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«Erbärmlich» im «Verliererboot»: Selbstkritik der Spieler

Nationaltorwart Manuel Neuer: «Man hat nicht gemerkt, dass wir hier eine Weltmeisterschaft spielen». Foto: Li Ga/xinhua

Nationaltorwart Manuel Neuer: «Man hat nicht gemerkt, dass wir hier eine Weltmeisterschaft spielen». Foto: Li Ga/xinhua

Kasan (dpa) - Spontane Rücktritte oder Überreaktionen der blamierten deutschen Fußballstars gab es keine. Aber die entthronten Weltmeister gingen hart mit sich ins Gericht.

«Man hat nicht gemerkt, dass wir hier eine Weltmeisterschaft spielen», sagte Kapitän Manuel Neuer am Ort der größten deutschen WM-Blamage. «Wir haben in keinem Spiel richtig überzeugt, dass wir sagen können, das war die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Das ist bitter und erbärmlich.»

Das Urteil des Torwarts fiel in Kasan nach dem 0:2 gegen Südkorea vernichtend aus. «In keinem der drei Spiele hat man gesehen, dass da wirklich eine deutsche Mannschaft auf dem Platz war, vor der man Angst hat, vor der man Respekt hat.» Der Zerfall war auch nach Spielende im Stadion zu sehen. Toni Kroos stand lange alleine auf dem Rasen, während neben ihm die Südkoreaner noch feierten.

Thomas Müller kämpfte in den Stadionkatakomben gegen die Tränen. «Wir sind alle fassungslos. Wir sind geschockt von der Situation», sagte der 28 Jahre alte Bayern-Star. «Wir müssen das erstmal verarbeiten. Wir müssen schauen, dass wir nicht zu viel Glas zerbrechen.» Alle im Team säßen im «Verlierer-Boot». Grundsätzlich seien aber «alle vom Weg von Joachim Löw überzeugt», versicherte Müller, der seit 2010 im Nationalteam dabei ist und nie einen anderen Bundestrainer erlebt hat. «Jegliche Begründungen, die jetzt kommen, können wir aktuell nicht zurückweisen, weil wir mit heruntergelassener Hose dastehen.»

Mats Hummels, der auf dem Spielfeld immer wieder vergeblich lautstark an die Teamkollegen appelliert hatte, fühlte sich einfach «leer». «Das ist sportlich die größte Enttäuschung meines Lebens», haderte der Bayern-Verteidiger. «Wir waren nicht auf dem Level, dass man für eine WM braucht.» Drei Spiele, zwei Niederlagen, ein Sieg - raus!

Der 29-Jährige wies auf die vielen Erfolge unter Weltmeister-Trainer Löw hin, der bei seinen sechs vorangegangenen Turnieren inklusive Confed Cup immer mindestens das Halbfinale erreicht hatte. «Ich glaube, das war das allererste Mal, dass unter seiner Trainerschaft etwas nicht so gut war», sagte Hummels. Aber selbst wenn alle 23 Spieler des Kaders sagen würden, der Weg sei gut, «selbst das wird nicht ändern, dass die Öffentlichkeit auf gewisse Art reagiert».

Schweden-Held Toni Kroos hielt sich bei der Frage nach Veränderungen inklusive der Personalie Löw lieber zurück. «Ich treffe da keine Entscheidung. Das werden wir sehen. Ich denke, dass Personen, die gewisse Sachen entscheiden, es irgendwie aufarbeiten werden und dann Entscheidungen treffen werden», sagte der 28-Jährige.

Als letzter deutscher Star verließ der viermalige Champions-League-Sieger die Arena. Das Ende einer goldene Generation war für ihn nicht ausgeschlossen. «Weiß ich nicht. Es war ja in der Vergangenheit immer so, dass Turniere Zeitpunkte waren für Veränderungen. Es war ja vor vier Jahren auch so. Und es waren ja Teile dieser Generation jetzt auch dabei», sagte der 28-Jährige. Wie groß die Veränderungen werden würden, vermochte er nicht zu sagen.

Warum es Löw nicht schaffte, aus Weltmeistern und Confed-Cup-Siegern eine Mannschaft zu formen, ist allen ein Rätsel. «Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt», sagte Julian Draxler, der beide Titel gewann. «Jeder ist in sich gekehrt und versucht das zu verarbeiten.»

Die Stars warben um Verständnis, dass das ein paar Tage dauern werde. Auch Ü30-Spieler wie Mario Gomez und Sami Khedira sprachen nicht über einen Rücktritt. «Wir waren verunsichert und nicht so frei, wie wir das können. Jeder einzelne hat es nicht geschafft, seine Topleistungen abzurufen, nimmt man Manuel Neuer mal aus», sagte Khedira. «Wir haben es als Mannschaft nicht geschafft», sagte Gomez.

Thomas Müller sieht in außersportlichen Themen auch einen Grund für das blamable Vorrunden-Aus. Auf die Frage, ob die Mannschaft nach der Erdoğan-Affäre um Mesut Özil und Ilkay Gündogan sowie Kritik an der Quartierwahl zu viele Dinge mitgeschleppt habe, ließ der Bayern-Star einen Einfluss erkennen.

«Wenn du Weltmeister bist, dann stehst du unter besonderer Beobachtung und musst dich mit vielen Dingen auseinandersetzen, die gar nichts mit dem Fußball zu tun haben», sagte Müller. «Es werden auch von außen die Störfeuer gerne genommen. Jetzt haben wir die Quittung bekommen.»

Nach dem Treffen und den Fotos der beiden in Gelsenkirchen geborenen DFB-Spieler Özil und Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan mussten sich der DFB und die Sportliche Leitung um Bundestrainer Joachim Löw permanent mit der Thematik beschäftigen, ebenso die Spieler. Kapitän Manuel Neuer hatte schon vor dem Aus eingeräumt, dass die Thematik «ein bisschen gestört» habe und «sogar belastend» gewesen sei.

Von dem Quartier in Watutinki wurde nicht so geschwärmt wie vom Campo Bahia beim WM-Triumph 2014 in Brasilien. Löw hatte zunächst Sotschi als Standort bevorzugt, Teammanager Oliver Bierhoff setzte sich mit dem Stammquartier nahe Moskau durch. Löw sprach in Watutinki davon, dass das Hotel «den Charme einer guten, schönen Sportschule» habe. Damit schuf er Platz für Spekulationen und Alibis.

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