und das Rheinfränkische, machen eine Frau, sofern sie geduzt wird, zum Neutrum. Nördlich der Mosel wird aus „es“ „et“ - besser klingt das auch nicht, finde ich jedenfalls.

Auch im Ausland wird die Frau zum Neutrum
Das Saarland gilt als Hochburg solcher neutraler Frauennamen. Ganz allein steht es mit dieser Eigenart aber nicht da, sagt Damaris Nübling, Professorin für Linguistik an der Uni Mainz. Sie untersucht im DFG-Forschungsprojekt „Das Anna und ihr Hund“ mit Sprachwissenschaftlern aus Luxemburg und der Schweiz das Phänomen, dass „sie“ in einigen Dialekten zum „es“ wird.

„Das Neutrum für Frauennamen gibt es nur im deutschen Sprachraum“, sagt Peter Gilles, der das Forschungsprojekt an der Uni Luxemburg leitet. Es komme in mehreren Regionen Westdeutschlands, in Luxemburg und Teilen der Schweiz vor.

Hilde das berühmteste „Es" Deutschlands?
Bundesweite Berühmtheit erlangt hat wohl „es Hilde“ aus der TV-Serie „Familie Heinz Becker“. Und gerade „es“ lege die Vermutung nahe, dass die Frau durch dieses Neutrum zum Ding degradiert werde, findet Peter Gilles. „Hilde dient ihrem Heinz ja tatsächlich in erster Linie als Lyoner-Bräter und Bierflaschen-Öffner.

Herabsetzung der Frau wohl Grund
Historisch geht das Phänomen wohl wirklich auf eine Herabsetzung der Frau zurück, sagt Damaris Nübling. „Besonders häufig wird es für die Ehefrau und die Tochter verwendet, also die domestizierte, dem Mann untergeordnete Frau, die zu seinem Besitz gehörte“, sagt Nübling.

Und was für die eigene Ehefrau gilt, gelte auch für Haustiere: Während die Kuh des Nachbarn im Saarland meist weiblich bleiben darf, muss „es Elsa gemelkt genn“, sofern sie zum Haushalt gehört und einen weiblichen Rufnamen trägt.

Heute ein Zeichen der Nähe
Bei heutigen Sprechern sei die Verwendung des Neutrums jedoch schlicht die Norm und zudem ein Zeichen von Nähe und Vertrautheit, sagt Peter Gilles. „Je näher man einer Frau steht, desto eher wird sie zum Es.“

Während im Saarland alle weiblichen Vornamen zum Neutrum werden, sind es in manchen Dialekten nur weibliche Verwandte, in anderen sogar nur die eigene Ehefrau. Durch die medial empfundene Nähe plaudern Mundartsprecher auch gerne von „dem Lady Gaga“ und „dem Madonna“.

Unbenannt
Wie aus der „Sie“ das „Es“ wurde, gibt den Forschern noch Rätsel auf. „Wir glauben, dass das Neutrum auf die Verniedlichungsform, etwa das Ännsche, zurückgeht“, sagt Nübling. „Frauennamen wurden und werden sehr viel häufiger verkleinert als Männernamen.“

Bei dieser Form des Sprachwandels sprechen Sprachwissenschaftler von einer Generalisierung. Aus dem Lottchen wurde das Lotte, weil die neutrale Verkleinerungsform eines Frauennamens auf alle Frauennamen übertragen wurde - so die Theorie.

Sprachgeschichtlich kein altes Phänomen
Besonders alt ist das Phänomen nicht. „Fest steht, dass im Mittelalter noch alle Frauennamen weiblich waren“, sagt Damaris Nübling. Die Forscher schätzen, dass Frauennamen im Saarland seit höchstens 300 Jahren sächlich sind.

„Die Geschlechterdifferenz hat sich erst im 17., 18. Jahrhundert so stark ausgeprägt“, erklärt Nübling dies. Während Frauen zuvor oftmals „schafften“ wie die Männer, waren sie erstmals im Bürgertum vom Erwerbsleben ausgeschlossen.

Männer bleiben hart
Aus dieser Zeit stammen auch zahlreiche Metaphern für Frauen im Neutrum: das Luder, das Weibsbild, das Frauenzimmer. „Das Neutrum tritt besonders häufig zutage, wenn über Frauen despektierlich gesprochen wird“, sagt Damaris Nübling.

Für Männer wird das Neutrum dagegen gemieden. „Kurios ist, dass sich die Männer gerade in Neutrum-Gegenden besonders dagegen stemmen“, sagt Nübling. Und so bleibt im Saarland auch der kleine Mann ein Mann: „Das Peterchen“ ist hier „de Pitt“.

Mit  Verwendung von SZ-Material (Eva Lippold/22. April 2016).

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