Menschen als „Beute“: Richter findet drastische Worte für Polizistenmörder von Kusel

Zehn Monate nach dem Gewalttod von zwei Polizeikräften bei einer Verkehrskontrolle nahe Kusel ist jetzt das Urteil gefallen. Für den Hauptangeklagten S. wählte der Richter sehr drastische Worte:
Richter Mall (rechts) fand deutliche Worte für den Angeklagten. Foto: dpa-Bildfunk
Richter Mall (rechts) fand deutliche Worte für den Angeklagten. Foto: dpa-Bildfunk

Lebenslange Haft für Polizistenmörder von Kusel

Als das Urteil fällt, wirkt der Angeklagte wie versteinert. Keine Regung ist dem stämmigen Mann anzusehen. Lebenslange Haft wegen zweifachen Mordes und eine besondere Schwere der Schuld – so lautet die Entscheidung des Landgerichts Kaiserslautern, das es als erwiesen ansieht, dass der leidenschaftliche Jäger zwei Polizeikräfte bei einer Fahrzeugkontrolle per Kopfschuss getötet hat. „Er hat beide Beamte erlegt, wie er sonst seine Beute erlegt“, sagt der Vorsitzende Richter Raphael Mall.

Andreas S. wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Foto: Saarnews

Polizist: Wer das gesehen hat, wird nicht einfach so weiterleben können

Mit dem Urteil kommt einen Moment lang Regung in den Zuschauerbereich. Wie Luft aus einem Ballon entweicht die Anspannung kurz aus den fast regungslosen Reihen. Ein Mann räuspert sich hinter der Corona-Schutzmaske, ein anderer atmet auf. Aus Erleichterung? „Nein“, sagt ein ehemaliger Kollege der beiden Opfer. Er war damals als einer der ersten am Tatort. „Wer das gesehen hat, wird nach dem Urteil vorerst nicht einfach so weiterleben können.“ Die Bilder im Kopf, sie sind an diesem Tag für eine Erleichterung noch zu mächtig.

Staatsanwalt Stefan Orthen forderte eine lebenslange Haftstrafe. Foto: dpa-Bildfunk

Polizisten bei Kontrolle erschossen

Mit dem Urteil geht ein fünfmonatiger Prozess über ein Verbrechen zu Ende, das bundesweit für Entsetzen gesorgt hat. Nahe Kusel in der Pfalz sind Ende Januar die 24 Jahre alte Polizeianwärterin Yasmin B. und der fünf Jahre ältere Polizeikommissar Alexander K. kurz nach 04.00 Uhr morgens auf Streife. Es ist eine Nacht um den Gefrierpunkt, Schneeregen fällt.

Polizeikräfte stehen an einer Absperrung an der Kreisstraße 22, rund einen Kilometer von dem Tatort entfernt, an dem zwei Beamt:innen durch Schüsse getötet wurden Foto: dpa/picture alliance/Sebastian Gollnow

Den Polizisten kommt ein geparkter Kastenwagen verdächtig vor, sie entdecken im Laderaum gewildertes Fleisch, mehr als 20 Hirsche und Rehe. Wenige Minuten später sind die beiden Beamt:innen tot. Die Frau stirbt durch Schüsse aus einer Schrotflinte, der Mann wird von Schüssen aus einem Jagdgewehr getroffen. Den Abzug betätigte dem Landgericht zufolge beide Male der gleiche Mann: der Hauptangeklagte Andreas S.

Andreas S. kurz vor seinem Urteil. Foto: dpa-Bildfunk

„Kopfschuss, wie immer“

Richter Mall findet für die Tat drastische Worte. „Der Angeklagte ist bei beiden seiner Opfer vorgegangen wie zuvor auf seinen Jagdzügen.“ Der Polizistin habe der 39-Jährige mit der Schrotflinte in den Kopf geschossen – „gemäß seinem Motto „Kopfschuss, wie immer“.“ Das Gesicht der jungen Frau sei „völlig zerfetzt“ worden.

Eine von der Polizei Rheinland-Pfalz zur Verfügung gestellte Kinderzeichnung erinnert an die beiden in Kusel getöteten Polizist:innen. Foto: dpa-Bildfunk

Richter spricht von „Hinrichtung“

Den Polizisten habe der Hauptangeklagte „regelrecht gejagt“ und mit einem Jagdgewehr handlungsunfähig geschossen. „Dann trat er an seine Beute heran und gab dem Polizeibeamten einen letzten Fangschuss in den Kopf. Auch hier „Kopfschuss, wie immer““, sagte Mall. „Hier wurden aber nicht Wildtiere gejagt, sondern Menschen. Den letzten Schuss nennt man bei Menschen nicht Fangschuss, sondern Hinrichtung.“

Im Bild: Polizeibeamte umarmen sich nach der Gedenkfeier für die beiden nahe Kusel erschossenen Polizeikräfte. Foto: picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow

Richter: Auch die Angehörigen haben lebenslänglich bekommen

An die Angehörigen gewandt, sagt der Richter in einem „persönlichen Schlusswort“, er hoffe, dass das Urteil ihnen bei der Bewältigung der Trauer helfen könne. „Auch Sie haben lebenslänglich bekommen.“

Die beiden Polizist:innen wurden bei einer Verkehrskontrolle getötet. Foto: Harald Tittel/dpa-Bildfunk

Opferanwalt: Urteil gerecht und nachvollziehbar

Als „gerecht und nachvollziehbar“ bezeichnet der Anwalt der Familie des getöteten Polizisten das Urteil. Es werde „beiden Familien sicherlich helfen, mit der Sache so weit wie möglich abzuschließen“, sagt Kai-Daniel Weil. Die Wunden seien noch lange nicht verheilt. „Es wird der Beginn einer langen Trauerarbeit sein.“

Was bedeutet „besondere Schwere der Schuld“?

Nun also lebenslange Haft – und eine „besondere Schwere der Schuld“: Was heißt das eigentlich? „Der Begriff bezeichnet eine wesentlich ins Gewicht fallende Schuldsteigerung“, sagt Rechtsanwalt Martin Rubbert, Mitglied des Ausschusses Strafrecht des Deutschen Anwaltsvereins der Deutschen Presse-Agentur. „Es muss etwas deutlich herausragen.“

Die Männer wurden in Sulzbach festgenommen. Archivfoto: BeckerBredel

Früher bedeutete „lebenslang“ genau dies: Haft bis zum Tod. Das Bundesverfassungsgericht entschied aber, dass jeder Verurteilte eine Chance auf Entlassung haben sollte. „Heute kann der Rest einer lebenslangen Haftstrafe nach 15 Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden“, sagt Rubbert. Stellt aber das Gericht die „besondere Schwere der Schuld“ fest, ist dies ausgeschlossen. Mall sagt, meist bedeute dies 20 bis 25 Jahre Haft. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Manche Zuschauer nahmen sich sogar Urlaubstage

Die Plätze im Landgericht sind auch am letzten Prozesstag voll belegt gewesen. Darunter finden sich etliche Zuschauer:innen, die in den vergangenen Monaten regelmäßig dabei waren. „Es war sehr interessant, so einen Prozess von Anfang bis Ende zu erleben“, sagt Tanja Fay. Der Fall habe sie so mitgenommen, dass sie mit ihrem Mann bis auf drei Termine jedes Mal aus Saarbrücken gekommen sei. „Manche hier haben sich sogar Urlaubstage genommen, um dabei zu sein.“

Florian V. (links) erhielt vom Gericht keine Strafe. Foto: dpa-Bildfunk

Der Hauptangeklagte war in der verhängnisvollen Nacht mit einem Komplizen unterwegs. Dem Gericht zufolge hat sich 33-jährige Florian V. zwar der Mittäterschaft bei der Jagdwilderei schuldig gemacht. Von Strafe sei jedoch abzusehen, weil der Mann mit seiner Aussage zur Aufklärung beigetragen habe, heißt es. Die Männer waren kurz nach der Tat im saarländischen Sulzbach festgenommen worden. Am Tatort wurden Personalausweis und Führerschein des Hauptangeklagten gefunden.

Lassen sich solche Taten verhindern?

Schnell kam nach der Tat die Frage auf, wie sich eine solche Gewalt gegen eine Polizeistreife verhindern lasse. Aus Sicherheitskreisen hieß es, Beamt:innen würden bei Fahrzeugkontrollen auch künftig nicht Helm und Maschinenpistole tragen – es genüge die „Standardausrüstung“ aus Pistole, Handschellen, Pfefferspray und Schlagstock. Das Verbrechen bei Kusel werde aber sicher Lehrstoff bei der Polizeiausbildung. Die beiden Opfer trugen Schutzwesten und waren bewaffnet.

Eine Gedenktafel aus Holz steht am Tatort an der K22 bei Kusel. Foto: dpa-Bildfunk

Verwendete Quellen:
– Deutsche Presse-Agentur