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dpa/lrs | kub

So verteidigt die Klinik ihr Schweigen nach sexuellen Missbräuchen in Homburg

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Bei einer Pressekonferenz wurde am Montag über den Stand der Dinge im möglichen Missbrauchsskandal an der Homburger Uniklinik informiert. Im Bild: (v.l.) Michael Görlinger, Leitender Oberstaatsanwalt, Dr. Annette Groh, Abteilungsleiterin Wissenschaft, Hochschulen und Technologie als Vertreterin der Rechtsaufsicht, Universitäts Professor Dr. Wolfgang Reith, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums des Saarlandes, Stefan Noll, Stellvertretender Leiter des Landespolizeipräsidiums und Gerhard Müllenbach, Landesvorsitzender Weißer Ring. Foto: BeckerBredel.

Ein inzwischen gestorbener Assistenzarzt hat am Universitätsklinikum in Homburg bis 2014 womöglich mehrere Kinder bei Untersuchungen sexuell missbraucht. Es bestehe der Verdacht, dass er medizinisch nicht notwendige Untersuchungen am Intimbereich der Kinder vorgenommen habe, die als Routinemaßnahmen dargestellt wurden, teilte die Einrichtung am Montag (24. Juni) bei einer Pressekonferenz mit.

Kinder im Schnitt fünf bis acht Jahre alt

Die möglichen Opfer seien im Schnitt zwischen fünf und acht Jahre alt gewesen sein, hieß es. Es habe sich überwiegend um Jungen gehandelt. Der Arzt sei auch Judotrainer eines örtlichen Vereins gewesen. Dieser sei damals über die Ermittlungen informiert worden und habe ihn daraufhin als Trainer entlassen.

Ermittlungen befassen sich mit 34 Patienten

Der Mediziner wurde 2014 vom Universitätsklinikum entlassen. 2011 habe es schon Hinweise aus der Belegschaft gegeben, berichtet der „SR". Ermittlungen gegen den Arzt wurden nach seinem Tod 2016 eingestellt. Wie der leitende Oberstaatsanwalt Michael Görlinger am sagte, starb der Mann im Alter von 36 Jahren eines natürlichen Todes. Konkret befassten sich die Ermittlungen mit der Behandlung von 34 Patienten (darunter laut „SZ" 23 aus dem Saarland, zehn aus Rheinland-Pfalz und einer aus Baden-Württemberg), teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Saarbrücken mit.

300 Akten werden überprüft

Die Öffentlichkeit wurde am Montag in Homburg von der Klinikleitung, der Rechtsaufsicht und den Behörden informiert. Demnach werden mehr als 300 Patientenakten noch einmal überprüft. Sie seien bereits einmal nach möglichen Missbrauchsopfern durchsucht worden, dabei hätten sich aber zunächst keine Anhaltspunkte ergeben, teilte die Klinikleitung mit. Es sei nicht auszuschließen, dass sich weitere Verdachtsfälle ergeben - daher die erneute Prüfung.

Missbrauch in der Ausscheidungsambulanz?

Demnach ging es in den damaligen Ermittlungen um „möglicherweise nicht medizinisch indizierte Untersuchungen insbesondere des Genital- und Analbereiches von kindlichen Patienten", die in der sogenannten Ausscheidungsambulanz des Klinikums vorgenommen wurden. Diese Spezialambulanz kümmert sich um Patienten, die einnässen oder einkoten.

Eltern erst in den letzten Monaten informiert

Das Verfahren war ins Rollen gekommen, nachdem die Klinik 2014 Strafanzeige gegen den Mediziner gestellt hatte. Nach Angaben der Uni-Klinik war der Arzt von 2010 bis 2014 an der Kinder- und Jugendpsychiatrie beschäftigt. Allerdings habe man erst in den vergangenen Monaten damit begonnen, die möglichen Opfer und deren Eltern zu informieren und Hilfe anzubieten, hieß es vonseiten der Klinik.

So begründet die Klinik ihr Schweigen

Man habe bisher nur einen Teil der Betroffenen erreicht. Als Grund für die späte Aufklärung der betroffenen Kinder beziehungsweise ihrer Eltern gab der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums, Wolfgang Reith an, damals habe die Erwägung im Vordergrund gestanden, den Kindern durch die nötigen Befragungen am Ende womöglich „mehr geschadet als genutzt" zu haben, sagte er.

Kindern sollten nicht traumatisiert werden

Man sei davon damals ausgegangen, dass die Kinder in der Regel nicht bemerkt hätten, dass der Assistenzarzt sie sexuell missbraucht habe. Man habe die jungen Patienten schützen und nicht traumatisieren wollen. Weshalb man aber auch die Eltern nicht informiert hatte, konnte am Montag nicht schlüssig von der Klinkleitung beantwortet werden.

Auch Staatsanwaltschaft schwieg

Die gesetzlichen Vertreter der in der Klinik behandelten Kinder wurden auch nicht von der Staatsanwaltschaft informiert. Dafür habe es keine rechtliche Grundlage gegeben. Nach den für die Staatsanwaltschaft maßgeblichen Vorschriften wäre dafür Voraussetzung gewesen, dass die Kinder den Status „Verletzte" gehabt hätten. „Das war nicht der Fall", sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Allerdings war auch die saarländische Rechtsaufsicht erst im April über die Fälle informiert worden.

Sachverständiger riet zu Transparenz

Wie die zuständige Abteilungsleiterin Annette Groh am Montag sagte, hat man einen Sachverständigen im Bereich des Kinder- und Opferschutzes zurate gezogen. Er habe empfohlen, größtmögliche Transparenz walten zu lassen und die Umstände aufzuklären. Dem Rat sei man nun gefolgt. In diesem Zusammenhang werde disziplinarrechtlich gegen einen Beamten ermittelt, der am Uni-Klinikum arbeitet.

Kinderporno-Material gefunden

Während der Ermittlungen 2015 stellte die Staatsanwaltschaft bei dem Beschuldigten elektronische Datenträger mit Bilddateien sicher, die den sexuellen Missbrauch von Kindern zeigten. Die Aufnahmen seien außerhalb der Klinik ohne Bezug zu Untersuchungshandlungen entstanden, sagte der Sprecher. Hier seien drei Geschädigte ermittelt worden, zu denen weitere Verfahren eingeleitet wurden. Bei diesen drei Kindern seien die Eltern informiert worden. Wie Oberstaatsanwalt Görlinger sagte, gebe es aber keinen Hinweis darauf, dass der alleinstehende Arzt in einem Netzwerk von Pädophilen aktiv war.

Hans von Vorfällen erschüttert

Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) teilte mit: „Die Nachrichten aus dem Universitätsklinikum des Saarlandes erschüttern mich zutiefst. Wenn ein solcher Verdacht im Raum steht, muss umgehend eine lückenlose Aufklärung erfolgen." Das Wohl der Kinder stehe für ihn an erster Stelle.

Lafontaine fordert dringende Aufklärung

„Gerade Kinder und Jugendliche und ihre Eltern müssen sich darauf verlassen können, dass ihr Vertrauen nicht durch Behandler schändlich ausgenutzt wird. So etwas darf nie wieder passieren", sagte er. Der frühere Ministerpräsident des Bundeslandes, Oskar Lafontaine (Linke), forderte, die Landesregierung müsse die Vorgänge bei Homburger Kinder- und Jugendpsychiatrie dringend aufklären.

Verwendete Quellen:
• dpa
• Saarbrücker Zeitung

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