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Startschuss für den Milliardenpoker

Europaflaggen vor der Europäischen Kommission in Brüssel. Foto: Matthias Balk

Europaflaggen vor der Europäischen Kommission in Brüssel. Foto: Matthias Balk

Brüssel (dpa) - Günther Oettinger hat es sich nicht leicht gemacht. Alle 28 EU-Länder besuchte der deutsche EU-Kommissar in den vergangenen Monaten, um einen für alle akzeptablen Vorschlag für die künftigen EU-Finanzen machen zu können.

An diesem Mittwoch legt er das wohl wichtigste Papier seiner Amtszeit nun offiziell vor. Vorschusslorbeeren gab es bislang nicht - im Gegenteil.

Worum geht es bei Oettingers Vorschlag?

Um den sogenannten mehrjährigen Finanzrahmen (MFR). Mit ihm legen die EU-Staaten fest, wie viel Geld sie in einem bestimmten Zeitraum für Gemeinschaftsaufgaben zur Verfügung stellen wollen. Zugleich wird geregelt, wie viel Geld höchstens in welche Politikbereiche fließen darf. In den Verhandlungen über den aktuellen Finanzrahmen von 2014 bis Ende 2020 einigten sich die EU-Staaten beispielsweise darauf, dass für die gemeinsame Agrarpolitik höchstens Ausgaben in Höhe von 370 Milliarden Euro eingeplant werden dürfen. Insgesamt dürfen bis Ende 2020 rund 960 Milliarden Euro verplant werden.

Ist schon bekannt, was Oettinger heute präsentieren will?

Ja, die groben Linien hat er bereits verraten. Mehr EU-Geld muss es seiner Vorstellung nach für den Schutz der europäischen Außengrenzen sowie für Verteidigung, Forschung und Jugend (Erasmus+) geben. Fast alle anderen EU-Programme sollen hingegen gekürzt werden - auch die Hilfen für Landwirte und strukturschwache Regionen. «Bei den zwei größten Programmen, Agrarpolitik und Kohäsionspolitik, werden wir maßvolle, aber effektive Kürzungen von sechs Prozent im Vergleich zu 2020 vornehmen», erklärte Oettinger jüngst in Berlin.

Was könnten Kürzungen des EU-Haushalts für Deutschland bedeuten?

Am meisten profitieren derzeit strukturschwache Regionen, vor allem in Ostdeutschland und Niedersachsen. Sie erhalten aus dem laufenden MFR rund 19,2 Milliarden Euro. Die deutschen Bauern bekommen etwa fünf Milliarden Euro pro Jahr an direkten Hilfen. Hinzu kommen Mittel aus der Forschungsförderung.

Warum legt sich Oettinger mit der mächtigen Agrarlobby an?

Ihm blieb kaum eine andere Wahl. Durch den von Großbritannien geplanten EU-Austritt werden im Gemeinschaftshaushalt künftig jährlich mindestens zwölf Milliarden Euro fehlen, denn das Land hat als sogenannter Nettozahler zuletzt immer mehr Geld eingezahlt als wieder herausbekommen. Hinzu kommen geplante Mehrausgaben in Höhe von acht bis zehn Milliarden Euro pro Jahr.

Warum fordert Oettinger nicht einfach höhere Beiträge von den verbleibenden EU-Staaten?

Das wird er tun, er weiß allerdings, dass etliche Nettozahler Beitragserhöhungen höchstens in begrenztem Umfang zustimmen werden. Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz schimpft bereits vor der offiziellen Veröffentlichung des Oettinger-Vorschlags. Ziel müsse es sein, dass die EU nach dem Brexit «schlanker, sparsamer und effizienter» werde, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Diesem Ansatz trage der Vorschlag der EU-Kommission «nicht ausreichend Rechnung». Für Österreich sei er «noch weit von einer akzeptablen Lösung entfernt».

Wie geht es jetzt weiter?

Über den Vorschlag Oettingers werden sich nun Vertreter der EU-Staaten beugen, die sich letztlich einstimmig auf den künftigen Finanzrahmen einigen müssen. Die Verhandlungen unter den Mitgliedstaaten dürften etliche Monate, wenn nicht sogar noch deutlich länger dauern. Ihren Vorschlag für den Finanzrahmen von 2014 bis 2021 legte die Kommission beispielsweise im Sommer 2011 vor. Dann stritten die Mitgliedstaaten rund zwei Jahre um einen Kompromiss, bevor dann noch eine Einigung mit dem EU-Parlament gefunden werden musste. Unter Dach und Fach war der aktuelle MFR erst Ende 2013 - kurz vor dem Auslaufen des alten.

Was dürften diesmal die größten Streitpunkte werden?

Die Interessen der Mitgliedstaaten sind sehr unterschiedlich. Länder wie Frankreich wollen zum Beispiel viel Geld dafür ausgeben, eine funktionierende Landwirtschaft in der EU zu erhalten. Vor allem die mitteleuropäischen Staaten wollen nicht die für sie so wichtigen EU-Hilfsmittel für strukturschwache Regionen verlieren. Zudem will die Kommission vorschlagen, die Vergabe von EU-Geldern künftig klarer an die Einhaltung rechtsstaatlicher Standards zu knüpfen. Das könnte den Widerstand von Ländern wie Polen und Ungarn provozieren, denen zuletzt immer wieder Verstöße gegen EU-Standards vorgeworfen wurden. Den von Oettinger gewünschten Beitragserhöhungen stehen auch neben Österreich auch Länder wie die Niederlande, Schweden, Dänemark sehr skeptisch gegenüber.

Wie wird Deutschland in die Verhandlungen gehen?

Die Bundesregierung ist zu höheren Beiträgen zum EU-Haushalt bereit, allerdings unter dem Vorbehalt, dass die EU sich auf «Aufgaben der Zukunft mit europäischem Mehrwert» konzentriert. Zudem fordert Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass die Verteilungskriterien für EU-Gelder für strukturschwache Regionen «künftig auch das Engagement vieler Regionen und Kommunen bei der Aufnahme und Integration von Migranten widerspiegeln» sollten.

Hat der Vorschlag von Merkel Erfolgsaussichten?

Wenn er als finanzieller Ausgleich für Länder wahrgenommen wird, die Flüchtlinge aufnehmen, vielleicht schon - wenn er als Bestrafung wahrgenommen wird, eher nicht.

Hat Oettinger irgendwelche Druckmittel in der Hand, um die Diskussion Einigung auf den künftigen Finanzrahmen zu beschleunigen?

Nein. Er hat aber Argumente, warum noch vor der Europawahl im Mai 2019 Klarheit geschaffen werden sollte. «Wenn wir zu einem Zeitpunkt, wo die Briten leider gehen, die Handlungsfähigkeit Europas demonstrieren wollen, dann müssen wir uns einigen», sagt er. Wichtig sei dies auch als Zeichen an die «Autokraten in Ankara, Moskau oder in einem Flügel im Weißen Haus». Diese erwarteten nämlich ein Scheitern des europäischen Modells. Zudem argumentiert Oettinger, dass die Empfänger von EU-Geldern Planungssicherheit bräuchten.

EU-Kommission zu Fördergeldern für Deutschland

EU-Kommission zu Haushaltsoptionen

Webseite der Kommission zum MFR

EU-Webseite zur Frage"Woher kommt das Geld?"

Zahlen zum MFR von 2014 bis 2020

© WhatsBroadcast
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