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Flucht in den Urlaub - Angezählter Löw hinterlässt Fragen

Bleibt Joachim Löw Bundestrainer? Foto: Andreas Gebert

Bleibt Joachim Löw Bundestrainer? Foto: Andreas Gebert

Watutinki (dpa) - Weg, einfach nur weg aus Russland und der vom ersten Tag an bei Joachim Löw und seinen abgestürzten Stars so ungeliebten «Sportschule» in Watutiniki.

Fast fluchtartig verließen die historischen deutschen Verlierer nach dem größten anzunehmenden WM-Unfall das Stammquartier vor den Toren Moskaus im offiziellen Teambus, auf dem das entlarvende Motto prangte: «Zusammen. Geschichte schreiben.» Zusammen lief bei dieser Weltmeisterschaft gar nichts.

Und die Geschichtsschreibung sollte die erste erfolgreiche deutsche Titelverteidigung sein. Das ambitionierte Projekt endete mit dem ersten Vorrunden-Aus, für das der Bundestrainer nach dem 0:2 gegen Südkorea die «Verantwortung» übernahm. Und mehr? Gibt Löw auf?

Das ist die zentrale Frage, ob der Weltmeistercoach von 2014 es sich noch zutraut und auch der Richtige sein könnte, um nach dem Totalschaden des deutschen Fußballs den Neuaufbau mit den hungrigen Confed-Cup-Siegern anzugehen. Vor dem Start der DFB-Sondermaschine nach Frankfurt sagte Präsident Reinhard Grindel der Deutschen Presse-Agentur: «Ich habe gestern Abend auf dem Rückflug mit Jogi Löw gesprochen. Wir sind so verblieben, dass wir in den nächsten Tagen besprechen, wie es weitergeht.» Einen Schnellschuss gibt es nicht.

In Zivilkleidung traten Manuel Neuer und seine 22 WM-Kollegen den erzwungen Frühstart in den Sommerurlaub an. Löw kam mit düsterem Blick alleine ans Gate, ging wortlos in den «Mannschaftsflieger» der Lufthansa. Einige Spieler wie Toni Kroos wurden von ihren Familien begleitet. Sind nach zwölf Jahren Löw womöglich neue Impulse auf dem Chefposten nötig? Nur Heldendämmerung einer goldenen Generation?

Oder auch Götterdämmerung? Ein «geschockter» Löw hatte sich noch in Kasan nach seiner größten Niederlage als Trainer Bedenkzeit erbeten, wie stets nach Turnieren. Diese endeten bislang frühestes nach dem Halbfinale. «Wie es jetzt weitergeht - da muss man mal in Ruhe darüber reden. Für mich ist das jetzt noch ein bisschen zu früh», sagte der 58-Jährige. Er müsse sich erstmal «sammeln».

Löw wird sich auch selbst hinterfragen - erstmal könnte nur er allein sich entlassen. «Wir sollten ihm Zeit lassen», sagte Teammanager Oliver Bierhoff, der tippte: «Ich gehe davon aus, dass er im September die Sache angeht.» Der DFB hätte keinen sofortigen Plan B zu Löw. Eine populäre Alternative wie Jürgen Klopp müsste beim FC Liverpool losgeeist werden, Thomas Tuchel fängt in diesen Tagen seinen neuen Top-Job bei Paris Saint-Germain an.

Grindel nahm sich zunächst aus der unmittelbaren Verantwortung. Er erwartet Antworten von Bierhoff und Löw. «Es ist nicht Aufgabe des Präsidenten, das Aus zu analysieren. Da würde ich mich überheben», sagte der DFB-Boss: «Dafür haben wir die sportliche Leitung. Die werden uns das erklären müssen und dann werden wir Konsequenzen ziehen.»

Bierhoff will «alles hinterfragen». Trainer- und Betreuerstab, Spieler, aber auch er selbst als Überbau des Gesamtgefüges zusammen mit dem langjährigen Wegbegleiter Löw gehört hinterfragt. Die Ausrichtung des Nationalteams, PR-Strategien («Best never rest»), die Quartierwahl, das öffentliche Auftreten und der fragwürdige Umgang mit der Özil-Gündogan-Erdogan-Affäre verlangen nach einer kritischen Aufarbeitung. «Es werden mehrere Punkte sein, die man zusammentragen muss, ohne dass man alles über den Haufen schmeißt oder infrage stellt», meinte Bierhoff. Erst einmal müssen sich alle aus der Schockstarre befreien. «Wir alle fallen in ein Riesenloch, in eine Leere, in einen Frust», gestand der 50 Jahre alte Manager.

Grindel hatte den Vertrag mit Löw erst vor dem Turnier bis zur nächsten WM 2022 verlängert, weil die DFB-Spitze in ihm den «geeignetsten Kandidaten» für den Umbruch von der goldenen Weltmeister-Generation zur «tollen jungen Truppe» des erfolgreichen Confed Cups 2017 gesehen habe. Das Debakel in Russland erzwingt eine Überprüfung der Ansicht, die vorher so einleuchtend klang. «Es war ja in der Vergangenheit immer so, dass Turniere Zeitpunkte waren für Veränderungen», bemerkte Mittelfeldspieler Toni Kroos allgemein.

Ein Vorrunden-Aus bei einer WM gab es in der DFB-Geschichte noch nicht. Aber dreimal bei Europameisterschaften; und Jupp Derwall (1984), Erich Ribbeck (2000) und Rudi Völler (2004) saßen danach nicht mehr auf der Trainerbank. Löws Fallhöhe war besonders hoch. Aber auch seine Verdienste um die Nationalmannschaft sind enorm.

In Russland sind die in nur zehn Tagen mit zwei Niederlagen und einem glücklichen Last-Minute-Sieg gegen Schweden erschüttert worden. «Fakt ist, das wir bei der WM kein richtig überzeugendes Spiel hatten», sagte der junge Joshua Kimmich. «Erbärmlich» nannte Kapitän Manuel Neuer das gesamte Turnier-Auftreten des Teams, das keine Einheit war. «In keinem der drei Spiele hat man gesehen, dass da wirklich eine deutsche Mannschaft auf dem Platz war, vor der man Angst hat, vor der man Respekt hat.» Selbst bei einem Weiterkommen wäre der Titelgewinn Utopie geblieben, meinte Neuer: «Ich glaube, jeder hätte gerne gegen uns gespielt.» Angstgegner Deutschland? Nicht bei dieser WM!

Vieles ist schief gelaufen in Russland, aber auch schon vorher. Und dafür trägt der entrückte Löw, dessen Eigeninszenierung wie bei Fotos auf der Strandpromenade von Sotschi im Nachhinein verstörend wirken, die Hauptverantwortung. «Der Mannschaft hat die Leichtigkeit, die spielerische Qualität, die Dynamik gefehlt», analysierte er. Aber das galt schon längere Zeit. Nach der makellosen WM-Qualifikation mit zehn Siegen in zehn Spielen begann der Abwärtstrend: Von neun Partien bis zum Südkorea-Tiefpunkt wurden nur noch zwei gewonnen.

Löw ignorierte die Signale. Er fuhr personell einen Schlingerkurs, auch noch im Turnier. 19 von 20 Feldspielern setzte er ein, eine Elf fand er nicht. Er sprach von «Selbstherrlichkeit», meinte aber damit nicht in erster Linie sich: «Wir waren überzeugt, es geht schon gut, wenn das Turnier losgeht.» Ein Irrtum, der in den Untergang führte.

Überall gab es Fehleinschätzungen. Das Warnsignal des Scheiterns der Weltmeister Frankreich 2002, Italien 2010 und Spanien 2014 wurde nicht erkannt. «Uns passiert das nicht», sagte Löw nach der ersten Pleite. In Kasan hieß es nun: «Es war klar, dass die Gegner hier bei der WM mit dem Messer zwischen den Zähnen gegen uns antreten.»

Deutschland war diesmal keine Turniermannschaft. Und das abgesehen vom FC Bayern international desaströse Abschneiden der deutschen Clubs im Europapokal konnte die Nationalelf auch mit erfolgreichen Auslandstars wie Champions-League-Sieger Toni Kroos nicht auffangen. Der wichtige Bayern-Block funktionierte in Russland auch nicht.

Eine Rücktrittswelle auf Spielerseite ist nicht zu erwarten. Der 32 Jahre alte Kapitän Neuer etwa will beim anstehenden Neuanfang, der mit dem ersten Spiel in der neuen Nations League am 6. September in München gegen Frankreich beginnt, dabei sein. «Ich habe jetzt nicht vor, aufzuhören», sagte Neuer. Die Trainerfrage ist aber die erste, die beantwortet werden muss. «Es war das allererste Mal, dass in Löws Trainerschaft etwas nicht so funktioniert hat», sagte Mats Hummels.

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