L250 Sankt Ingbert Richtung Dudweiler zwischen Sankt Ingbert und Neuweiler Unfallaufnahme (20.04.2019, 09:56)

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Alle sehen weiß: So läuft es in den Schnee-Krisengebieten

Rudolf Röckenschuß, Inhaber einer Metzgerei, befreit seinen Hof mit einer Schneefräse vom Schnee. Foto: Lino Mirgeler

Rudolf Röckenschuß, Inhaber einer Metzgerei, befreit seinen Hof mit einer Schneefräse vom Schnee. Foto: Lino Mirgeler

Miesbach (dpa) - Eine weiße Fontäne spritzt über die Straße am Rande der Innenstadt, immer wieder: Rudolf Röckenschuß kämpft sich mit einer Schneefräse langsam über seine Einfahrt.

Er betreibt eine Metzgerei im bayerischen Miesbach; um 4 Uhr ist er aufgestanden und hat den Leberkäse vorbereitet - jetzt sorgt er erst einmal dafür, dass die Kunden überhaupt bei ihm auf den Hof kommen können. «Das ist jetzt schon extrem», sagt er und meint den Winter, der die oberbayerische Stadt mit heftigen Schneefällen eingedeckt hat.

Das Leben dort hat sich seitdem merklich verlangsamt. Schulkinder bleiben zu Hause, viele Kunden des Metzgers auch. «Viele decken sich gleich für mehrere Tage ein», erzählt Röckenschuß.

Am Montag hat der Landkreis Miesbach wegen des Schneefalls den Katastrophenfall ausgerufen. Alle Schulen sind bis Ende der Woche geschlossen, Züge fahren nicht, Dächer müssen abgeräumt werden, damit sie unter der Last des nassen Schnees nichts zusammenbrechen. Im Zwei-Stunden-Takt berät ein Krisenstab die Lage - rund um die Uhr.

In benachbarten Kreisen und im Nachbarland Österreich sieht die Lage vielerorts ganz ähnlich aus. Bereits seit Samstag ist etwa der kleine Ort Hohentauern in der Steiermark von der Außenwelt abgeschnitten. «Es kommt seit Samstag, 15 Uhr, keiner rein und keiner raus», sagt Gernot Jetz, Vize-Bürgermeister der Gemeinde.

Das Problem: Entlang der Zufahrtsstraße herrscht auf beiden Seiten des Ortes sehr große Lawinengefahr. Rund 750 Menschen sind laut Jetz derzeit in der Ortschaft, davon sind rund 330 Gäste. «Das klingt vielleicht komisch bei der Lage, aber die Stimmung ist sehr gut.»

Die Gemeinde sei sowohl mit Nahrungsmitteln als auch mit Medikamenten bestens versorgt. «Die Bauern backen Brot für alle und geben Eier weiter, wir haben auch noch 600 Liter Milch zur Verfügung», erklärt Jetz, der während des Gesprächs mit der Feuerwehr unterwegs ist, um Schnee von Dächern zu räumen. Bis Freitag wird in Hohentauern noch mit einem Meter Neuschnee gerechnet - zusätzlich zu den mehr als zwei Metern Schnee, die schon liegen.

Voraussichtlich bis Freitagmittag müssen die 750 Menschen noch in Hohentauern ausharren. Erst dann könnte sich die Wetterlage entspannen und ein Zeitfenster entstehen, in dem mit Helikoptern Erkundungsflüge gemacht werden könnten. Nur so könne die Gefahr durch Lawinen genau abgeschätzt und mögliche Lawinensprengungen eingeleitet werden. «Wir sind noch für vier oder fünf Tage bestens versorgt», sagt Jetz zuversichtlich.

In Miesbach schlurft derweil ein Mann im schwarzen Anorak mit Schneeschaufel über den Bürgersteig. Er ist Rentner und schippt im Auftrag der Geschäftsinhaber, für ihn ein Zubrot. Seinen Namen will er nicht nennen - die Arbeit mit der weißen Ware wird schwarz verrichtet. «So einen Winter hatten wir zum letzten Mal in den 70er Jahren», erinnert er sich. Alle drei bis vier Stunden müsse er erneut ran, in der Zeit sei der Weg wieder zugeschneit.

An den Gleisen des Miesbacher Bahnhofs ist die Schneedecke unberührt. Die Bayerische Oberlandbahn, die Pendler in Richtung München bringen soll, steht still. Stattdessen sollen Busse verkehren. Doch von denen ist zunächst nichts zu sehen. «Am Montag bin ich schon nicht zur Arbeit gekommen, heute wohl wieder nicht. Allmählich reicht’s mir!», schimpft Markus Sonnleitner, der vor dem Bahnhofsgebäude wartet. «Keiner weiß, wann die Busse kommen, im Internet steht nichts», sagt Julia Mayer, die zum Job in die Landeshauptstadt pendelt. «Wenn es so weitergeht, gehe ich morgen nicht.»

Irgendwann kommt dann doch ein Bus. Fahrer Michael Kolic steigt aus und steckt sich erst mal eine Zigarette an. «Die habe ich mir verdient, ich bin fix und fertig», sagt er. Lastwagen bleiben liegen, die Straßen sind glatt, «da läuft der Puls stärker als normal». Die meisten Fahrgäste seien gelassen, impulsivere Naturen ließen ihren Frust an den Fahrern aus. Doch was könne er schon dafür, dass der Fahrplan nicht einzuhalten ist?

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