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Der Tag, an dem Rudi Dutschke niedergeschossen wurde

Rudi Dutschke war ein charismatischer Redner und das Gesicht der Studentenbewegung. Foto: Fritz Reiss

Rudi Dutschke war ein charismatischer Redner und das Gesicht der Studentenbewegung. Foto: Fritz Reiss

Berlin (dpa) - Rudi Dutschke steht am 11. April 1968 vor einer Apotheke auf dem Berliner Kurfürstendamm, als ihn ein Rechtsextremist mit drei Schüssen niederstreckt. Elf Jahre später stirbt der prominente linke Aktivist an den Spätfolgen des Attentats.

Der Täter wird gefasst. Im Februar 1970 begeht er in seiner Zelle Selbstmord. Genau 50 Jahre nach dem Attentat auf Rudi Dutschke in Berlin haben Verwandte, Weggefährten und Politiker mit einer Gedenkveranstaltung an den Studentenführer erinnert. Mehrere hundert Menschen versammelten sich Ecke Kurfürstendamm und Joachim-Friedrich-Straße, dem Ort, an dem der Anschlag am 11. April 1968 verübt worden war. Viele legten mit Blumen geschmückte Stiefel und Turnschuhe an die Gedenktafel des Aktivisten, der bei dem Attentat seine Schuhe verloren hatte.

Zusammen mit ihren Söhnen Hosea-Che und Rudi-Marek sowie mit Tochter Polly-Nicole kam auch Witwe Gretchen Klotz-Dutschke​ zum Ort des Attentats. «​Es ist wichtig, dass wir nicht vergessen»​, sagte die 76-Jährige. «​Die Geschichte der antiautoritären Bewegung müsste als Pflichtfach in den Schulen gelehrt werden, damit auch die jüngere Generation es versteht.»

Schriftsteller Michael Schneider, der Dutschke persönlich kannte, sagte über seinen früheren Studienkollegen: «Er war arglos, hatte kindliches Vertrauen zu den Menschen. Ich weiß nicht, ob es mangelnde Menschenkenntnis oder Humanismus war. Aber die Menschen öffneten sich ihm und er verstand es, ihre besseren Seiten hervorzubringen.»

Dutschke war damals eine Symbolfigur, die den Hass der Rechten und Konservativen auf sich zog. Er hat neue Formen des Protests etabliert. Dennoch ist der prominenteste Vertreter des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in seiner Heimat nie zur Ikone geworden - auch wenn man in Berlin-Kreuzberg 2008 eine Straße nach ihm benannt hat.

Bedenkt man, wie stark sich Deutschland unter dem Einfluss der 68er-Bewegung verändert hat, ist es eigentlich erstaunlich, dass deutsche Linke heute zwar das Konterfei des 1967 in Bolivien getöteten Guerrilleros Ché Guevara auf dem T-Shirt tragen, aber nicht das des einstigen Wortführers der deutschen Studentenproteste.

Das mag an Dutschkes bisweilen schwer verdaulichen Bandwurmsätzen liegen, die selten zum griffigen Slogan taugten. Vielleicht verhinderte auch sein selbstgestrickt-alternativer Look die posthume Vermarktung von Rudi Dutschke als Popstar des Protests. Ganz anders als Ché Guevara, der mit Barett, zerknittertem Hemd, Zigarre und Macho-Blick nicht nur für linke Ideologie stand, sondern irgendwie auch für Abenteuer und Männlichkeit.

«Ché hatte ein schönes Gesicht und ein wildes Aussehen», sagt der Berliner Politologe Hajo Funke, damals auch Mitglied im SDS. An den Äußerlichkeiten alleine liege es aber nicht. Funke glaubt, Dutschkes Wirken sei später «überblendet worden durch die Debatten über die RAF». Was er meint, ist der von Gegnern der 68er-Bewegung oft erhobene Vorwurf, die linke Studentenbewegung habe den Terror der Rote-Armee-Fraktion überhaupt erst möglich gemacht. Funke findet diese Interpretation unfair. Er sagt, Dutschke sei gegen Gewalt gewesen, ein warmherziger Mensch, «man hätte ihn mehr würdigen sollen».

Ihren ersten Anschlag verüben die späteren Mitbegründer der RAF, Andreas Baader und Gudrun Ensslin, eine Woche vor dem Attentat auf Dutschke. In Frankfurt am Main zünden sie zusammen mit Thorwald Proll und Horst Söhnlein zwei Kaufhäuser an. Je radikaler die RAF wird, je mehr Menschen durch ihren Terror sterben, desto mehr schwindet ihr Rückhalt in der Bevölkerung.

Dutschkes Theorie vom «langen Marsch durch die Institutionen» hat sich dagegen im Rückblick als praxistaugliches politisches Rezept erwiesen. Viele derjenigen, die damals losmarschiert waren, wurden später Minister und Professoren.

Ricarda Lang war noch nicht geboren, als Dutschke starb. Die Sprecherin der Grünen Jugend sagt: «Die 68er-Bewegung hat insgesamt sehr viel geleistet für die Modernisierung und Demokratisierung der Bundesrepublik, auch wenn es lange gedauert hat, bis die Frauen auch gehört wurden.» Rudi Dutschkes Namen kennt Lang seit ihrer Kindheit. Er sei «charismatisch und überzeugend» gewesen, aber für sie persönlich kein Idol, sagt sie.

Ché Guevara sieht die Nachwuchspolitikerin kritisch, «wegen seiner Haltung zur Homosexualität, wegen seinem Einsatz von Gewalt gegen Andersdenkende und weil er innerhalb seiner Gruppe sehr autoritär agiert hat».  

Eines der drei Kinder von Rudi und Gretchen Dutschke trägt den «Ché» im Namen. Das Aktivistenpaar nannte seinen ältesten Sohn Hosea-Ché. Hosea war ein Prophet im Alten Testament. Der Name «Ché» stand bei deutschen Linken damals symbolisch für die Befreiungsbewegungen in den Entwicklungsländern. Wer hat den Namen damals ausgesucht? «Ich vermute, dass es Rudi war. Ich habe es akzeptiert, obwohl ich Probleme mit Ché Guevara hatte», erinnert sich Gretchen Dutschke. Eine Bewegung, die auf Hass gründete, das gefiel ihr nicht.

Die Witwe hat sich gefreut, als sie neulich in Berlin einen Lampion mit dem Konterfei von Rudi Dutschke hängen sah. Sie sagt: «Bei denjenigen, die unter 30 sind, ist er meistens vergessen. Das finde ich schlecht, weil es so ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte ist.»

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