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Missbrauchsverdacht - Anwältin: Es war ein Vertuschen

Die Saarbrücker Rechtsanwältin Claudia Willger. Foto: Katja Sponholz/dpa/Archivbild

Die Saarbrücker Rechtsanwältin Claudia Willger. Foto: Katja Sponholz/dpa/Archivbild

Saarbrücken/Homburg (dpa/lrs) - Die Saarbrücker Rechtsanwältin Claudia Willger weiß nicht, wie viele Opfer von sexueller Gewalt sie schon kennengelernt, beraten und vertreten hat. Einige Hundert sind es garantiert - darunter allein 150, die sie als Anhörungsbeauftragte für die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs im Saarland, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg befragt hat. Doch der Fall am saarländischen Universitätsklinikum Homburg (UKS) beschäftigt die 58-Jährige in besonderer Weise. Dort soll ein Arzt mehrere Kinder sexuell missbraucht haben.

«Ich glaube, dass es gesellschaftlichen Eliten ganz gut gelingt, so etwas zu verstecken und sich gegenseitig zu schützen», sagt sie. Das gehe zulasten jener Opfer, die besonders unter der Verharmlosung von Taten litten.

Ende Juni war bekannt geworden, dass ein inzwischen gestorbener Assistenzarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKS in Homburg von 2010 bis 2014 mehrere Kinder sexuell missbraucht haben soll. Er soll medizinisch nicht notwendige Untersuchungen im intimen Bereich vorgenommen haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen der Behandlung von 34 Patienten. Nach dem Tod des Arztes 2016 waren die Ermittlungen eingestellt worden. Die Eltern der meist fünf bis acht Jahre alten Kinder waren bis vor kurzem nicht informiert worden.

Gegen den Klinikleiter wurde ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Laut Rechtsaufsicht lasse er auf eigenen Wunsch derzeit die Leitung und seine hauptamtlichen praktischen Dienste in der Krankenversorgung ruhen.

Nach Auskunft von Wolfgang Reith, Ärztlicher Direktor des UKS, läuft die Aufarbeitung der Verdachtsfälle mit unterschiedlichen Maßnahmen, unter anderem einem neuen «Schutzkonzept Gewaltprävention». Außerdem seien insgesamt 314 Betroffene, die damals Patienten des Arztes waren, beziehungsweise deren Familien angeschrieben worden. Aus 57 telefonischen Anfragen hätten sich bislang 32 Akteneinsichten und Gespräche am UKS ergeben. Zudem habe es eine externe Begutachtung der ursprünglichen 34 Patientenakten gegeben. «Die Ergebnisse des umfangreichen Gutachtens werden aktuell am UKS gesichtet», teilte Reith mit.

Claudia Willger, die sechs frühere Patienten des Arztes vertritt, ist überzeugt, dass man früher am UKS und spätestens ab 2015 in der Staatsanwaltschaft gewusst habe, dass an der sogenannten Ausscheidungsambulanz etwas nicht in Ordnung gewesen sei. Die Eltern seien trotzdem nicht informiert worden - mit der Folge, dass ihre Kinder dort weiter in die Behandlung gingen. Widerstände von Kindern seien als aufsässiges Verhalten oder als Probleme in der Erziehung gewertet worden.

«Weil die Eltern nicht informiert wurden, konnten sie nicht entsprechend reagieren. Dadurch ist ein Problem chronifiziert worden. Das geht in Richtung Körperverletzung», sagt Willger. Deshalb habe sie gegen den Chefarzt, eine Oberärztin und die Justiziarin des UKS sowie gegen die damals ermittelnde Staatsanwältin Strafanzeigen gestellt. Weil diese jedoch ohne Ermittlungsverfahren abgelehnt worden seien, habe sie nun einen Antrag auf eine gerichtliche Entscheidung gestellt.

«Ich will ein Zeichen setzen», sagt sie. «So etwas darf so niemals wieder geschehen. Es muss sich etwas an den Strukturen ändern, dass diejenigen, die an einer verantwortlichen Stelle sitzen, auch wirklich die Verantwortung tragen - auch, wenn sie nichts unternommen haben.»

Das sei man vor allem den Betroffenen schuldig. Wenn solche Taten verharmlost würden, litten sie unter zusätzliche Belastungen: «Dann trauen sie ihren Gefühlen nicht mehr», weiß sie aus jahrelanger Erfahrung als Opferanwältin. «Die Reaktionen der Umwelt können solch eine zerstörerische Kraft haben, dass sie von den Wirkungen über das hinausgehen, was eigentlich passiert ist.» Sie kenne Betroffene, die seitdem Angst haben, ein Krankenhaus zu besuchen oder sich weigerten, sich von einem Arzt untersuchen zu lassen. «Eine hat erzählt: Das Schlimmste, was ihr passieren könne, wäre, wenn sie einmal pflegebedürftig werde. Das werde sie nicht aushalten, dann werde sie sich vorher umbringen.»

Genau deshalb will Claudia Willger mit ihrem Kampf für die Betroffenen Bewusstsein schaffen. Zwar sei sie überzeugt, dass in diesem Fall viel verheimlicht worden sei. Gleichwohl habe sie den Eindruck, «dass hier auch gewaltige Dinge angestoßen werden und endlich ein Stück weit Licht hineinkommt».

Die Staatskanzlei hat einen Sonderermittler eingesetzt, der das Verfahren untersuchen soll. Und auch ein Untersuchungsausschuss «Missbrauchsfälle in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Homburg» hat inzwischen seine Arbeit aufgenommen.

«Ich bin dankbar für diesen Ausschuss, das hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht erträumt», gibt Willger zu. Ihrer Ansicht nach müssten daraus andere politische Bewertungen erfolgen. «Ich wünsche mir, dass am Ende ganz klar benannt wird, was es war», so die Anwältin. «Es war ein Vertuschen von Missbrauch an einer bedeutenden staatlichen Institution. Und es war nicht in Ordnung.»

Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs

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