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Todesangst und Schlaflosigkeit: Anschlag mit Nachwirkungen

Der Bombenanschlag auf den Bus des BVB jährt sich am 11. April zum ersten Mal. Foto: Marcel Kusch

Der Bombenanschlag auf den Bus des BVB jährt sich am 11. April zum ersten Mal. Foto: Marcel Kusch

Dortmund (dpa) - Am Ort des Anschlags herrscht längst wieder Idylle. Die Hecke vor dem mondänen Hotel im Dortmunder Süden, in der drei Sprengsätze deponiert waren, ist ein Jahr nach dem Attentat auf das Fußballteam von Borussia Dortmund wieder dicht zugewachsen.

Und doch bekommt mancher BVB-Profi gelegentlich noch immer ein mulmiges Gefühl, wenn der Mannschaftsbus auf dem Weg zum nächsten Heimspiel die Stelle passiert. Als Zeuge vor dem Dortmunder Landgericht räumte Torhüter Roman Weidenfeller unlängst ein, noch heute psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen: «Der Vorfall hat mein Leben verändert. Die Aufarbeitung ist noch nicht abgeschlossen.»

Der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter Sergej W., der am 21. Dezember begann, weckt bei allen Beteiligten Erinnerungen. «Das war schon wieder weit weg. Aber mit den Aussagen sind die Ereignisse wieder näher gekommen. Aber es geht nichts anders, wir müssen das irgendwie verarbeiten», sagte BVB-Sportdirektor Michael Zorc.

Freimütig sprachen diverse Profis in den vergangenen Tagen vor Gericht über Beklemmungen und Schlaflosigkeit. Vor allem der beim Anschlag am Arm verletzte und mittlerweile nach Spanien gewechselte Marc Bartra gewährte einen tiefen Blick in sein Innenleben: «Ich hatte Todesangst. Ich fürchtete, meine Familie nie wiederzusehen.»

Nur mit viel Glück entgingen die meisten Bus-Insassen am 11. April 2017 bei der Abfahrt zum Champions-League-Spiel gegen AS Monaco schweren Verletzungen, als fingerlange Metallbolzen nach der Detonation von drei Bomben einige Scheiben zerschlugen. Fieberhaft wurde ermittelt. Waren es wirklich Islamisten? Oder Linksextreme, militante Fußballfans oder Rechte? Doch für die perfide Tat gab es weder religiöse noch politische Beweggründe. Vielmehr ging es offensichtlich um Habgier.

Das angebliche Motiv des vermeintlichen Täters Sergej W., der viel Geld auf einen durch den Anschlag verursachten Kursverlust der BVB-Aktie gesetzt haben soll, macht die Tat zu einem beispiellosen Verbrechen in der deutschen Kriminalgeschichte. Mittlerweile hat der Angeklagte vor Gericht die Tat gestanden, aber jeden Tötungsplan bestritten. «Ich bedauere mein Verhalten zutiefst», erklärte er im Januar und bot Bartra und dem verletzten Polizisten rund einen Monat später gar Schmerzensgeld an. Sein Urteil erwartet Sergej W. frühestens im Juni.

Auch innerhalb des Vereins wirkte das Geschehen lange nach. Einen folgenschweren Effekt hatte das Attentat vor allem auf das Verhältnis zwischen Trainer und Vorstand. Die Frage, ob das Spiel gegen Monaco bereits am nächsten Tag hätte nachgeholt werden dürfen, führte zu einem öffentlich ausgetragenen Disput zwischen Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Thomas Tuchel.

Selbst der Pokalsieg in Berlin gegen Frankfurt konnte die Wogen nicht glätten. Drei Tage später verkündeten beide Seiten die Trennung. In seiner Zeugenaussage vor wenigen Tagen machte Tuchel den Anschlag mitverantwortlich für seinen Weggang aus Dortmund. «Es gab dadurch einen großen Dissens zwischen mir und Aki Watzke», sagt der 44-Jährige vor Gericht. «Der größte Dissens war wahrscheinlich, dass ich im Bus gesessen habe und er nicht.»

Dass die Mannschaft die in aller Eile nachgeholte Viertelfinal-Partie in der Königsklasse gegen Monaco mit 2:3 verlor, verwunderte angesichts der emotionalen Ausnahmesituation niemanden. Nach Meinung von Watzke war die von der UEFA forcierte und von weiten Teilen der Mannschaft mitgetragene Entscheidung jedoch folgerichtig: «Wir hatten an diesem Abend und am Tag danach noch alle das Gefühl, dass es sich um einen Terroranschlag handelte. Es ging dann einfach um die Frage, willst du als Gesellschaft ein Zeichen setzen unter der Berücksichtigung, dass du von den Spielern fast Unmenschliches verlangst oder nicht. Das war die eigentliche Botschaft.»

Der einstige BVB-Profi Sven Bender, der im Sommer zum Ligakonkurrenten Bayer Leverkusen gewechselt war, vertritt mittlerweile eine andere Meinung: «Ich glaube, wir haben alle einen großen Fehler gemacht.»

Trotz der emotionalen Aussagen vieler BVB-Profis sieht die UEFA heute keinen Grund, die damalige Entscheidung anzuzweifeln. «Zu unserer Aussage aus dem letzten Jahr können wir nichts hinzufügen», antwortete der europäische Dachverband auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur.

Die Vorwürfe von Tuchel hatte die UEFA damals zurückgewiesen. Niemals habe man eine Information erhalten, «die angedeutet hat, dass eines der Teams nicht spielen wollte». Die Entscheidung sei «in Kooperation und kompletter Zustimmung mit Clubs und Behörden» getroffen worden.

Was Weltmeister Weidenfeller von solchen Argumenten hält, brachte er vor Gericht deutlich zum Ausdruck: «Aus meiner Sicht ist es immer noch unverständlich, dass man uns nicht einmal einen Moment der Ruhe gegönnt hat. Wir sind doch Menschen und keine Maschinen.»

CHRONOLOGIE:

Am 11. April 2017 wurde auf das Team des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund ein Sprengstoffanschlag verübt. Die Deutsche Presse-Agentur führt zum Jahrestag auf, was seitdem geschah.

11. April 2017: Um 19.15 Uhr explodieren vor einem Dortmunder Hotel drei Sprengsätze neben dem Mannschaftsbus von Borussia Dortmund. Das Team befindet sich auf dem Weg zum Champions-League-Heimspiel gegen AS Monaco. BVB-Profi Marc Bartra und ein Polizist werden verletzt.

11. April: Eine Viertelstunde vor dem für 20.45 Uhr geplanten Anpfiff teilt der BVB mit, dass die Partie abgesagt wird. Die Zuschauer verlassen ruhig das ausverkaufte Stadion.

11. April: Die UEFA entscheidet noch am Abend nach Rücksprache mit beiden Vereinen, dass die Partie bereits am kommenden Tag um 18.45 Uhr nachgeholt wird. Laut BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke gab es «keine Alternative». Es sei eine «sehr, sehr unglückliche Situation».

11. April: Die Dortmunder Polizei spricht auf einer nächtlichen Pressekonferenz von einem «gezielten Angriff» auf das Team und ermittelt wegen des Verdachts eines versuchten Tötungsdeliktes. Zudem gibt sie bekannt, dass in der Nähe des Tatorts ein mögliches Bekennerschreiben gefunden wurde.

12. April: Die Bundesanwaltschaft übernimmt die Ermittlungen. Der Generalbundesanwalt leitet die Ermittlungen zu schweren Straftaten gegen die innere Sicherheit. Die Ermittler prüfen die Authentizität von zwei Bekennerschreiben. In dem in der Nähe des Tatorts aufgefundenen Schreiben gibt es Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund. Ein zweites, im Internet veröffentlichtes Schreiben könnte aus der antifaschistischen Szene kommen.

12. April: Bundeskanzlerin Angela Merkel verurteilt den Anschlag als «widerwärtige Tat» und telefoniert mit Watzke.

12. April: Die Polizei nimmt in Wuppertal einen Islamisten als Tatverdächtigen fest. Bei dem Mann und einem ebenfalls aus dem islamistischen Umfeld stammenden weiteren Verdächtigen werden die Wohnungen durchsucht.

12. April: Die Partie wird unter starkem Polizeischutz nachgeholt. Der BVB unterliegt mit 2:3. Vor dem Anpfiff äußerte BVB-Coach Thomas Tuchel Kritik an der schnellen Ansetzung: «Wir hätten uns mehr Zeit gewünscht, damit umzugehen.»

21. April: Die Polizei nimmt im Raum Tübingen einen 28 Jahre alten Deutsch-Russen als Tatverdächtigen fest. Laut Bundesanwaltschaft hat der mutmaßliche Täter auf einen durch den Anschlag verursachten Kursverlust der BVB-Aktie gesetzt, um dadurch einen Millionengewinn erzielen zu können. Watzke bringt sein Befremden über das Motiv zum Ausdruck: «Dass man offensichtlich versucht hat, durch den Anschlag Kursgewinne zu realisieren - das ist natürlich Wahnsinn.»

28. April: Der mutmaßliche BVB-Attentäter bestreitet nach Angaben seines Anwalts, für den Anschlag verantwortlich zu sein.

6. Mai: Watzke räumt einen Dissens mit Trainer Thomas Tuchel bei der Frage ein, ob die Partie gegen AS Monaco nur einen Tag nach dem Anschlag hätte ausgetragen werden dürfen.

12. Mai: Gegen den mutmaßlichen Attentäter tauchen belastende Beweise auf. Ermittler stellen in der Wohnung des 28-Jährigen in Rottenburg am Neckar handschriftliche Notizen zur Planung des Sprengstoffanschlags sicher.

16. Mai: Die Bundesanwaltschaft gibt die Ermittlungen ab. Von nun an ist die Staatsanwaltschaft Dortmund für das Verfahren zuständig.

30 Mai: Der BVB trennt sich nur drei Tage nach dem Pokalsieg von Trainer Thomas Tuchel.

29. August: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen den 28-jährigen Tatverdächtigen wegen versuchten Mordes.

10. November: Das Dortmunder Landgericht lässt die Anklage gegen den Tatverdächtigen zu.

21. Dezember: Unter großem Medienandrang beginnt der Prozess im Dortmunder Landgericht gegen Sergej W., den mutmaßlichen Attentäter. Die Anklage wirft ihm 28-fachen Mordversuch und Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion vor. Der Angeklagte schweigt. Sein Verteidiger sagt, von einem gezielten Attentat könne keine Rede sein.

8. Januar 2018: Der Angeklagte gesteht vor Gericht die Tat, bestreitet aber jeden Tötungsplan: «Ich bedauere mein Verhalten zutiefst.»

29. Januar: Die Fußballprofis Bartra und Pierre-Emerick Aubameyang sind im Prozess als Zeugen geladen. «Ich hatte Todesangst. Ich fürchtete, meine Familie nie wieder zu sehen», lässt Bartra über einen Anwalt erklären. Dagegen erscheint Aubameyang nicht als Zeuge. In einer ärztlichen Bescheinigung wird dem Stürmer aus medizinischen Gründen Verhandlungsunfähigkeit attestiert.

2. Februar: Der mutmaßliche Attentäter Sergej W. bietet den beiden Verletzten des Anschlags Schmerzensgeld an. Ein Täter-Opfer-Ausgleich wird bei der Urteilsfindung in der Regel strafmildernd gewertet.

19. März: Fußball-Lehrer Tuchel macht den Anschlag mitverantwortlich für seinen Weggang aus Dortmund. «Es gab dadurch einen großen Dissens zwischen mir und Aki Watzke», sagt der 44-Jährige vor Gericht. «Der größte Dissens war wahrscheinlich, dass ich im Bus gesessen habe und er nicht.» Darüber hinaus kritisieren auch mehrere Spieler in ihren Zeugenaussagen den frühen Nachholtermin der Partie gegen Monaco bereits am Abend nach dem Anschlag. «Ich glaube, wir haben alle einen großen Fehler gemacht», sagte der inzwischen nach Leverkusen gewechselte Sven Bender.

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