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54 Tote bei IS-Anschlägen auf Friedenstreffen in Afghanistan

Ein verwundeter Mann wird geborgen. Bei einem Selbstmordanschlag auf ein Friedenstreffen von Taliban, Sicherheitskräften und Zivilisten in Ostafghanistan sind Dutzende Menschen getötet worden. Foto: Mohammad Anwar Danishyar/AP

Ein verwundeter Mann wird geborgen. Bei einem Selbstmordanschlag auf ein Friedenstreffen von Taliban, Sicherheitskräften und Zivilisten in Ostafghanistan sind Dutzende Menschen getötet worden. Foto: Mohammad Anwar Danishyar/AP

Kabul (dpa) - Die erste landesweite Feuerpause in Afghanistan seit mehr als 15 Jahren hat auch am dritten und letzten Tag weitgehend gehalten. Sie wurde von Millionen Afghanen begeistert gefeiert. Dabei kam es auch am Sonntag zu nachgerade surrealen Szenen der Verbrüderung von Taliban und Staatsvertretern, die in krassem Kontrast standen zu Monaten blutiger Auseinandersetzungen. Allein seit Beginn ihrer Frühjahrsoffensive im Mai hatten es die Taliban geschafft, kurz eine Provinzhauptstadt einzunehmen, mehrere Bezirke zu erobern und pro Woche Dutzende Soldaten und Polizisten zu töten.

Erst am späten Sonntagabend, nachdem die Taliban wie zuvor geplant das Ende ihrer Feuerpause erklärt hatten, kam es zu neuen Gefechten im Süden Afghanistans.

Auch wurden auf zwei Treffen von Taliban und Regierungsvertretern zur Feier des Waffenstillstandes am Samstag und Sonntag in der Provinz Nangarhar Anschläge verübt. Mindestens 54 Menschen wurden getötet und 114 weitere verletzt. Zum Anschlag vom Samstag bekannte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Der IS ist mit den Taliban verfeindet und wollte die erfolgreiche Friedensinitiative zum Abschluss des Fastenmonats Ramadan offenbar sabotieren.

Taliban und Regierung aber hielten sich an ihre Versprechen, während der hohen Eid-Feiertage nicht zu kämpfen. In der westafghanischen Provinz Herat traf der Polizeichef am Wochenende Taliban zu einer freundlichen Unterhaltung. In Kabul und anderen Städten fuhren langhaarige Kämpfer mit schwarzen Turbanen auf Motorrädern durch die Straßen und hielten für Fotos mit strahlenden Anwohnern. Eine auf sozialen Medien viel verbreitete Geschichte war die von Taliban, die in Kabul nach dem Weg zu den Eisdielen von Baharistan fragten. Die Eismacher aus diesen Viertel sind berühmt im Land.

Die Chancen, dass der Waffenstillstand zu Friedensverhandlungen führt, erscheinen gering. Ermutigt vom Erfolg der ersten zwei Tage hatte Präsident Aschraf Ghani noch am Samstagabend die Feuerpause der Regierung einseitig verlängert und Verhandlungen angeboten. Die USA, die EU, die UN und viele Regierungen begrüßten die Geste sofort. «Was für ein bemerkenswerter Tag und was für ein mutiges Angebot von Aschraf Ghani», twitterten Angehörige der deutschen Botschaft in Kabul in der Nacht. «Wir erwarten von den Taliban, dasselbe zu tun.»

Aber die Taliban lehnten am Sonntag ab. Ein Sprecher sagte: «Wir planen keine Verlängerung des Waffenstillstandes. Er endet heute.» Der ehemalige Taliban-Beamte Wahid Muschda sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Feuerpause habe an der generellen Haltung der Taliban nichts geändert. «Sie halten die afghanische Regierung für eine Einrichtung von Ausländern, und sie haben ja in ihrer Erklärung zum Eid-Fest schon gesagt, dass sie immer noch nur mit den USA sprechen wollen.» Die sehen die Taliban als den Hauptverantwortlichen für den Krieg und die «Besatzung».

Interessant war eine Anweisung der Taliban-Chefetage an die Kämpfer, nicht mehr in die Städte zu gehen und sich mit Soldaten oder Zivilisten zu treffen. Begründung war der Anschlag auf eine Friedensfeier am Samstag, bei der auch Taliban ums Leben kamen. Einige Beobachter lasen da am Sonntag angesichts der sichtlichen beiderseitigen Freude an der Kampfespause aber auch Sorge vor einer Demoralisierung der Fußsoldaten heraus. «Je näher sich die Menschen kommen, desto schwieriger wird es, grausam zu sein», twitterte einer.

Aber auch aufseiten der Regierung und der Bevölkerung gab es Kritik am Waffenstillstand - ein Hinweis darauf, wie kompliziert es ist, in Afghanistan einen Konsens für Wege Richtung Frieden zu finden. Der einflussreiche ehemalige Geheimdienstchef Amrullah Saleh und der bekannte politische Analyst Dschawed Kohistani warnten angesichts der Taliban-Besucher in den sonst abgeschotteten Städten vor einer «Masseninfiltrierung». Das könne gefährlich werden, sobald der Waffenstillstand endet.

In der Bevölkerung haben aber drei Tage Frieden eine riesigen Appetit auf mehr geschaffen. «Es ist das erste Mal in zehn Jahren, dass ich Hoffnung habe», schrieb ein prominenter Journalist. Hunderte verlangten in Medien und sozialen Netzwerken nach einem Ende des Blutvergießens. Die Taliban sind moralisch schon in der Defensive, seitdem Präsident Ghani ihnen im Februar ein umfassendes Friedensangebot gemacht und sie ihre Offensiven daraufhin noch intensiviert hatten. Die drei Tage Frieden zum Eid-Fest haben den Druck erhöht, sich doch noch zu bewegen.

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