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A620 Saarbrücken Richtung Saarlouis zwischen Wilhelm-Heinrich-Brücke und Saarbrücken-Luisenbrücke Gefahr durch ungesicherte Unfallstelle (14.10.2019, 11:29)

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„Den Radverkehr mehr als den Autoverkehr stärken“: Interview mit OB-Kandidatin Barbara Meyer-Gluche (Die Grünen)

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Barbara Meyer-Gluche kandidiert für die Grünen als Oberbürgermeisterin von Saarbrücken. Foto: Tobias Ebelshäuser

Frau Meyer-Gluche, Sie haben sich als Lieblingsort ein Café in Alt-Saarbrücken ausgesucht. Warum gerade dieser Stadtteil?

Alt-Saarbrücken ist ein Stadtteil, der im Kommen ist und von dem ich denke, dass er noch mehr könnte, wenn hier investiert würde. Ich habe mit Alt-Saarbrücken auch eine persönliche Verbindung: Ich war auf der Marienschule. Außerdem ist die Hohenzollernstraße für uns Grüne wichtig, denn sie soll eine von mehreren Fahrradstraßen in Saarbrücken werden. „Fahrradstraße“ heißt, dass die Fahrradfahrer Vorfahrt haben und die Autofahrer ihr Tempo an das der Radfahrer anpassen. „Fahrradfahrer first“ quasi. Das gibt es in vielen anderen Städten bereits.

An welchen Orten in Saarbrücken besteht für Sie der dringendste Handlungsbedarf?

Ich glaube, wir haben in Saarbrücken einige Orte, die eigentlich Schätze sind, aber noch nicht so genutzt werden. Wir müssen Grünflächen und Parks in der Stadt fördern, weil das Orte der Lebensqualität sind. Die Aufenthalts- und Lebensqualität wird wesentlich von dem Grün in der Stadt bestimmt.

Für mich ist solch ein Ort der Bürgerpark. Ich sage immer: „Der Bürgerpark heißt Bürgerpark, eben weil er ein Park für die Bürger sein sollte“. Aber zurzeit geht kaum jemand  hin. Deswegen müsste man da mehr investieren. Beim neuen Skatepark darf nicht Schluss ein. Wir müssen dort noch mehr Freizeitmöglichkeiten hinkriegen und auch Gastronomie ansiedeln.

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Für das Interview trafen wir Meyer-Gluche im Café Fredrik im Luisenviertel. Foto: Tobias Ebelshäuser

Sie sind in St. Ingbert geboren, haben dann aber in München studiert. Warum sind Sie ins Saarland zurückgekehrt?

Das ist lustig, weil mich das jeder gefragt hat, als ich von München zurück ins Saarland gezogen bin. Ich fand das zunächst mal ganz schlimm, dass man sich sozusagen rechtfertigen muss, dass man wieder ins Saarland zieht. Das Saarland und gerade Saarbrücken haben Einiges zu bieten, was München zum Beispiel nicht mehr hat. Saarbrücken hat beispielsweise noch viele Freiräume, die gerade auch für die kulturelle Szene genutzt werden können. Wir haben eine urbane Kultur in Saarbrücken und wir haben im Vergleich zu München noch bezahlbaren Wohnraum. Das heißt, die Kulturszene hat hier noch Spielraum, um sich auszutoben.

Viele junge, qualifizierte Menschen ziehen aus Saarbrücken weg. Wie erklären Sie sich das und was wollen Sie tun, um Saarbrücken attraktiver für die junge Generation zu machen?

Ich kann es an meinem eigenen Beispiel eigentlich festmachen. Warum bin ich von Saarbrücken weggezogen? Weil ich in Saarbrücken einfach nicht das studieren konnte, was ich studieren wollte. Das zeigt mir, dass wir die Uni stärken und auch als Volluniversität erhalten müssen. Ich finde es gut, dass wir einen Informatikschwerpunkt haben, mit dem wir uns auf Spitzenforschungsniveau bewegen. Aber das darf nicht zu Lasten des Angebots an Fächern in der Fläche gehen. Das heißt, dass wir auch die Fächer in der Breite erhalten müssen, die die Leute studieren wollen.

In einem zweiten Schritt müssen wir es natürlich schaffen, die Leute auch hier zu halten, die in Saarbrücken beispielsweise ein super Informatikstudium absolviert haben, dann im Anschluss hier aber keinen Job finden. Das finde ich total kurzsichtig, dass man diese Chance nicht besser nutzt! Wir brauchen eine ganz andere Förderung der Start-up- und Gründerszene. Da muss auch Saarbrücken seiner Verantwortung gerecht werden. Da kann man nicht nur sagen, das ist Landessache. Die Uni liegt in Saarbrücken, das Potential muss Saarbrücken nutzen und schauen, dass die Stadt zum Beispiel Co-Working-Spaces anbietet. Wir müssen auch für eine Vernetzung der Wissenschaft und Forschung der Uni und auch der HTW mit der Wirtschaft sorgen, damit wir Arbeitsplätze schaffen, die junge Menschen zum Bleiben animieren.

Apropos junge Menschen: Im letzten Jahr gab es Ärger im Nauwieser Viertel wegen nächtlicher Feierei. Wie stehen Sie zu dem Konflikt?

Auf der einen Seite ist das Nauwieser Viertel natürlich ein Ort, an dem man abends einen trinken geht und im Sommer auch mal gerne vor der Tür steht. Auf der anderen Seite haben wir im Nauwieser Viertel natürlich auch viele kleine Einzelhändler und ein Wohnviertel mit echt schönem Wohnbestand. Ich glaube, da muss man einfach den richtigen Mix finden und darf die Interessen auch nicht gegeneinander ausspielen.

Hat Saarbrücken aus Ihrer Sicht ein Sicherheitsproblem oder ist das eher ein gefühltes Problem?

Beim Thema Sicherheit sollte man primär auf empirische Fakten schauen, aber natürlich auch versuchen, Ängste zu nehmen. Ich habe in München in einer Stadt gelebt, in der ich mich immer sehr sicher gefühlt habe. Dann bin ich 2011 zurück nach Saarbrücken gekommen und habe mir sagen lassen: „Hier kannst du nachts nicht alleine über die Bahnhofstraße laufen, da musst du vorsichtig sein“. Ich will, dass Frauen zu jeder Tag- und Nachtzeit ohne Angst durch Saarbrücken gehen können. Es ist ein Trugschluss, wenn wir jetzt überall Videoüberwachung ausweiten und glauben, dass das dann die Sicherheit erhöht. Schließlich verhindert die Videoüberwachung keine Straftat, sondern ist einfach nur ein Eingriff in die Bürgerrechte. Außerdem bringt uns die Videoüberwachung überhaupt nichts, wenn wir nicht genügend Polizisten haben, die das Videomaterial auswerten.

Auch eine Zentralisierung der Saarbrücker Polizeistellen in der Mainzer Straße ist der falsche Weg.  Wir brauchen Polizeistellen direkt vor Ort, wie die Polizeiinspektion in der Karcherstraße. Da hatte man einfach einen Anlaufpunkt mitten in der Stadt, was zum Sicherheitsgefühl beigetragen hat und beitragen kann.

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Die Verkehrsführung in Saarbrücken ist ein Problem. An dem Beispiel der Wilhelm-Heinrich-Brücke sieht man, dass es durchaus eine Hürde darstellt, den Rad- und den Kfz-Verkehr angemessen miteinander in Einklang zu bringen. Wie sehen Sie das?

Wir müssen den Radverkehr mehr als den Autoverkehr stärken. Unser Motto lautet: „Wir müssen einfach mal weiterdenken“. Saarbrücken ist da noch ein bisschen in dem Denken der Neunziger Jahre. Wir müssen den Verkehr in die Zukunft denken. Wir brauchen eine Verkehrswende. Das heißt: eine Wende hin zum immissionsarmen und emissionsfreien Verkehr. Das heißt: eine Stärkung des ÖPNV, des Radverkehrs und auch des Fußgängerverkehrs.

Was wir vordringlich brauchen, ist ein Bewusstsein der Autofahrer, dass auch Radfahrer auf der Straße sind. Deswegen sehe ich das Beispiel der Wilhelm-Heinrich-Brücke jetzt überhaupt nicht so negativ, weil den Autofahrern bewusst gemacht wird, dass da eine Spur für Radfahrer ist und man beim Spurwechsel genauso aufpassen muss wie bei einer Autospur. Wir müssen Radwege ausbauen, wir müssen sie gut kennzeichnen und Radfahrern einen sicheren Raum auf der Straße geben. Gestrichelte Linien am Fahrbahnrand reichen dazu nicht aus! Und wir müssen den Autofahrern bewusst machen, dass die Radfahrer gleichrangige Verkehrsteilnehmer sind. Das schafft man eben nur, indem man konsequent Fahrradwege und Fahrradstraßen ausweist.

Wie wollen Sie mit den vielen Pendlern umgehen, die von außerhalb kommen und auf ihr Auto angewiesen sind?

Das Ziel muss ein, dass weniger Leute mit dem Auto und mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt reinkommen. Das ist momentan leider zu unattraktiv. Das liegt an der mangelnden Abstimmung der verschiedenen Aufgabenträger im Saarland für den ÖPNV: Die Anschlüsse stimmen nicht, es ist zu teuer, die Fahrradmitnahme ist nicht kostenlos. Darüber hinaus haben wir auch zu wenig Park & Ride-Parkplätze außerhalb der Stadt.  Da muss ein komplettes Umdenken stattfinden. Es bedarf auch einer Vernetzung der umweltfreundlichen Verkehrsträger, also ÖPNV, Rad- und Fußgängerverkehr. Saarbrücken hat auch immer noch kein Fahrradverleihsystem.  Auch in der Mikromobilität, wie beispielsweise bei der Nutzung von E-Tretrollern, liegt noch eine Menge Potenzial.

Wir müssen uns fragen, wie wir die Mikromobilität in den umweltfreundlichen Verkehr integrieren können. Es muss für die Leute attraktiver werden, mit dem ÖPNV in die Stadt zu kommen, um dann mit einem Fahrrad oder E-Tretroller in der Stadt weiterzufahren. Das muss das Ziel sein. Das ist die Idee der Verkehrswende, die dringend notwendig ist, da wir in Saarbrücken einen immens hohen Pkw-Anteil haben. Hier sehe ich auch ein großes Potenzial, um CO2 einzusparen.

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Was kann denn eine kleine Stadt wie Saarbrücken sonst noch tun, um den Klimawandel zu stoppen oder zumindest zu bremsen?

Saarbrücken kann sehr viel tun. Andere Städte sind Vorbild. Es gibt beispielsweise den sogenannten „Konvent der Bürgermeister“, bei dem sich weltweit Bürgermeister zusammengeschlossen haben und sich gesagt haben „Wenn Bundes- oder Landesregierung nichts machen, dann gehen wir halt voran“. Und das macht auch Sinn, da die Städte die Hauptverursacher von CO2-Emissionen sind. Wir könnten schon lange ein Klimaschutzkonzept haben, in dem wirklich klare Klimaschutzziele und konkrete Maßnahmen definiert sind. Das machen andere Städte schon längst und Saarbrücken macht da garnichts. Das ist wirklich beschämend und das will ich ändern.  

Im Verkehr, aber auch bei Sanierungen von Gebäuden, dem Ausbau erneuerbarer Energien oder auch Begrünungen von Dachflächen gibt es Potenzial zur Bekämpfung des Klimawandels. Weil der Klimawandel bereits da ist, müssen wir uns auch jetzt schon an die Klimafolgen wie beispielsweise Starkregenereignisse anpassen.  Wir brauchen Hochwasserschutz, müssen schauen, dass die Kanalisation auch auf die Starkregenereignisse ausgelegt ist und wir müssen schauen, dass wir genügend Grün in der Stadt haben, um die Hitzewellen im Sommer erträglich zu machen. Ein Paradebeispiel dafür, wie wenig Grün es in der Stadt gibt und wie wenig aushaltbar es in der Hitze ist, ist die Berliner Promenade. Dort gibt es nur Beton, keinen Schattenplatz und keine Luftzirkulation. Für den Klimaschutz müssen wir die Grünflächen in der Stadt erhalten und versiegelte öffentliche Flächen, wo es möglich ist, gegebenenfalls wieder entsiegeln.

Wir haben jetzt viel über die Innenstadt gesprochen. Was wollen Sie denn für die Stadtteile tun, die sich abgehängt fühlen wie beispielsweise Dudweiler oder Burbach?

Man muss ein Stadtteilkonzept entwickeln, wofür wir auch Stadtteilmanager brauchen, die sich wirklich um die Stadtteile kümmern und neuen Einzelhandel ansiedeln. Dudweiler ist ein Paradebeispiel dafür, was mit einem Ortskern passiert, weil man im Rathaus die Stadtbezirke aus dem Blick verliert. Dudweiler hat eine kleine Innenstadt, die viel Potential und Charme hat, in der es aber immer weniger Geschäfte gibt. Hier müssen die Stadtteilmanager ansetzen, um Leerstände klug zu nutzen, Anreize für neue Ansiedlungen von Einzelhändlern und Start-Ups zu schaffen und um die Chancen der Ansiedlung des Helmholtz-Zentrums zu nutzen.

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An Saarbrücken mag ich:

Die urbane Szene, die Freiräume und die Grünflächen.

An Saarbrücken mag ich nicht:

Die Verkehrspolitik.

Was ist Barbara Meyer-Gluche privat für ein Mensch?

Ein sehr lustiger Mensch, mit dem man viel Spaß haben kann, der aber doch immer das ernste Anliegen mit sich herumträgt, einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten zu wollen.

Mit Oberbürgermeisterin Barbara Meyer-Gluche wird Saarbrücken?

Grüner!

Die bisherigen Interviews mit den OB-Kandidaten:

 „Ich bin ein echter Saarbrücker Bub“: Interview mit OB-Kandidat Gerald Kallenborn
• „Dudweiler ist mittlerweile regelrecht abgehängt“: Interview mit OB-Kandidat Markus Lein
„Helmpflicht nach Einbruch der Dunkelheit“: Interview mit OB-Kandidat Michael Franke (Die Partei) 

Weiter geht es nächste Woche mit Uwe Conradt von der CDU und Laleh Hadjimohamadvali von der AfD.

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