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Wie Jesiden im Saarland durch Verfolgung traumatisiert sind

Deutschland ist längst sein Zuhause geworden, Medeni Kurt „ein echter Marpinger Junge“ und deutscher Staatsbürger. Er kommt gerade vom Gericht in seine Saarbrücker Kanzlei, der schwarze Anzug sitzt akkurat. Juristische Fachzeitschriften, Bücher von Freud und Caesar stehen in den Regalen des Anwalts für Wirtschafts- und Steuerrecht sowie Strafrecht. Äußerlich deutet nichts auf die kulturelle Herkunft des 35-Jährigen hin. Doch die Sorge um die Glaubensbrüder und auch die christliche Minderheit, die von den salafistisch-dschihadistischen Kämpfern der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) verfolgt, gequält und hingerichtet werden, treiben ihn und die Jesiden im Saarland – er schätzt die Zahl auf 2000 Personen – um, ist seit Wochen das beherrschende Gesprächsthema. „Auch wenn das tausende Kilometer von uns entfernt passiert, sind die Menschen hier traumatisiert.

Sie fühlen sich hilflos und ohnmächtig. Sie befinden sich in einem Schockzustand und können nicht glauben, dass so etwas im 21. Jahrhundert vorkommt“, sagt Kurt. Extrem litten vor allem die Kinder. „Wir sind bemüht, sie davor zu schützen und sie nicht mehr die Bilder sehen zu lassen, die in den Medien und im Internet kursieren.“ Er selbst hat keine Verwandten oder Freunde im Nord-Irak, ist aber in Kontakt mit Jesiden aus Lebach und Neunkirchen, die um Familienmitglieder bangen. „Wir haben niemandem etwas getan, wollen niemandem Land wegnehmen, wir mischen uns nicht politisch ein. Wir wollen einfach nur leben“, umreißt Medeni Kurt die Gefühlslage der Volksgruppe. Die Jesiden im Saarland kämen hauptsächlich aus der Türkei, aber auch aus dem Irak, Syrien und Armenien. Gemeinsame religiöse oder kulturelle Veranstaltungen gebe es jedoch nicht. Dennoch sei die Verbundenheit zur Religion groß. Die jüngere Generation der Jesiden bevorzuge untereinander meistens das Deutsche. Mit seinen Eltern spricht Kurt die nordkurdische Sprache Kurmandschi.

Der Rechtsanwalt gehört einer Gruppe von jesidischen Juristen an, die mit ihren Möglichkeiten zu helfen versucht. In einem Brief haben sie die Bundesregierung aufgefordert, wieder anzuerkennen, dass Jesiden aufgrund ihrer ethnischen Abstammung einer Gruppenverfolgung ausgesetzt sind. Auch wollen sie bewirken, dass Asylverfahren in Deutschland verhandelt werden – und die Flüchtlinge nicht gemäß der Dublin-II-Verordnung in das europäische Land zurückzuschicken, in dem sie zuerst angekommen sind. Täglich verfolgt Medeni Kurt intensiv die Nachrichten über den Terror gegen die Jesiden, sowohl in deutschen als auch ausländischen Medien. Das Internetportal eines jesidischen Studenten aus Hannover „Êzîdî Press“ ist eine wichtige Quelle geworden. Besonders beunruhigt Kurt den diese Woche veröffentlichten Bericht des Medizinprofessors Hüseyin Bektas vom Verein „Kurdische Ärzte in Deutschland“, der vor Ort war und vor dem nahenden Winter warnt. „Der Winter soll extrem kalt sein, die Flüchtlinge tragen oft nur das, was sie am Leib haben, viele haben noch nicht mal Schuhe“, fasst er zusammen. „Es muss dringend geholfen werden!“ Vor allem die humanitäre Hilfe müsse verstärkt werden und Hilfsgüter zügig zu den Betroffenen gebracht werden.

Ob die Waffenlieferungen Deutschlands an die Kurden richtig sind, vermag Medeni Kurt nicht zu beurteilen. „Wenn andere Länder dafür sind, Kurden mit Waffen zu versorgen, sollten diese mit Bedingungen verbunden sein. Denn niemand weiß, wie es morgen aussieht und dann andere Minderheiten bedroht werden.“ Er fände es wichtiger, dass für die jesidischen und christlichen Minderheiten eine Schutzzone eingerichtet wird. Diese müsse von Organisationen wie den Vereinten Nationen, der Nato oder einigen Staaten „mit Menschen und Material“ geschützt werden. Ziel müsse sein, dass die zehntausenden Flüchtlinge irgendwann in ihre Heimat zurückkehren können.

Sorge mache den Jesiden die europäischen IS-Kämpfer, die radikalisiert von den Kämpfen nach Europa zurückkehren und mit Anschlägen hierzulande drohen. „Mein Eindruck ist, dass sich die Menschen zweimal umschauen. Kommt einer mit längerem Bart, wechselt man die Straßenseite. Ich will niemanden mit längerem Bart unter Generalverdacht stellen, aber die Angst ist da“, sagt Medeni Kurt. Aber die Sorge sei nicht abstrakt, betont der Rechtsanwalt. Dass der Konflikt in Deutschland angekommen sei, zeigten die Angriffe sechs tschetschenischer Islamisten, die im August in Herford einen jesidischen Wirt und vier weitere Jesiden angegriffen haben.

„Wenn europäische Staatsbürger in den Nord-Irak reisen, und dort die schlimmsten Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verüben, dann ist damit nicht die Verantwortung Europas für diesen Menschen erloschen“, findet Kurt. Sie müssten vor allem verhindern, dass radikalisierte Islamisten überhaupt ins Kriegsgebiet gelangen und die bestehenden Sicherheitsgesetze konsequent anwenden. Medeni Kurt wünscht sich für das Saarland parteiübergreifende Demonstrationen. „Wir müssen gemeinsam Flagge zeigen, denn es betrifft uns alle, die gesamte zivilisierte Welt. Die Weltgemeinschaft kann die Vernichtung jahrtausender alter Völker nicht hinnehmen und der IS nicht den Sieg gewähren.“

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