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So richtet sich der Amateurfußball wieder auf

Rainer Koch hofft angesichts der finanziellen Folgen der Corona-Krise auf einen Sinneswandel im Amateurbereich. Foto: Andreas Gora/dpa

Rainer Koch hofft angesichts der finanziellen Folgen der Corona-Krise auf einen Sinneswandel im Amateurbereich. Foto: Andreas Gora/dpa

Stuttgart (dpa) - Es ist ein Neustart ins Ungewisse. Nach monatelanger Corona-Zwangspause fährt der Amateurfußball den Betrieb vielerorts wieder hoch. Die fast 25.000 Clubs, die beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) registriert sind, haben die erste Welle der Pandemie überstanden.

Mal mit mehr, mal mit weniger Schrammen. Noch sind aber gar nicht alle Folgen absehbar. «Der Amateurfußball hat in dieser Krise seine Kraft entfaltet, das stimmt mich zuversichtlich», sagt DFB-Vizepräsident Rainer Koch der Deutschen Presse-Agentur: «Aber wir alle müssen auch etwas dafür tun, dass er so stark bleibt und diese Krise, die sich keiner ausgesucht hat, durchsteht.»

Die befürchteten Massenabmeldungen von Mannschaften sind bisher ausgeblieben. In Baden beispielsweise sind zwar nur noch 844 statt der 888 Herren-Teams aus dem Vorjahr gemeldet, in Sachsen nur noch 1045 statt 1060. Die Verbände führen das aber nicht auf Corona zurück. Schon in den vergangenen Jahren war ein Schwund zu beobachten. Und angesichts der knapp 55.000 Herren-Mannschaften, die der DFB bei seiner letzten Erhebung im Januar zählte, hält er sich in Grenzen.

In zahlreichen Bundesländern gab's schon wieder Vorbereitungs- und Pokalspiele, im September sollen die Meisterschaftsrunden starten. In Bayern wird die alte, abgebrochene Saison fortgesetzt, in den übrigen 20 Landesverbänden - Stand jetzt - eine neue angepfiffen. Teils mit aufgestockten Ligen, da es nach dem Lockdown in den meisten Fällen zwar Auf-, aber keine Absteiger gab. Teils mit neuem Modus, zum Beispiel einer Hinrunde und anschließender Auf- und Abstiegsrunde. Und mit einem Hygiene-Leitfaden des DFB, der die Spielstätten fortan in drei Zonen teilt (Spielfeld, Umkleidebereich, Publikumsbereich).

Die Clubs desinfizieren ihre Bälle, tragen die Zuschauer in Listen ein, lassen ihre Spieler in Etappen duschen. Viel Aufwand für oft wenig Personal. Dennoch überwiegt dort, wo schon wieder gespielt werden darf, die Dankbarkeit. Die Befürchtungen, dass während der Pause etliche Mitglieder austreten könnten, haben sich vielerorts noch nicht bestätigt.

«In finanzieller Hinsicht aber hat es unsere Vereine schwerer getroffen, weil sie beispielsweise auf die Pacht des Wirtes ihres Vereinsheimes, das ja auch geschlossen war, verzichten mussten oder keine Sommerfeste und Jugendturniere austragen konnten», sagt DFB-Vize Koch: «In den einzelnen Bundesländern gab es unterschiedliche Lösungen wie Soforthilfen oder etwa verdoppelte Übungsleiter-Pauschalen. Dafür haben wir uns mit unseren Landesverbänden bei der Politik stark gemacht.» Einige Clubs halfen sich auch selbst, verkauften virtuelle Tickets oder Bratwürste.

Da sie ihre Spieler oft pro Einsatz, aber nicht fortlaufend bezahlen, hatten viele Vereine aus den unteren Ligen zudem kaum Ausgaben. Anders als die in den Regional- oder Oberligen, wo oft feste Monatsgehälter fließen und die Zuschauereinnahmen deutlich mehr ins Gewicht fallen. «Vereine, die signifikante Spieler- und Trainergehälter zahlen, haben jetzt auch entsprechend größere Nöte», sagt Koch: «Profifußballer in der Oberliga sind keine gute Idee. Der Amateurfußball ist in den letzten Jahren viel zu teuer und in einigen Fällen fast nicht mehr finanzierbar geworden. Vielleicht bringt das Corona-Virus uns alle wieder zur Vernunft. Hoffentlich ohne Insolvenzen.»

Die droht den Stuttgarter Kickers, früher Erst- und nun Fünftligist, nicht. Ihren Etat für die 1. Mannschaft haben sie aber um fast 15 Prozent gesenkt. «Wir sind bisher ganz gut durchgekommen», sagt ihr Präsident Rainer Lorz: «Aber eine mögliche zweite oder dritte Welle würde uns und viele andere Clubs sicher härter treffen.» Je größer die Abhängigkeit von Zuschauer-Einnahmen ist, desto höher ist das Risiko. Auch der einstige deutsche Meister Rot-Weiss Essen, der jetzt in der Regionalliga spielt, hat den Lockdown insgesamt ordentlich verkraftet. Er hat aber auch zehn Prozent seines Umsatzes eingebüßt. «Rund zwei der gut sieben Millionen Euro, die dieser Verein im Jahr einnimmt, stammen aus Zuschauereinnahmen», sagt Vorstandschef Marcus Uhlig: «Aber im Endeffekt hängt jeder Euro irgendwie mit den Heimspielen zusammen.»

Was den Amateur- am gravierendsten vom Profifußball unterscheidet. «Die Schere wird noch weiter auseinander gehen», fürchtet Kickers-Boss Lorz. Auch, weil die oben ihre TV-Einnahmen und somit eine sichere Geldquelle haben - ob bei Geister- oder normaler Kulisse. Weil keiner weiß, wie lange seine Sponsoren tatsächlich bei der Stange bleiben. Und ob nicht noch ein weiterer Abbruch kommt. «Wir können wohl erst dann wieder von einer Normalität sprechen, wenn ein Impfstoff gefunden ist oder es entsprechende Medikamente gibt», sagt DFB-Vize Koch: «Das gilt für den Amateurfußball ebenso wie für unser ganzes gesellschaftliches Leben.» Bis dahin bleibt die Gefahr, doch noch von der Corona-Welle übermannt zu werden, bestehen.

© dpa-infocom, dpa:200728-99-958570/4

DFB-Steckbrief Rainer Koch

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