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Großes Ost-West-Gefälle bei der Qualität von Kitas

Zu den Schlusslichtern gehören Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Sachsen. Foto: Peter Kneffel

Zu den Schlusslichtern gehören Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Sachsen. Foto: Peter Kneffel

Gütersloh (dpa) - Etwas Licht, aber noch reichlich Schatten in vielen Kindertagesstätten: Der Betreuungsschlüssel hat sich einer Studie zufolge bundesweit verbessert, die Qualitätsunterschiede sind aber enorm.

Zwischen den Bundesländern und besonders zwischen Ost- und Westdeutschland bleibt eine tiefe Kluft. Von optimalen Bedingungen beim Erzieher-Personalschlüssel und von gleichen Bildungschancen für die Kleinsten sei man weit entfernt, hieß es in dem am Dienstag veröffentlichten «Ländermonitor frühkindliche Bildungssysteme» der Bertelsmann Stiftung. Oft entscheide der Wohnort.

Der Betreuungsschlüssel ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal der Kinderbetreuung - man versteht darunter, wie viele Mädchen und Jungen auf einen Erzieher kommen. Dazu zunächst die Zahlen: Eine pädagogische Fachkraft betreute am Stichtag 1. März 2017 rechnerisch 9,1 Kindergartenkinder - fünf Jahre zuvor waren es 9,8 ganztagsbetreute Jungen und Mädchen ab drei Jahren. In den Krippen waren laut «Ländermonitor» ein Erzieher oder eine Erzieherin für 4,3 Kinder unter drei Jahren zuständig - im März 2012 hatte der Schlüssel noch bei 1 zu 4,8 gelegen.

Reicht denn dieser Fortschritt nicht? Nein, längst nicht, meint die Stiftung - und viele andere auch. Bertelsmann empfiehlt eine Fachkraft für drei Krippenkinder sowie eine Kraft für 7,5 Drei- bis Sechsjährige, um eine individuelle Förderung zu ermöglichen. «Aus der Forschung wissen wir, dass sich schlechte Personalausstattung negativ auf die Entwicklung und Bildung der Kinder auswirken kann», sagte Stiftungsexpertin Kathrin Bock-Famulla der dpa.

Beunruhigend laut Studie auch: Seit 2015 stagniert die personelle Aufstockung in den Krippen in elf Bundesländern, etwa in NRW, Hessen, Berlin, Schleswig-Holstein, Sachsen oder Thüringen. Zahlreiche Verbände forderten einen Kraftakt, vor allem vom Bund - also mehr Personal, mehr Plätze und mehr Geld. Das Deutsche Kinderhilfswerk monierte «Schneckentempo» bei der Verbesserung der Kita-Qualität. Gehe es so weiter, werde es noch 11 bis 13 Jahre dauern, bis der Personalschlüssel «zufriedenstellend» sei.

Bertelsmann zeigt nach Berlin: Der Bund müsse deutschlandweit einheitliche Standards schaffen, forderte Stiftungsvorstand Jörg Dräger in Gütersloh. Eine Beteiligung an der Kita-Finanzierung nur bis 2022 reiche nicht. Das geplante «Gute-Kita-Gesetz» der Bundesregierung sehe solche Einheitsstandards aber nicht vor und drohe deshalb das regionale Qualitätsgefälle und den «Flickenteppich» noch zu verschärfen.

Familienministerin Franziska Giffey (SPD) stellte klar: Ja, es gebe noch viel zu tun. Der Bund werde die Länder unterstützen - und zwar erstmals in einer Größenordnung von insgesamt 5,5 Milliarden Euro bis 2022. Ziel seien bessere Personalausstattung, Gesundheits- und Sprachförderung für die Kleinen, eine Entlastung der Kita-Leitungen. Die Bundeselternvertretung der Kita-Kinder nannte die 5,5 Milliarden Euro «einen Tropfen auf den heißen Stein». Laut Bertelsmann braucht vor allem Ostdeutschland deutlich mehr Geld für eine Aufholjagd.

Denn vor allem für Kinder unter drei Jahren gebe es im Osten eine Benachteiligung: Dort müsse eine Erzieherin etwa doppelt so viele U3-Kinder betreuen wie in vielen westlichen Bundesländern, erläuterte Bock-Famulla. In Ostdeutschland würden traditionell mehr kleinere Kinder in Krippen oder bei Tagesmüttern betreut: Dort seien es mehr als 51 Prozent, im Westen weniger als 29 Prozent. Im Osten werden laut Expertin insgesamt gut 631.000 Kinder, im Westen knapp 2,8 Millionen Jungen und Mädchen in Krippen, Kitas und - zu einem kleineren Anteil - in der Tagespflege betreut.

Am besten sieht es für Familien in Baden-Württemberg aus - mit einem Betreuungsschlüssel von 1 zu 3,1 Krippenkindern und 1 zu 7,1 Kindern von drei bis sechs Jahren. Den zweiten Platz belegt Bremen. Niedersachsen und Rheinland-Pfalz teilen sich Rang drei. Nordrhein-Westfalen fällt im «Ländermonitor» auf, weil es dort - nach Bayern und Rheinland-Pfalz - auffallend große Unterschiede je nach Wohnort gebe. Schlusslichter sind Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Sachsen.

«Unter diesen Umständen ist die frühkindliche Förderung kaum möglich», sagte der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung, Udo Beckmann, der dpa. Schon um den aktuellen Bedarf zu decken, fehlten 130.000 Erzieher. Laut Gewerkschaft DGB können die Länder den weiteren Ausbau ohne dauerhafte Mittel vom Bund nicht schaffen.

Der Paritätische Gesamtverband mahnte mit Blick auf geflüchtete oder behinderte Kinder auch mehr multiprofessionelle Teams an. Der Städte- und Gemeindebund hält bis 2025 mindestens 260.000 Fachkräfte für nötig, wie er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) sagte. Fakt ist allerdings: Erzieher werden händeringend gesucht, der Markt ist leergefegt.

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