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A1 Saarbrücken Richtung Trier zwischen Saarbrücken-Burbach und Saarbrücken-von der Heydt Gefahr besteht nicht mehr (00:58)

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„Ich bin ein echter Saarbrücker Bub“: Interview mit OB-Kandidat Gerald Kallenborn

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Gerald Kallenborn tritt als Parteiloser auf Vorschlag der FDP zur Wahl zum Oberbürgermeister in Saarbrücken an. Foto: Tobias Ebelshäuser

SOL.DE: Herr Kallenborn, warum treffen wir uns im Nauwieser Viertel?

Gerald Kallenborn: Ich bin ein echter Saarbrücker Bub, auf dem Rodenhof geboren und habe hier nach meiner Gymnasialzeit mein Jura-Studium aufgenommen. Im Nauwieser Viertel habe ich wie so viele Studenten viel Zeit verbracht. Heute repräsentiert das Nauwieser Viertel ein modernes Quartier.

Im Viertel gab es ja vergangenen Sommer Streit zwischen Anwohnern und dem Kneipenpublikum...

Einerseits muss man, wenn man in ein Viertel mit Gastronomie zieht, damit leben, dass es insbesondere abends auch mal lauter werden kann. Andererseits darf es natürlich nicht Überhand nehmen. Die Kunst liegt darin, ein ausgewogenes Verhältnis der Interessen zu schaffen. Man kann natürlich nicht die Gastronomie zurücktreiben, sollte man auch nicht.

Wie kann ein Kompromiss gefunden werden?

Man muss versuchen, mit Lärmschutzmaßnahmen entgegenzuwirken. Eine Verkürzung der Sperrstunde würde ich nicht empfehlen. Ein Gedankenansatz ist, dass die Leute in einem Viertel anfangen, ihre Probleme durch Kommunikation miteinander selbst zu lösen. Da muss nicht immer das Ordnungsamt oder die Stadt einschreiten.

Sie selbst hatten das Saarland mal für 10 Jahre verlassen. Warum kamen Sie wieder?

Ich hatte hier studiert, bin dann ein Jahr nach Nizza gegangen und später zum Referendariat nach Berlin, wo ich Anwalt geworden bin. Meine Frau und ich standen dann vor der Entscheidung, eine Familie zu gründen und hatten uns überlegt, dass Berlin für Familien schon schwierig ist. Auch deshalb haben wir die Entscheidung getroffen, wieder nach Saarbrücken zurückzukommen. Meine Frau ist auch Saarbrückerin. Sie können in viele Städte gehen, aber wenn Sie nach Hause fahren, wo auch Freunde und Familie leben, fühlen Sie sich einfach Zuhause.

In Berlin wäre die Kita immerhin kostenlos gewesen. In Saarbrücken sind die Gebühren dagegen ein großes Problem.

Ich kann da ja aus eigener Erfahrung reden. Wir haben drei Töchter. Natürlich sollte das Ziel sein, dass eine Kita nichts mehr kostet. Das nächste Ziel müssen Öffnungszeiten von 24 Stunden oder zumindest über einen längeren Tageszeitraum bzw. kürzere Schließzeiten über das Jahr sein.

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Das Interview fand im „Café Schrill“ im Nauwieser Viertel statt. Foto: Tobias Ebelshäuser

Aber ist Saarbrücken wirklich so lebenswert? In unserer Leserschaft wird oft über das Thema Sicherheit diskutiert…

Jugendliche und Ältere fühlen sich abends bedroht. Es ist eine Steigerung der Kriminalität festzustellen. Eine Idee wäre, mobile Wachen einzusetzen. Das könnte entweder ein Transporter sein oder auch Container. Zweiter Punkt wären Fußstreifen. In Saarbrücken muss etwas für die Sicherheit getan werden. Um auch das Gefühl der Bürger aufzuheben, die sich bedroht fühlen. Ich bin kein Verfechter der Video-Überwachung. Dies ist für mich eine Maßnahme, die nicht ausreichend ist, sondern auch dazu führt, dass sich der ein oder andere beobachtet fühlt. Die einfachste Maßnahme wäre zunächst einmal, gewisse Wege und Plätze zusätzlich zu beleuchten, dann wäre eigentlich dem Sicherheitsgefühl auch schon sehr Genüge getan.

Was denken Sie denn, woher das Unsicherheits-Gefühl kommt?

Man müsste natürlich analysieren: Hat die Kriminalität überhaupt zugenommen? Sie ist auf alle Fälle präsenter geworden - wohl auch zum Teil durch die Medien. Durch die moderne Art der Kommunikation wird sowas viel schneller transportiert. Aber, wenn Sie mich persönlich fragen: Ich glaube schon, dass die Kriminalität zugenommen hat. Und die Ursache, die wird wohl vielzählig sein. Also ich würde es jetzt nicht unbedingt an einer Bevölkerungsgruppe festmachen wollen.

Früher haben Sie sich also sicherer gefühlt?

Zu meiner Jugend konnten Sie sich in der Stadt ohne Probleme bis morgens früh bewegen und alle Bereiche durchschreiten, und da bestand überhaupt keine Gefährdungslage.

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Gerald Kallenborn geht auch heute noch gerne auf ein Bier ins Nauwieser Viertel. Foto: Tobias Ebelshäuser

Anderes Thema der Stadtentwicklung: Radwege. Wie sehen Sie die Renovierung der Wilhelm-Heinrich-Brücke?

Sie müssen sich einfach nur die Frage stellen: Würden Sie ein achtjähriges Kind diesen Radweg fahren lassen? Bei der Wilhelm-Heinrich-Brücke würde ich sagen: Eher nein, ich würde da kein achtjähriges Kind mit dem Fahrrad unterwegs lassen.

Wir haben in Saarbrücken eine sehr unübersichtliche Verkehrsführung. Ist eine sichere Verkehrsführung für Fahrradfahrer überhaupt zu bewerkstelligen?

Man muss sie nach und nach herstellen. Mein Ansatz wäre, bei Sanierungsprojekten darauf hinarbeiten, dass die Radwege baulich getrennt sind vom Rest der Straße. Zum Beispiel in Köln wird bei Sanierungsarbeiten die Straßenführung verengt.

Wir haben jetzt über die Fahrradfahrer gesprochen. Was ist denn mit den Autofahrern? Haben Sie einen Tipp: Wo könnte man in Saarbrücken gut und günstig parken?

Beim Toto-Parkplatz können Sie immer noch für einen Euro pro Stunde parken. Eindeutig ist: Die anderen Parkplätze sind zu teuer in Saarbrücken. Das liegt aber an diesem Q-Park-Vertrag, der auf 50 Jahre abgeschlossen wurde und noch knapp 40 Jahre Laufzeit vorsieht.

Wir können auf das Auto gar nicht verzichten im Saarland. Man muss also versuchen, im Innenstadtbereich Mischungen zu bilden, die Konflikte lösen. Beispielsweise indem man Zonen entwickelt, in denen die  Straßenverkehrsbelastung durch Geschwindigkeit und Lärm nicht so groß ist.

Eine andere Möglichkeit wäre natürlich, den ÖPNV weiter auszubauen.

Der erste Punkt wäre der Ausbau der Saarbahn Richtung Universität. Der zweite Punkt wäre ein großflächiges S-Bahn-Netz im Großraum Saarbrücken. Das würde voraussetzen, dass die Kommunen zusammenarbeiten. Das ist auch eine Fragestellung: Braucht jede Kommune einen eigenen Verkehrsbetrieb? Oder sagen wir im Saarland: Wir schließen uns alle zusammen und versuchen gemeinsame Konzepte zu entwickeln?

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Da wir schon über die Universität sprechen. Viele junge Menschen verlassen das Saarland und auch Saarbrücken. Was glauben Sie denn, woran das liegt?

Viele, die in Saarbrücken studieren, würden gerne im Saarland bleiben, aber finden einfach keinen qualifizierten Arbeitsplatz. Wie bekommen wir Arbeitsplätze? Indem sich Unternehmen ansiedeln. Und wann siedeln sich Unternehmen an? Die Unternehmen gehen mittlerweile dorthin, wo sich ihre Mitarbeiter wohlfühlen. In der Konsequenz muss ich also versuchen, den unmittelbaren Lebensort attraktiver zu gestalten, sprich: Saarbrücken attraktiver zu gestalten.

Und wie könnte man das konkret angehen?

Vorherrschend ist jetzt das Vorantreiben der Quartiersentwicklung. Das heißt, man versucht, eigenständige Stadtbezirke zu kreieren, wo jeder einzelne Bewohner findet, was er sucht. Also seinen Bäcker, seine Metzgerei, seinen Wohnort, seinen Arbeitsort. Er muss unter Umständen gar nicht mehr fahren, er fühlt sich also schlichtweg einfach wohl.

Ein gutes Beispiel ist der untere Teil der Mainzer Straße. Früher war das eine viel befahrene Straße ohne Infrastruktur. Diese hat sich dort mittlerweile, ausgehend vom St. Johanner Markt, super herausgebildet.

Wobei es natürlich auch für viele Familien oder für viele alleinstehende Menschen schwierig ist, die ein bisschen zentraler wohnen wollen, auch bezahlbare Wohnungen zu finden.

Da kommen wir zu der zweiten Problematik. Neben der Quartiersbildung müssen Sie immer das Problem Wohnraum mit betrachten. Insbesondere Wohnraumbau. Große Wohnsilos sind da natürlich kontraproduktiv. Wir haben hier sehr viele Luxusbauten, die entstehen, die zwar toll aussehen, aber unbezahlbar sind, aber keine Wohnraumbebauung im mittleren Segment.

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Wir haben jetzt viel über das zentrale Saarbrücken gesprochen. Wir haben aber auch noch andere Stadtteile. Die fühlen sich teilweise abgehängt.

Da können Sie als Beispiel gleich Malstatt und Burbach benennen. Ich hab mich mit einigen Leuten in Burbach unterhalten und gefragt, wie sie eigentlich ihre Stadtentwicklung sehen und bekam direkt als Antwort: „Stadtentwicklung findet bei uns gar keine mehr statt, um uns kümmert sich keiner mehr“. Viele Gebäude sind in sehr schlechtem Zustand.

Genau das ist das Problem: Viele Eigentümer sind, würde ich mal sagen, älter, über 70 Jahre. Das heißt, man könnte diese Gebäude sanieren, aber die Eigentümer sind einfach schon zu alt, um sich darum zu kümmern. Und es kommt keiner von der Stadt, der sie berät, wie sie ihr Gebäude sanieren könnten. Die Gebäude werden also nicht saniert. Im nächsten Schritt verfallen die Mietpreise, und dadurch ändert sich natürlich die Mieterstruktur. Nach und nach verlieren diese Stadtteile wie Burbach und Malstatt ihre Identität.

Die Stadt kümmert sich also nicht genug um diese Bezirke?

Die Leute haben den berechtigten Eindruck, dass man sich um diese Gebiete nicht kümmert. Stadtentwicklung darf sich nicht nur auf den Innenstadtbereich konzentrieren, sondern Sie müssen alle Bezirke mit einnehmen. Sie müssen versuchen, für Saarbrücken eine Gesamtvision zu entwickeln. Saarbrücken fehlen Visionen. Ich muss nicht jede Vision umsetzen, aber jede kleine Vision, die ich habe, bringt mich einen Schritt weiter, und ich muss versuchen, alle Saarbrücker wieder einzufangen.

Lieber ein Bier im Viertel oder ein Sektchen am St. Johanner Markt?

Bier im Viertel

Samstags zum FCS oder ins Theater?

Beides.

An Saarbrücken mag ich:

Die Nähe zu den Menschen.

An Saarbrücken mag ich nicht:

Die Stadtautobahn.

Mit dem Oberbürgermeister Kallenborn wird Saarbrücken…

Innovativer und für alle Bürger interessanter.

© WhatsBroadcast
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