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«Vizekusen» will Titel: Bayer denkt groß

Jonas Boldt kritisiert das Karrieredenken vieler Nachwuchstrainer. Foto: Rolf Vennenbernd

Jonas Boldt kritisiert das Karrieredenken vieler Nachwuchstrainer. Foto: Rolf Vennenbernd

Düsseldorf (dpa) - Träumen ausdrücklich erlaubt. Bei Bayer Leverkusen darf künftig groß gedacht und auch darüber gesprochen werden.

Dass Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann die Werkself als Meister in der am Freitag beginnenden Bundesligasaison getippt hat, versteht Sportdirektor Jonas Boldt zwar als Ablenkungsmanöver. Doch die Profis Julian Brandt, Paulinho und Leon Bailey, die offen von ihrem Wunsch nach Titeln gesprochen haben, wurden bestärkt statt eingebremst.

«Warum sollten wir wen aufhalten, der Titel gewinnen will?», fragte Boldt in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. «Grundsätzlich ist das doch etwas sehr Positives. Und schließlich wollen wir das alle. Das leben wir jeden Tag vor, und wenn die Spieler das genauso sehen, ist es umso besser.» Trainer Heiko Herrlich, dessen Mannschaft am Samstag (18.30 Uhr) bei Borussia Mönchengladbach in die Saison startet, bekräftigte: «Es ist gut, wenn die Spieler groß denken und sich auch entsprechend äußern.»

Die markigen Worte stünden durchaus im Einklang mit den Ambitionen der Führung, stellte Boldt klar. Seit dem DFB-Pokal 1993 gewann Bayer keinen Titel und wurde nach vielen knapp gescheiterten Anläufen als «Vizekusen» verspottet. Nun habe man ein Arbeitsumfeld, «in dem ambitioniert gearbeitet wird, in dem man viel erreichen will und das auch aussprechen darf», sagte Boldt. Der Sportdirektor stellte aber klar: «Es gibt keinen, der sagt: Wir werden deutscher Meister.» Den Pokal oder die Europa League hat Bayer ebenso im Blick.

Auch Herrlich freut sich über den Mut seiner jungen Profis. «Erst träumst du davon, dann denkst du daran, dann sagst du es, dann machst du es», sagte der Chefcoach. «Sie lehnen sich damit ein Stück weit aus dem Fenster, aber sie haben einen Antrieb. Auch mit dem Risiko, auf die Nase zu fallen.»

In der Gesellschaft sei Häme für diesen Fall weit verbreitet. «Das ist ein ganz schlechtes Klima», sagte Herrlich. Er fragte: «Warum soll man nicht versuchen, die ganz oben hängenden Trauben zu erreichen - auch mit dem Risiko, abzustürzen? Aber um Erfolg zu haben, muss man mit voller Überzeugung ganz nach oben zielen. Mit voller Leidenschaft.»

In der Vorsaison wurde Bayer Fünfter. Dass dies nur bedingt als Erfolg betrachtet wurde, lässt Boldt klar durchblicken. «Wir haben alle zusammen was liegen lassen und wir wollen das alle zusammen in diesem Jahr ausmerzen.» 2017/18 verpassten die Rheinländer die Champions League nur wegen der Tordifferenz. Aber: Sie konnten die umworbenen Nationalspieler Julian Brandt und Jonathan Tah sowie Shootingstar Leon Bailey halten.

Tah begründete seine Vertragsverlängerung im Frühjahr damit, dass in Leverkusen «eine Art deutsche B-Nationalmannschaft» aufgebaut würde. Entsprechend gespannt schaut man in Leverkusen am Mittwoch auf die erste Kadernominierung von Bundestrainer Joachim Löw nach dem Vorrunden-Aus bei der WM.

Für einen Neuanfang bieten sich einige Bayer-Talente an. Auch der erst 19 Jahre alte und bisher noch nie nominierte Kai Havertz gilt als Kandidat. «Er ist das größte Talent, das ich seit Toni Kroos gesehen habe», sagte Herrlich. «Ich habe schon vor der WM gedacht, dass so ein Spieler der Mannschaft hätte weiterhelfen und lernen können. Aber ich denke, der Bundestrainer weiß ganz genau, was er zu tun und wen er zu nominieren hat.» Boldt erklärte: «Fußballerisch passt Kai Havertz in jede Mannschaft.»

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