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Die verworrenen Allianzen im Norden Syriens

Türkische Artillerie feuert in Richtung der Kurdenmiliz YPG in der nordsyrischen Region Afrin. Foto: Uncredited/AP/Archiv

Türkische Artillerie feuert in Richtung der Kurdenmiliz YPG in der nordsyrischen Region Afrin. Foto: Uncredited/AP/Archiv

Damaskus (dpa) - Als die syrischen Regierungskämpfer in die Kurden-Region Afrin einrücken, jubeln sie wie bei einem Autokorso nach einem gewonnenen Fußballspiel.

Auf den Ladeflächen von Pick-ups strecken die Männer ihre Arme mit dem Siegeszeichen in die Höhe, während die Wagen den Kontrollpunkt passieren. Immer wieder stimmen sie denselben Chor an: «Eins, eins, Syrien ist eins.» Und ein Kämpfer mit leger geöffnetem Uniformhemd droht vor der Kamera: «Wir bleiben in Afrin, bis wir den türkisch-osmanischen Besatzer vertreiben.»

Afrin im Nordwesten des Bürgerkriegslandes Syrien: Seit etwa einem Monat steht die von Kurden kontrollierte Region im Fokus des blutigen Konflikts. Im Januar rückten türkische Truppen auf das Gebiet vor, um dort die Kurdenmiliz YPG zu bekämpfen. Zusammen mit verbündeten syrischen Rebellen gelang es ihnen, Gebiete an der Grenze zur Türkei einzunehmen. In ihrer Not schloss die YPG nun einen Pakt mit Syriens Regierung. Diese schickte am Dienstag Milizen zur Unterstützung der Kurden. Die türkische Armee antwortete umgehend mit Beschuss.

Jetzt wächst sie Sorge, dass es erstmals zu einer größeren Eskalation zwischen der Türkei und syrischen Regierungstruppen kommen könnte. Die Mächtigen in Ankara und Damaskus sind sich zwar seit Jahren spinnefeind, nicht zuletzt weil die Türkei im Bürgerkrieg Rebellen unterstützt - bislang gab es aber nur vereinzelt direkte Zusammenstöße. Eine Lösung des Konflikts ist nicht zu erkennen, weil es viele Konfliktparteien mit extrem gegensätzlichen Interessen gibt.

DIE KURDEN: Sie sind in dem Konflikt je nach Lage mit ganz unterschiedlichen Parteien verbündet, die sich teilweise bekämpfen. Im Zuge des mittlerweile fast siebenjährigen Bürgerkriegs gelang es den YPG genannten kurdischen «Volksschutzeinheiten», im Norden Syriens riesige Gebiete einzunehmen. Die Kurden errichteten dort drei Kantone, in denen sie eine «Selbstverwaltung» ausriefen - zum Missfallen der Türkei, aber auch der Regierung in Damaskus.

Das Verhältnis zwischen den Kurden und der Führung Syriens ist voller Konflikte. Schon unter dem früheren Präsidenten Hafis al-Assad beklagten sich die Kurden über Diskriminierung. Viele von ihnen besaßen lange keine Staatsbürgerschaft. Mit der «Selbstverwaltung» wollen sie ihren Traum von mehr Autonomie verwirklichen. In Afrin kooperieren die Kurden dennoch mit der Regierung in Damaskus - anderswo bekämpfen sich die beiden aber. Zum Beispiel im Osten des Bürgerkriegslandes.

Denn gleichzeitig entwickelte sich die YPG in Syrien zum wichtigsten Partner der US-geführten internationalen Koalition im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). US-Soldaten unterstützen die Miliz am Boden. Das führt nun zu einer bizarren Konstellation: In Afrin paktieren die Kurden mit der syrischen Regierung, die wiederum mit dem kurdischen Verbündeten USA verfeindet ist.

DIE TÜRKEI: In Afrin verfolgt Ankara mit der «Operation Olivenzweig» offiziell das Ziel, «Nordsyrien von allen terroristischen Elementen zu säubern». Tatsächlich richtet sich die Offensive gegen die YPG, den syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Die Türkei teilt eine 911 Kilometer lange Grenze mit Syrien. Auf mehr als zwei Dritteln davon steht auf der syrischen Seite die YPG - aus Sicht Ankaras eine Terrororganisation, die die Türkei bedroht.

Dass die USA die YPG im Kampf gegen den IS unterstützen, hat zu einer schweren Krise zwischen Ankara und Washington geführt. Ein türkischer Präsidentensprecher betont, die Türkei unterstütze den Kampf gegen den IS - die USA hätten mit der YPG aber auf die falschen Alliierten gesetzt. Ankara hat zugleich Syrien davor gewarnt, in Afrin der YPG im Kampf gegen die türkischen Armee beizustehen.

SYRIENS REGIERUNG: Als im März 2011 im Zuge der arabischen Aufstände auch in Syrien Demonstrationen ausbrachen, ging die Führung in Damaskus dagegen mit Gewalt vor. Daraus entwickelte sich der Bürgerkrieg. Mittlerweile haben Regierungsanhänger wieder die größten Teile des Landes eingenommen. Zu verdanken hat Präsident Baschar al-Assad das vor allem seinen Verbündeten Russland und Iran.

Assad verfolgt das Ziel, das gesamte Land wieder unter Kontrolle zu bringen und die Einheit Syriens unter allen Umständen zu bewahren. Der Einsatz in Afrin gibt der Führung in Damaskus die Chance, ihren Einfluss auszudehnen. Allerdings entsandte sie keine Truppen der regulären Armee, sondern paramilitärische «Volkskräfte». Möglicherweise stehen diese in Verbindung zum schiitischen Iran, der Assad in dem Konflikt unterstützt. So finanziert Teheran Milizen, die an der Seite der Armee kämpfen, etwa die libanesische Hisbollah.

REBELLEN: Sie sind sowohl mit der Regierung in Damaskus als auch mit den Kurden verfeindet. In Afrin kämpfen Rebellenmilizen an der Seite der Türkei, von deren Unterstützung sie abhängen. Allerdings sind die im Bürgerkrieg ins Hintertreffen geraten und kontrollieren nur noch wenige Gebiete wie die Provinz Idlib im Nordwesten oder das von Regierungstruppen massiv bombardierte Gebiet Ost-Ghuta nahe Damaskus.

RUSSLAND: Die Position Russlands ist nicht eindeutig. Moskau ist einerseits ein wichtiger Verbündeter der syrischen Regierung, tritt aber andererseits zusammen mit dem Iran und der Türkei als Schirmherr von Verhandlungen auf. Zudem kooperierten die Russen mit den Kurden. Was Moskau dazu bewegt hat, dem Angriff der Türkei auf Afrin zuzustimmen, ist derzeit Gegenstand von Spekulationen.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow warnte vor einer Spaltung des Landes und forderte die Türkei dazu auf, mit Damaskus in Dialog zu treten. Man betrachte die Kurden nicht als Terroristen. Man habe aber auch nicht vor, die YPG zu unterstützen. Die Entsendung der Regierungstruppen nach Afrin kam allerdings unter Vermittlung Russlands zustande.

Generell will Russland den Konflikt in Syrien beruhigen, um den kostspieligen eigenen Truppeneinsatz zurückfahren zu können. Beobachter merken dabei an, dass Kremlchef Wladimir Putin vor der Präsidentenwahl in Russland am 18. März kein Risiko eingehen könne. «Für den Kreml ist es wichtig, die Wählerschaft nicht zu sehr auf internationale Fragen wie Syrien aufmerksam zu machen», sagte der Militärexperte Wladimir Popow der Zeitung «Nesawissimaja Gaseta». Eine gute Zusammenarbeit mit der Türkei könne hingegen hilfreich sein, um die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Ländern zu beleben.

© WhatsBroadcast
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