Tibber-Chefin: „Der Stromverbrauch sinkt, wenn man den Effekt direkt sieht“

Wir haben mit Marion Nöldgen (Deutschland-Chefin von Tibber) über dynamische Stromtarife, Live-Messungen von Stromverbrauch und mehr gesprochen. Dabei ging es unter anderem um die Frage, wie Verbraucher:innen sparen können, wenn sie den aktuellen Verbrauch von Kühlschrank, Backofen oder Waschmaschine kennen.
Marion Nöldgen ist Deutschland-Chefin von Tibber. Das Start-up will mit dynamischen Stromtarifen und Live-Tracking des Verbrauchs den Markt aufmischen. Foto: Tibber
Marion Nöldgen ist Deutschland-Chefin von Tibber. Das Start-up will mit dynamischen Stromtarifen und Live-Tracking des Verbrauchs den Markt aufmischen. Foto: Tibber
Marion Nöldgen ist Deutschland-Chefin von Tibber. Das Start-up will mit dynamischen Stromtarifen und Live-Tracking des Verbrauchs den Markt aufmischen. Foto: Tibber
Marion Nöldgen ist Deutschland-Chefin von Tibber. Das Start-up will mit dynamischen Stromtarifen und Live-Tracking des Verbrauchs den Markt aufmischen. Foto: Tibber

Das Berliner Start-up Tibber ruft in Deutschland die Strom-Revolution aus: Tibber gibt den Börsen-Strompreis tagesaktuell an seine Kund:innen weiter und verdient selbst nichts am Verbrauch, bekommt stattdessen eine monatliche Servicegebühr von 3,99 Euro. Das Zusatzgerät „Tibber Pulse“ meldet den Stromverbrauch live an die App. Im Heimatland Norwegen ist Tibber nach sieben Jahren Nummer zwei im Markt. Wie die Revolution bei uns gelingen soll – darüber sprachen wir mit Marion Nöldgen, Deutschland-Chefin von Tibber.

„Kunden profitieren bei uns, wenn der Strompreis an der Börse fällt“

Frage: Die Energiekrise mit extrem steigenden Preisen hat dafür gesorgt, dass sich nun viele Menschen intensiver mit ihrem Stromanbieter beschäftigen. Tibber rechnet tagesaktuell oder sogar stundenaktuell zu Börsenpreisen ab. Hat Ihnen die aktuelle Krise eher geholfen – oder schreckt die Vorstellung ab, dass der Tagespreis für Strom auch unkontrolliert durch die Decke gehen kann?

Marion Nöldgen: Grundsätzlich kaufen alle Stromanbieter an der Börse ein. Die üblichen Anbieter geben steigende Preise meist verspätet an Kunden weiter, aber die Preissteigerungen werden irgendwann alle erwischen. Außerdem haben wir gesehen, dass Anbieter auch reihenweise pleite gegangen sind, weil ihre Einkaufspreise in die Höhe geschossen sind, sie diese Preise aber nicht so schnell an ihre Kunden weitergeben konnten.

Der Vorteil bei uns ist: Die Preisentwicklung geht in beide Richtungen. Die Kunden profitieren sofort, wenn der Strompreis an der Börse fällt. Über die lange Distanz gewinnen die Kunden, wenn der Preis nicht langfristig festgeschrieben wird. Natürlich müssen sich unsere Kunden erst an dieses Modell gewöhnen. Aber deshalb können sie jederzeit innerhalb von zwei Wochen kündigen.

Die Marktsituation war für uns sehr gut, weil sich nun viel mehr Menschen damit beschäftigt haben, wie der Strommarkt funktioniert und welche Preismodelle die einzelnen Stromanbieter bieten. Die Kunden sind mittlerweile deutlich informierter, was uns gerade ein immenses Wachstum beschert.

 

Frage: Dennoch waren die Deutschen in der Vergangenheit eher wechselfaul und blieben häufig bei ihrem Grundversorger. Das Geschäft wird im besten Fall von den Vergleichsportalen angetrieben – bei denen Tibber aber gar nicht stattfinden kann, weil sich Ihre Preise täglich ändern. Ist das nicht ein großer Nachteil?

Marion Nöldgen: Wir sind tatsächlich bei Verivox gelistet. Verivox ist direkt auf uns zugekommen, als wir vor zwei Jahren in Deutschland gestartet sind. Wir arbeiten im ersten Monat mit einem Durchschnittspreis, um den Preisvergleich zu ermöglichen. Ab dem zweiten Monat starten die Kunden dann mit den tagesaktuellen Börsenpreisen.
Wir bekommen über Verivox einiges an Kunden, aber es ist bei weitem nicht der größte Kanal. Wir sehen inzwischen, dass sich die Menschen informieren und bewusst entscheiden. Aufgrund der verschiedenen Pleiten von Stromanbietern und aufgrund von enormen Erhöhungen bei Festpreis-Verträgen ist das Wechselverhalten in Deutschland stark gestiegen.

In anderen Ländern ist die Digitalisierung weiter als in Deutschland

Frage: Wenn Vergleichsportale nicht der Hauptkanal sind – wer ist denn der typische Tibber-Kunde?

Marion Nöldgen: Das ist ganz verschieden: Das sind zum einen Menschen, die auch sonst alles messen und tracken: Ihre täglichen Schritte, den Schlafrhythmus – und so auch den Stromverbrauch. Dann Menschen, die gerne optimieren und generell technikaffin sind. Riesige Vorteile bieten wir außerdem Kunden, die ihr Elektroauto zu Hause laden oder eine Wärmepumpe nutzen.

Frage: Herzstück für das Live-Tracking und die stundengenaue Abrechnung des Stromverbrauchs ist das Tibber-Pulse-Gerät. Das montiert man an den Stromzähler, was theoretisch einfach wäre, hätten die zuständigen Netzbetreiber nicht vielfach Geräte installiert, die nicht gerade benutzerfreundlich sind. Es ist kaum zu glauben: Weil Tasten fehlen, muss man den PIN-Code zum Freischalten blinkend mit einer Taschenlampe eingeben. Wurde hier in Deutschland eine Chance zur einfachen Digitalisierung verpasst? Funktioniert das in anderen Ländern besser?

Marion Nöldgen: Mir fällt in der Tat fast kein europäisches Land ein, wo es für Privathaushalte ähnlich kompliziert ist wie in Deutschland, den Stromverbrauch transparent nachvollziehen zu können.

In Norwegen, Schweden oder in den Niederlanden gibt es beispielsweise standardisierte Schnittstellen, an die man das Gerät recht einfach anschließen kann. Es gibt in Deutschland keine Standardisierung. Es ist auch nicht mitgedacht worden, dass ein Haushalt den Zähler tatsächlich aktiv nutzen könnte, um transparent zu sehen, wie viel Strom zu einem bestimmten Zeitpunkt verbraucht wird.

 

 

Frage: Ist denn diese Transparenz bei uns nicht gewünscht?

Marion Nöldgen: Man muss einfach sagen: Bei allem, was im energiewirtschaftlichen Bereich für private Haushalte passiert, denkt niemand so weit. Die Lösungen werden aus Behörden heraus gedacht, wo man den Kundenblick gar nicht hat. Im Fokus stehen nur der Netzbetrieb und das Ablesen durch die zuständigen Netzbetreiber. Es gibt da keine Kundenperspektive. In Norwegen ist das zum Beispiel anders: Dort haben die Netzbetreiber die direkte Beziehung zum Endkunden. Dort werden dann auch Prozesse sehr viel kundenfreundlicher aufgesetzt, weil man die negativen Folgen ja sonst selbst ausbaden müsste.

Frage: Wenn „Tibber Pulse“ installiert ist, der Stromverbrauch live in der App getrackt werden kann und nach aktuellem Stundenpreis abgerechnet wird – wobei lässt sich am meisten sparen?

Marion Nöldgen: Ganz spannend ist das für das Laden von Elektroautos. Über unsere App-Integration lässt sich zum Beispiel das E-Auto automatisch laden, wenn der Strom am günstigsten ist – das Auto steht zur gewünschten Uhrzeit vollgeladen zur Verfügung. Im Schnitt spart dies etwa 300 bis 400 Euro im Jahr.

Auch die Kombination mit einer Solaranlage bringt enorme Effekte. Über die App kann man entscheiden, ob zum Beispiel das Auto priorisiert mit Solarstrom geladen werden soll. Wir sehen deshalb bei den Automobilherstellern ein ganz großes Interesse, mit uns zusammenzuarbeiten.

Das Tibber-Pulse-Gerät übermiitelt den Stromverbrauch live an die App. Foto: Tibber

Das Tibber-Pulse-Gerät übermiitelt den Stromverbrauch live an die App. Foto: Tibber

Frage: Wobei lässt sich noch sparen, wenn man den Betrieb in Zeiten verlegen kann, in denen der Strompreis gerade günstig ist?

Marion Nöldgen: Im Prinzip bei allen Großgeräten: Spülmaschine, Waschmaschine, Trockner. Auch ein Durchlauferhitzer zieht jede Menge Strom. Wenn man hier zum Beispiel eine Zeitschaltuhr zwischenschaltet, verbraucht dieser 80 Prozent weniger. Das bewusstere Verbrauchen von Strom hat insgesamt einen großen Effekt. Es gibt Studien, die zeigen, dass der Verbrauch im Schnitt um 14 Prozent sinkt, wenn man den Effekt direkt sieht.

Da die App den Verbrauch sekundengenau anzeigt, kommt man heimlichen Stromschluckern auch gut auf die Spur. Schritt für Schritt lässt sich mit dem Live-Tracking der Stromverbrauch senken: Weniger Geräte auf Standby, Licht ausschalten, Waschmaschine vollpacken und so zweimal weniger waschen.

In Norwegen ist Tibber bereits der zweitgrößte Stromanbieter

Frage: Nun kommt der Strompreisdeckel. Wenn der Staat die Mehrkosten ab 40 Cent für die Kilowattstunde zahlt, wird dies viel Dynamik aus dem Markt nehmen. Schadet das Ihrem Geschäftsmodell, weil sich viele sagen werden: Die Unterschiede sind jetzt nicht mehr so groß, dann kann ich auch beim Grundversorger bleiben?

Marion Nöldgen: Im Gegenteil, ich glaube, der Strompreisdeckel hilft uns. Der Grundversorger bietet ja keinerlei Vorteile. Der Strompreisdeckel nimmt nur das Risiko für die Kunden weg: Wenn der Anbieter 60 Cent pro Kilowattstunde verlangt, deckelt der Staat eben bei 40 Cent und zahlt die Differenz von 20 Cent. Wir glauben, dass es für viele eine sehr gute Gelegenheit sein wird, einen dynamischen Stromtarif zu testen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, dass der Tagespreis eventuell auch mal an einem Tag auf 60 oder 80 Cent steigen kann.

Mit dem Strompreisdeckel ist bei 40 Cent im Schnitt Schluss. Aber: Von den niedrigeren Tagespreisen von 20 oder 30 Cent profitieren unsere Kunden dann weiter. Das ist bei Anbietern mit Festpreisen nicht so.

 

Frage: Das heißt, die Strompreisbremse finden Sie richtig gut?

Marion Nöldgen: Rein theoretisch ist die Strompreisbremse gut, weil sie die Stromkunden in der aktuellen Situation entlastet. In der konkreten Umsetzung finde ich sie für den Standardmarkt, so wie er in Deutschland ist, höchst bedenklich. Man möchte ja niemandem etwas unterstellen, aber es sind aktuell schon sehr große Preiserhöhungen im Umlauf bis zu 76 Cent pro Kilowattstunde.

Es ist lange her, dass der Börsenstrompreis für längere Zeit über 40 Cent lag. Wenn man es ganz böse ausdrücken will, ist die Strompreisbremse ein Subventionsprogramm für Stromkonzerne. Den Kunden ist das vielleicht zunächst egal, am Ende verliert aber dann ehrlicherweise jeder, weil der Staat die Differenz zahlen muss. Und wenn Kunden nicht rechtzeitig daran denken zu kündigen, hängen sie in den extrem teuren Tarifen fest, wenn die Strompreisbremse ausgelaufen ist.

(Hinweis der Redaktion: Unmittelbar nachdem wir dieses Interview geführt hatten, kündigte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck als Reaktion auf diverse massive Preiserhöhungen an, dass er bis Ende 2023 Preisanhebungen grundsätzlich per Gesetz verbieten wolle – es sei denn, Stromversorger könnten nachweisen, dass eine Erhöhung sachlich gerechtfertigt sei).

Frage: Werden Sie als Start-up von den großen Stromkonzernen, die jahrzehntelang den Markt dominiert haben, überhaupt ernst genommen?

Marion Nöldgen: Erst einmal ist es ja nicht schlecht, unterschätzt zu werden. So hat man immer etwas mehr Spielraum und auch mehr Freiheiten, Dinge zu tun. Ich denke, dass uns die Konzerne schon auf dem Radar haben. Zumindest ist das mein Eindruck, wenn wir bei Diskussionsveranstaltungen aufeinandertreffen.
Spannend wird es jetzt, wenn der Rollout der Smartmeter überall in Gang kommt, weil wir uns dann alle im gleichen Markt bewegen. Den großen Stromkonzernen ist das vielleicht noch gar nicht so bewusst.

(Hinweis der Redaktion: Der Austausch der bisherigen Stromzähler gegen intelligente Zähler ermöglicht das Live-Tracking des Verbrauchs. Im Saarland hat der Austausch in vielen Kommunen bereits begonnen).

Frage: In Norwegen ist Tibber schon die Nummer zwei im Markt. Wie ist denn Ihre Prognose für Deutschland? Wo steht Tibber in fünf Jahren?

Marion Nöldgen: In Deutschland hängt sehr viel davon ab, wie schnell wir endlich mit der Digitalisierung vorankommen. Auf europäischer Ebene, würde ich sagen, ist in den nächsten fünf Jahren ziemlich sicher ein digitaler, dynamischer Anbieter die Nummer eins. Ich sehe gute Chancen, dass es Tibber sein wird.

Selbstversuch: Wir haben das Live-Tracking des Stromverbrauchs übrigens getestet, den Erfahrungsbericht lest ihr hier.

Das ist Tibber

Tibber kommt urspünglich aus Norwegen und ist seit zwei Jahren auch in Deutschland aktiv. Das Besondere: Während die meisten klassischen Stromanbieter am Verbrauch mitverdienen, gibt Tibber den Börsenpreis 1:1 an seine Kund:innen weiter (plus staatliche Umlagen und Netznutzsgebühr des örtlichen Stromnetzbetreiber), liefert Öko-Strom und finanziert sich ausschließlich aus einer Gebühr von 3,99 Euro pro Monat. Tibber setzt – mangels Interessenkonflikt – deshalb auf völlige Transparenz beim Verbrauch und will so zum Energiesparen anregen. Das Gerät „Tibber Pulse“ kostet für Kunden einmalig 99 Euro. Wir haben mit Marion Nöldgen, Deutschland-Chefin von Tibber gesprochen, wie sie mit ihrem Team den Markt revolutionieren will.

Mehr zum Thema:

Selbstversuch: So funktioniert Live-Tracking – und das sind die Erkenntnisse

So funktioniert „Tibber Pulse“

Tibber Deutschland