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Khedira: Löw «kann und sollte» Bundestrainer bleiben

Bundestrainer Joachim Löw und Sami Khedira. Archivbild Foto: Christian Charisius

Bundestrainer Joachim Löw und Sami Khedira. Archivbild Foto: Christian Charisius

Frankfurt/Main (dpa) - Sami Khedira hat sich nach dem WM-Vorrunden-Aus für einen Verbleib von Bundestrainer Joachim Löw ausgesprochen und seine eigene Karriere als Nationalspieler offengelassen.

«Ich würde mir wünschen, dass Jogi weiter macht», sagte Khedira in einem Interview der «Bild»-Zeitung. Auf die Frage, ob Löw nach dem ersten Vorrunden-Scheitern einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft Bundestrainer bleiben könne, antwortete Khedira: «Definitiv kann und sollte er das! Ob er es will, ist seine Entscheidung. Aber er hat jahrelang tolle Arbeit geleistet, junge Spieler ans Team herangeführt.»

Die Spieler würden «diese Blamage zu 100 Prozent auf unsere Kappe nehmen» und hätten «den Ehrgeiz, das wieder gut zumachen. Nach solchen Niederlagen kehrt man stärker und zielbewusster zurück. Außerdem kommen tolle Jungs nach», sagte der 31-Jährige, der sich selbstkritisch zeigte. «Meine persönliche Leistung ist mir auch heute noch unerklärlich», sagte der Mittelfeldspieler von Juventus Turin.

Er selber brauche nun «etwas Abstand und Ruhe, um das Unerklärliche versuchen erklären zu können.» Ob er zurücktrete, wisse er noch nicht. «Ich verstehe, dass diese Fragen jetzt kommen. Aber ich muss erst alles aufarbeiten, Erklärungen finden.» Er wolle eine solche Entscheidung «nicht aus der Emotion heraus treffen und auch nicht von den beiden Spielen abhängig machen», sagte Khedira. «Ich werde mit Vertrauten, auch mit Jogi Löw sprechen. Und dann werden wir weitersehen.» Er brauche «ein paar Tage oder sogar Wochen Zeit».

Auch Bayern Münchens neuer Coach Niko Kovac sprach sich für einen Verbleib von Löw als Bundestrainer aus. «Für mich ist Joachim Löw der Richtige, um den Umbruch zu gestalten, der nun ganz natürlich kommt», schrieb Kovac in einer Kolumne der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Kovac meinte, dass «nicht alles auf den Kopf gestellt werden muss. Der gleitende Übergang hat ja schon begonnen, siehe Confed Cup im vergangenen Jahr.» Das Turnier hatte ein junges deutsches Team ohne etliche Weltmeister gewonnen.

«Ein Argument für mich, an Löw festzuhalten, ist auch sein Umgang mit dem Scheitern», schrieb Kovac weiter. «Wie er sich in den Interviews nach dem Abpfiff verhalten hat - selbstkritisch, sachlich und souverän - war eines Weltmeisters würdig.» Der 46-Jährige erinnerte zudem an die Verdienste des seit 2006 amtierenden Bundestrainers. «Löw entwickelte die Mannschaft ständig weiter, personell und taktisch. Es ist der Lauf der Welt, dass auf ein Hoch ein Tief kommen muss, noch nicht einmal die deutsche Nationalmannschaft bildet darin eine Ausnahme, obwohl man langsam daran zu glauben begann.»

Der ehemalige kroatische Nationalspieler und WM-Coach von 2014 hatte nicht mit dem deutschen Scheitern gerechnet. «Das hätte ich mir nicht träumen lassen. Ich bin total überrascht, traurig und auch ein bisschen ratlos, was da am Mittwoch in Kasan und auch schon in den beiden Spielen zuvor geschehen ist», schrieb er.

Rekordnationalspieler Lothar Matthäus hätte Verständnis für einen Rücktritt von Löw. «Er hat in der Vergangenheit tolle Arbeit geleistet, aber jetzt hat er nochmal richtig Druck. Ich könnte auch verstehen, wenn er sagt: Ich gebe einem anderem die Chance», schrieb Matthäus in einer exklusiven Kolumne für den internationalen Dienst der dpa: «Löw hat stark auf Altbewährtes vertraut und kaum junge, frische Kräfte gebracht, die wir beim Confed Cup bewundert haben. Deswegen fehlten Frische, Tempo, das Unvorhersehbare.»

Das überraschende Scheitern des Weltmeisters schon in der Gruppenphase sei deshalb so verdient wie der Titel vor vier Jahren. «Torwart Neuer hat als Einziger seine Leistung gebracht. Sonst hat es in der Mannschaft hinten und vorne nicht gestimmt», schrieb der Weltmeister-Kapitän von 1990: «Es gab keinen echten Teamgeist, dafür viele Brandstellen und Diskussionen außerhalb des Platzes.»

Mit Bedauern hat Matthäus die Tribünen-Auftritte seines einstigen Spieler-Dauerrivalen Diego Maradona verfolgt. «Fußballerisch hat er für das Spiel sehr viel Gutes getan. Ihn jetzt so auf der Tribüne zu sehen, ist für mich das zweite traurige Thema dieser WM neben den schwachen Auftritten des gescheiterten Weltmeisters Deutschland», sagte Matthäus.

Durch die 0:2-Niederlage gegen Südkorea ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft erstmals bei einer WM in der Gruppenphase ausgeschieden. Doch es gab auch schon vorher große Enttäuschungen bei Turnieren:

WM 1978: Die deutsche Mannschaft unterliegt mit 2:3 gegen Österreich und scheitert damit in der Zwischenrunde des Turniers in Argentinien. Die Partie geht als «Schmach von Cordoba» in die deutsche Fußball-Geschichte ein. Vor der WM war schon klar, dass Bundestrainer Helmut Schön danach aufhören würde.

EM 1984: Die deutsche Elf tritt nach dem Erfolg vier Jahre zuvor in Italien als Titelverteidiger in Spanien an. Sie scheidet in der Vorrunde aus, im letzten Gruppenspiel unterliegt sie mit 0:1 gegen Spanien. Trainer Jupp Derwall scheidet aus dem Amt, Teamchef Franz Beckenbauer übernimmt.

WM 1994: Die Mannschaft von Bundestrainer Berti Vogts will in den USA den vier Jahre zuvor in Italien gewonnenen Titel verteidigen. Sie scheitert im Viertelfinale an Bulgarien (1:2).

WM 1998: Wieder ist im Viertelfinale Endstation für die deutsche Mannschaft. Gegen Kroatien unterliegt das Vogts-Team in Frankreich mit 0:3. Einige Wochen später tritt der Bundestrainer zurück.

EM 2000: Deutschland übersteht bei der EM in Belgien und den Niederlanden die Vorrunde nicht. Sie wird hinter Portugal, Rumänien und England Gruppenletzter. Nach dem Turnier folgt Rudi Völler als Teamchef auf Bundestrainer Erich Ribbeck.

EM 2004: Auch in Portugal kommt die deutsche Mannschaft nicht über die Vorrunde hinaus. Sie verliert das letzte Gruppenspiel mit 1:2 gegen ein B-Team aus Tschechien. Völler tritt zurück.

WM 2018: Der Titelverteidiger blamiert sich in Russland. Nach einem 0:2 gegen Südkorea scheidet Deutschland als Gruppenletzter aus. Bundestrainer Joachim Löw lässt zunächst offen, ob er weitermacht.

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