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Charaktertest in Paris: BVB im Geisterspiel gegen Tuchel

Erling Haaland (l) und Emre Can von Borussia Dortmund am Flughafen vor dem Abflug nach Paris. Foto: Bernd Thissen/dpa

Erling Haaland (l) und Emre Can von Borussia Dortmund am Flughafen vor dem Abflug nach Paris. Foto: Bernd Thissen/dpa

Dortmund (dpa) - Trostlose Leere statt prickelnde Atmosphäre - das Geisterspiel in der Champions League bei Paris Saint-Germain wird zum ungewöhnlichen Erlebnis in der langen Dortmunder Europapokal-Geschichte.

Nach der Entscheidung der Pariser Polizeipräfektur, wegen der Covid-19-Epidemie auf Zuschauer zu verzichten, traten die Profis die Reise nach dem 2:1-Hinspiel-Sieg mit gemischten Gefühlen an. «Ein Spiel ohne Zuschauer ist nicht angenehm für beide Mannschaften. Niemand weiß, ob das die richtige Entscheidung für den Fußball ist», kommentierte Lucien Favre. Mit besorgter Miene fügte der BVB-Trainer an: «Es ist ganz anders. Wir müssen uns mental darauf vorbereiten.»

Die Vorfreude des Schweizer Fußball-Lehrers auf das Duell mit dem ehemaligen BVB-Trainer Thomas Tuchel hielt sich bei aller sportlichen Brisanz in Grenzen. «Ich hatte mal mit Servette Genf ein Spiel gegen Sion ohne Zuschauer. Das ist sehr komisch», klagte Favre. «Am Sonntag war Juventus Turin gegen Inter Mailand im Fernsehen. Ich konnte nur zwei Minuten schauen - keine Lust.»

Schon der Start ins Abenteuer am Dienstagvormittag vom Dortmunder Airport vermittelte ein erstes Gefühl für die besondere Situation. Um das Risiko einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus zu minimieren, vermieden die Spieler jeden Kontakt mit Fans und Journalisten und verzichteten auf Interviews, Autogramme und Selfis. Statt zum großen Airport Charles de Gaulle ging die Reise zum kleinen Flughafen Le Bourget nordöstlich von Paris. Er wird vorrangig von Geschäftsreisenden genutzt und ermöglichte den Profis, direkt von der Landebahn in den Teambus zu steigen.

Viel wird davon abhängen, wie die Borussia am Mittwoch auf die besondere Stimmung reagiert. Schließlich gilt es, trotz gespenstischer Stille in der normalerweise 49 000 Zuschauer fassenden Arena die Spannung hoch zu halten und das knappe 2:1 aus dem Achtelfinal-Hinspiel erfolgreich zu verteidigen. «Wir müssen uns in eine Verfassung bringen, das anzunehmen. Das fühlt sich an wie ein Abschlusstraining. Für ein Achtelfinale der Champions League ist das aber etwas komisch und nicht gut für den Fußball», sagte Lizenzspielerchef Sebastian Kehl.

Doch in Zeiten der Covid-19-Epidemie werden sich alle Beteiligten vorerst an diesen Umstand gewöhnen müssen. So wird auch das traditionsreiche Revierderby am Samstag gegen Schalke 04 erstmals zum Geisterderby. Michael Zorc bezifferte den Einnahmeausfall auf mindestens drei Millionen Euro. Angesichts der Überlegungen, in den kommenden Wochen weitere Bundesligaspiele ohne Fans auszutragen, sieht der BVB-Sportdirektor weiteren Diskussionsbedarf. «Das ist alles noch nicht zu Ende gedacht. In Italien wurde jetzt sogar der komplette Spielbetrieb ausgesetzt.»

Zorc hofft trotz der wenig inspirierenden Atmosphäre im Prinzenpark auf einen ähnlich couragierten Auftritt des Teams wie im ersten Duell vor drei Wochen: «Da haben wir gezeigt, dass wir ihnen richtige Probleme bereiten können.» Die von Abwehrchef Mats Hummels nach dem 2:1 im Bundesliga-Spitzenspiel bei Borussia Mönchengladbach gelobte neue «Balance aus Künstlern und Arbeitern» soll den Weg zur ersten Viertefinal-Teilnahme seit 2017 ebnen. Vor allem die in den vergangenen Wochen verbesserte Defensive dürfte stark gefordert sein. Auf die Offensive war zuletzt ohnehin Verlass. «Wir können auch gerne 6:7 verlieren, weil wir dann ja weiterkommen», scherzte Hummels.

Mehr noch als für die Dortmunder könnte der Zuschauerausschluss für den souveränen Tabellenführer der Ligue 1 zum Nachteil werden. Schließlich geht damit der Heimvorteil nahezu verloren. «Für ein Spiel und die Atmosphäre sind Zuschauer super wichtig», sagte Coach Tuchel.

Zudem machen Personalsorgen zu schaffen. Ander Herrera fällt verletzt aus, Thomas Meunier und Marco Verratti sind gelbgesperrt und der Einsatz des erkälteten Top-Stürmers Kylian Mbappé ist ungewiss. Der Weltmeister fehlte auch beim Abschlusstraining. «Kilian hat Halsschmerzen. Über seinen Einsatz entscheiden wir morgen. Bei Thiago Silva ist das auch der Fall», verriet Tuchel am Abend vor dem Spiel. Spekulationen über eine Virusinfektion bei Mbappé bestätigten sich zunächst nicht.

Andererseits hat das Tuchel-Team den Vorteil, ausgeruht in die Partie zu gehen. Denn das für vergangenen Samstag geplante Meisterschaftsspiel bei Racing Straßburg wurde wegen der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus abgesagt.

Auch wenn sich sein Team zuletzt in glänzender Form präsentierte und bei Olympique Lyon im Pokal-Halbfinale mit 5:1 siegte, steht für Tuchel viel auf dem Spiel. Nach drei Achtelfinal-Knockouts der Pariser nacheinander in der Champions League scheint die Geduld des milliardenschweren katarischen Investors aufgebaucht. Bei einem neuerlichen Aus könnte die im Sommer 2018 begonnene Amtszeit des Fußball-Lehrers in der französischen Hauptstadt schnell zu Ende gehen.

UEFA-Pressemappe zum Spiel

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