Warum Saarländer:innen alles „genn“ und nix „werden“

Das Wörtchen „geben“ ist im Saarland von größerer Bedeutung als anderswo. Und das nicht nur aus Gastfreundlichkeit. Menschen im Saarland werden nicht verrückt, sie „genn“ es. Und Tobias Hans ist nicht Ministerpräsident geworden, sondern „genn“. Warum das so ist, erfahrt ihr im zweiten Teil unseres Saarlänidisch-Grammatik-Kurses. Es wird kompliziert!

Warum man im Saarland statt „werden“ das Wort „geben“ verwendet. Symbolfoto: Pixabay

Der saarländische Dialekt steckt nicht nur voller ungewöhnlicher Vokabeln. Auch die Grammatik ist besonders ausgeklügelt und für Nicht-Insider nur schwer nachzuvollziehen. Um die Logik des Dialektes zu erklären, haben wir daher den Sprachforscher Dr. Philipp Rauth befragt, der an der Universität des Saarlandes alljährlich ein Saarländisch-Seminar hält. Im ersten Teil unseres Grammatik-Kurses erklärte der Germanist, warum Saarländer:innen alles holen. In Teil zwei widmen wir uns nun der Frage, warum im Saarländischen statt werden, das Wort geben verwendet wird.

Geben übernimmt im Saarland alle Funktionen von werden

Im Deutschen hat das Hilfsverb werden verschiedene Verwendungsmöglichkeiten: Zustandsveränderungen, Passiv und Konjunktiv. Im Saarland aber wird man nicht Lehrer:in, man gebbt es. Saarländer:innen werden auch nicht krank, sondern genn es. Auch in Passiv-Konstruktionen ist das Wort werden hierzulande nicht unbedingt nötig. Während man in anderen Teilen von Deutschland gebissen wird, gebbt man hier gebissen. Sogar im Konjunktiv ersetzt im Westen des Saarlandes das Hilfsverb geben das Wort werden. Wer an der luxemburgischen Grenze lebt, würde nicht gern reich sein, sondern gebbt gern reich sein.

Beide Hilfsverben drücken eine Zustandsveränderung aus

Rauth erklärt dazu: „Es handelt sich nicht um eine Verwechslung, sondern es wird schlicht ein anderes Hilfsverb als im Standarddeutschen verwendet.“ In den Sprachen der Welt sei geben als Hilfsverb sehr selten. Die Ursache für den Wechsel sei dementsprechend schwer nachzuvollziehen. „Geben bedeutet ursprünglich, dass jemand jemandem etwas gibt, also überreicht. Lässt man den Empfänger des Gebens weg, bedeutet geben so etwas wie entwickelt sich zu, also eine Zustandsveränderung.“ Die gegebene Sache verändert ihren Besitzer bzw. ihren Standort und damit sozusagen ihren Zustand.

Verwendung auch auf andere Funktionen übertragen

Im Saarländischen verwendet man daher für diesen Zustandswechsel geben. Etwas gebbt anders. „Ausgehend von dieser Funktion hat sich geben dann auch als Hilfsverb für Passiv und Konjunktiv im Saarland, im westlichen Rheinland-Pfalz, Lothringen und Luxemburg entwickelt“, so Rauth weiter. Während es also für die Verwendung bei Zustandsveränderungen noch eine logische Erklärung gibt, ist die Verwendung bei Passiv und Konjunktiv nichts weiter als konsequent.

Diese Konsequenz und innovative Logik macht laut Rauth Dialekte und vor allem auch das Saarländische aus. Im dritten Teil unseres Grammatik-Kurses schließen wir daher mit einer besonderen Erfindung der Saarländer:innen ab: Dem Demonstrativpronomen „das-do“

Verwendete Quellen:
– Eigene Recherche