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Wie gut sind Europas Geldhäuser auf Schocks vorbereitet?

Lichter in den Bürotürmen der Banken leuchten im letzten Licht des Tages über der Mainmetropole. Foto: Boris Roessler

Lichter in den Bürotürmen der Banken leuchten im letzten Licht des Tages über der Mainmetropole. Foto: Boris Roessler

Frankfurt/London (dpa) - Wie krisensicher sind Europas Banken? In den vergangenen Monaten haben Europas Bankenaufseher die großen Geldhäuser durchrechnen lassen, was im schlimmsten Fall passieren würde.

Die Ergebnisse des Stresstests veröffentlichten die europäische Bankenaufsicht EBA und die Europäische Zentralbank (EZB) am Freitagabend.

Was ist ein Stresstest?

Auf Verbraucher übertragen könnte der Test so aussehen: Reichen Einnahmen, Ersparnisse oder Versicherungsschutz auch dann, wenn Auto und Waschmaschine gleichzeitig kaputtgehen, der Arbeitgeber pleitegeht und man erst im nächsten Jahr einen neuen Job findet? Oder auf Hausbesitzer gemünzt: Was wäre, wenn gleichzeitig der Blitz einschlägt, der Strom ausfällt, es einen Wasserrohrbruch gibt und Einbrecher in die eigenen vier Wände einsteigen?

Was sollen solche Krisentests bei Banken bringen?

Weltweit überprüfen Aufseher regelmäßig, wie anfällig Banken im Krisenfall wären. Die Tests sollen Risiken in den Bilanzen offenlegen. Gegebenenfalls können Aufseher dann einzelnen Instituten frühzeitig auftragen, ihre Kapitalpuffer zu verstärken.

Wie viele Institute haben die Aufseher in Europa durchleuchtet?

Stellen mussten sich dem EBA-Test 48 Banken aus 15 Staaten. Sie stehen für 70 Prozent des Bankenmarktes in der Europäischen Union. Unter den 48 Instituten sind 33 im Euroraum, die von der EZB beaufsichtigt werden. Fazit von EBA und EZB: Europas Banken sind im Allgemeinen besser für eine mögliche neue Wirtschafts- und Finanzkrise gerüstet als noch vor einigen Jahren. Die EZB als zentrale Bankenaufsicht für den Euroraum hatte parallel zu dem EBA-Test einen nahezu identischen Stresstest für weitere 54 Institute durchgeführt, die sie direkt beaufsichtigt. Unter diesen 54 Instituten sind 11 deutsche, beispielsweise die Dekabank als Vertreter des Sparkassenlagers.

Für welche deutschen Banken gibt es detaillierte Ergebnisse?

Aus Deutschland mussten in dem EBA-Test acht Banken Daten liefern. Die NordLB war unter ihnen wie erwartet das schlechteste mit 7,07 Prozent harter Kernkapitalquote Ende 2020. Die Deutsche Bank kam auf 8,14 Prozent, bei der Commerzbank waren es 9,93 Prozent. Den dicksten Kapitalpuffer auch unter Stress wies das staatliche Förderinstitut NRW.Bank mit fast 34 Prozent aus. Außerdem mussten die DZ Bank sowie die Landesbanken LBBW, BayernLB und Helaba Daten liefern.

Was wollten die Aufseher wissen?

Die Institute mussten auf Basis ihrer Bilanz Ende 2017 ein Krisenszenario durchrechnen: Wie sehr schrumpft die Kapitalbasis innerhalb von drei Jahren, wenn die Konjunktur einbricht, die Arbeitslosenzahlen steigen und die Immobilienpreise in den Keller gehen - mit der Folge, das dann möglicherweise mehr Kredite nicht zurückgezahlt werden?

Wie sahen die genauen Stressfaktoren aus?

Im Krisenszenario wurde unterstellt, dass Europas Wirtschaft in den Jahren 2018 und 2019 um 1,2 Prozent beziehungsweise 2,2 Prozent schrumpft und 2020 wieder um 0,7 Prozent wächst. Über den Drei-Jahres-Zeitraum ergab sich somit ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in der EU um 2,7 Prozent. Verglichen mit dem günstigeren Basisszenario wäre das ein Einbruch um 8,3 Prozent. Die Arbeitslosenquote läge in dem sogenannten adversen Szenario im Jahr 2020 in der EU bei 9,7 Prozent, eine Steigerung um 3,3 Prozentpunkte zur Basisannahme. Die Preise für Wohnimmobilien würden in dem Krisenszenario über die drei Jahre um 19,1 Prozent abrutschen.

Wurden alle Länder über einen Kamm geschoren?

Neben den übergreifenden Zahlen gab es länderspezifische Vorgaben. So wurde zum Beispiel für Deutschland ein kräftigerer Wirtschaftsabsturz simuliert als etwa für Frankreich oder Italien. Damit haben die Aufseher versucht, der unterschiedlichen Stärke der jeweiligen Volkswirtschaft und ihrer Banken gerecht zu werden.

Wurde der Brexit als Risikofaktor berücksichtigt?

Dass Großbritannien voraussichtlich Ende März 2019 die EU verlassen wird, war nach EBA-Angaben zumindest indirekt berücksichtigt: Das nachteilige Szenario umfasse «ein breites Spektrum makroökonomischer Risiken, die mit dem Brexit verbunden sein könnten». EU-weit am schlechtesten schnitt in dem Test die britische Großbank Barclays ab. Ihr Krisenpuffer halbierte sich auf nur noch 6,37 Prozent.

Gab es Durchfaller?

Formal nicht. Wie bereits beim Stresstest 2016 gab es kein Urteile im Sinne von «bestanden» oder «durchgefallen». Wie beim Test vor zwei Jahren verzichteten die Aufseher auf die Vorgabe standardisierter Kapitalquoten, die die Banken in der Prüfung erfüllen mussten. Banken, die schlecht abgeschnitten haben, können die Aufseher aber durchaus verpflichten, Kapitalpuffer zu verstärken.

Auf welchen Wert schauen die Aufseher besonders?

Entscheidend ist, dass Banken ausreichend hartes Kernkapital haben. Kapital also, das im Fall von Verlusten uneingeschränkt zur Verfügung steht. Aufseher sehen einen Wert von 5,5 Prozent als Minimum dessen, was Banken in Krisenzeiten noch vorweisen sollten. Beim Test 2014 hatten EBA und EZB verlangt, dass die Kapitalquote auch im Krisenszenario nicht unter diese Schwelle fällt. Im Euroraum fielen damals 25 von 130 untersuchten Instituten durch.

Sorgen solche Tests für Beruhigung?

Die Erfahrungen sind durchwachsen. Beim europäischen Stresstest 2010 - noch vor Gründung der EBA - fielen nur Institute durch, von denen es erwartet worden war: beispielsweise der mit Steuermilliarden gerettete Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE). Kurz nach dem damaligen Test musste der Staat zunächst unauffällige irische Banken auffangen. 2011 schnitt im EBA-Test etwa die belgisch-französische Dexia-Bank glänzend ab. Sie wurde wenig später als erstes großes Opfer der Euro-Schuldenkrise zerschlagen.

Sind Stresstests also sinnlos?

Kritiker bemängeln, dass etwa das Risiko eines Ausfalls von Staatsanleihen im aktuellen Test nicht ausreichend berücksichtigt sei. Zudem profitierten Banken mit hohem Anteil ausfallgefährdeter Kredite («Non-Performing Loans»/NPL) von den Kriterien, weil Banken Zinseinkünfte aus solchen Krediten im diesjährigen Test einrechnen dürfen. Beides spielt zum Beispiel Italiens Banken in die Hände. Diese halten nicht nur hohe Bestände an Wertpapieren ihres Heimatstaates, auch der Berg von Problemkrediten in ihren Büchern ist im Vergleich zu Banken in anderen Euroländern besonders hoch.

Was sagen Befürworter?

Sie meinen, solche Tests seien wichtig, um Transparenz über mögliche Gefahren zu schaffen. Ein Stresstest als Diagnoseinstrument könne «durchaus zur Beschleunigung des Lösens von Problemen beitragen», meint BdB-Fachmann Uwe Gaumert. Als positives Beispiel führen Experten den ersten Stresstest in den USA 2009 an: Die US-Regierung nahm die 19 größten Geldinstitute des Landes unter die Lupe. 10 davon wurde verordnet, sich frisches Geld zu besorgen. Wer das am Markt nicht schaffte, bekam Staatshilfen aufgebrummt.

Warum waren beim aktuellen Test mehrere Behörden beteiligt?

Die EZB beaufsichtigt seit November 2014 die größten Banken und Bankengruppen im Euroraum direkt, derzeit sind es 118 Institute im gemeinsamen Währungsraum. Unterstützt wird sie von den nationalen Aufsehern, in Deutschland sind das Bafin und Bundesbank. Die EBA ist die oberste Bankenaufsichtsbehörde der EU und damit auch für Banken in Nicht-Euro-Staaten wie Großbritannien oder Dänemark zuständig.

Informationen EBA zu Stresstest 2018

EBA zu Szenarien im Stresstest 2018

EBA: Fragen und Antworten zum Stresstest 2018 (Englisch)

ESRB: Details zu Stresstestszenarien und länderspezifischen Vorgaben

EZB zu Bankenstresstest 2018

Informationen zur EZB-Bankenaufsicht

EZB zu direkt beaufsichtigten Banken

EZB zu faulen Krediten

Ergänzende EZB-Informationen zu faulen Krediten

EZB zu Krisentests bei griechischen Großbanken 5.5.2018

EBA zu Stresstest 2016

EZB zum «SREP»-Prozess für institutsspezifische Kapitalzuschläge

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