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Springreiter Hans Günter Winkler mit 91 gestorben

Springreiter-Legende Hans Günter Winkler wurde in Aachen mit einer Schweigeminute gedacht. Foto: Friso Gentsch

Springreiter-Legende Hans Günter Winkler wurde in Aachen mit einer Schweigeminute gedacht. Foto: Friso Gentsch

Warendorf (dpa) - Der Ritt mit schmerzverzerrtem Gesicht hat Hans Günter Winkler zu einer Legende des Pferdesports gemacht - und sein Pferd Halla weltberühmt. Die kleine Stute trug den verletzten Springreiter 1956 zu olympischem Doppel-Gold.

Diese Geschichte musste Winkler immer wieder erzählen - und er tat es sehr gerne und ausführlich. Bis zuletzt, bis kurz vor seinem Tod in der Nacht zum 9. Juli.

«Auch für mich ist Hans Günter mit seinem großem Kampfgeist ein Vorbild gewesen», sagte IOC-Präsident Thomas Bach in einer persönlichen Stellungnahme. «Insbesondere erinnere ich mich an den bewegenden Augenblick, als er unsere Olympiamannschaft bei der Eröffnungsfeier bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal als Fahnenträger anführte. Er hat uns junge Athleten inspiriert und wird bis heute von Generationen von Reiterinnen und Reitern verehrt.»

«Mit Bestürzung» nahm DOSB-Präsident Alfons Hörmann die Nachricht vom Tod Winklers auf. «Mit seiner Wunderstute Halla bildete er ein unvergleichliches Team, das eindrucksvoll demonstriert hat, was Mensch und Tier gemeinsam im Sport zu leisten in der Lage sind», heißt es in einem Statement des DOSB.

Zwei Jahre nach dem Wunder von Bern folgte das Wunder von Stockholm. Der Sieg bei den von Melbourne nach Schweden ausgelagerten olympischen Reiterwettbewerben hatte eine ähnlich historische Dimension wie der WM-Sieg der deutschen Fußballer. Die Geschichte des verletzten Reiters und des treuen Pferdes passte ganz wunderbar zum Mythos des mühevollen Neubeginns nach dem Krieg und zum Wiederaufbau.

Winkler wurde einer der großen Sport-Helden seiner Zeit, weil er sich in der ersten Runde der Einzel- und Mannschafts-Entscheidung so schwer an der Leiste verletzt hatte, dass er eigentlich hätte aufgeben müssen. Er tat es aber nicht. Er setzte sich wieder auf die Stute. Und er ritt trotz starker Schmerzen. Obwohl er Halla beim zweiten Durchgang kaum helfen und durch den Parcours dirigieren konnte, ritt er mit der tapferen Stute ohne Fehler: Deutschland gewann Team-Gold und Winkler auch noch Einzel-Gold.

«Dieses wunderbare Pferd machte mir die größte Liebeserklärung, indem es am langen Zügel nur begleitet von meinen Schmerzensschreien über jeden Sprung ohne Fehler ging», lautete eine von Winklers zahlreichen Beschreibungen. Sie schienen mit der Zeit immer blumiger zu werden.

Sie sei «eine Mischung aus Genie und irrer Ziege» gewesen, lautete eine weitere Beschreibung. «Halla hat gemerkt, was los ist, und hat mir aus der Patsche geholfen», sagte Winkler kurz vor seinem 90. Geburtstag. Pferde seien ja normalerweise nicht intelligent, erklärte der Reiter - aber seine Halla sei es gewesen. Diese Glorifizierungen des Pferdes mehrten auch seinen eigenen Ruhm.

Der mit Ausdauer und Zähigkeit erkämpfte Erfolg machte Winkler zu einer Symbolfigur seiner Zeit. Er prägte die sportliche Geschichte der Nachkriegsjahre, und der Krieg und die Jahre danach prägten ihn. Sänger hatte der in Barmen geborene Reiter als junger Mann mal werden wollen. Dann kam der Krieg. Er er- und überlebte das Ende als Flakhelfer. «Da war die Zeit des Singens vorbei», sagte er. Sein Vater fiel kurz vor Kriegsende, seine Familie begann bei Null. So erzählte er es noch vor zwei Jahren.

Zu den von Winkler gerne erzählten Geschichten gehört auch jene über das Adoptions-Angebot eines späteren US-Präsidenten. Ein halbes Jahr lang ritten Winkler und damalige Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower jeden Morgen in die Wälder des Taunus. Dann bestellte der spätere US-Präsident den damaligen Stallburschen in sein Büro. «Ohne Umschweife fragte er nach meinen Familienverhältnisse. Ganz höflich fragte er, ob ich mir vorstellen könnte, dass er mich adoptiert und an Kindes statt annimmt», berichtete Winkler. «Dann habe ich überlegt und überlegt und bin zu dem Schluss gekommen: Das geht gar nicht, ich kann meine Mutter nicht im Stich lassen.»

Die schwere Nachkriegszeit vergaß Winkler nie. Die Angst, wieder arm zu sein, begleitete ihn zeitlebens. Das war immer wieder zu spüren. Daraus machte er keinen Hehl. So erfolgreich wie im Sattel war der Mann, dessen berühmtes Kürzel namensgebend für die HGW Marketing war, im Geschäftsleben aber nicht immer.

Sportlich ist er als Springreiter noch immer unerreicht. Den zwei Goldmedaillen von 1956 folgten drei weitere Olympia-Siege. Unter anderem 1972 in München, wo es im Vorfeld einen unschönen Streit um die Besetzung der deutschen Mannschaft gegeben hatte. Die Pferdenamen Fidelitas, Enigk oder Torphy kennen - im Gegensatz zu Halla - nur Experten.

Winkler gewann zudem eine Silber- und eine Bronzemedaille bei Olympischen Spielen. Am nächsten kam ihm Ludger Beerbaum, der viermal Gold gewann und nach Team-Bronze vor zwei Jahren in Rio de Janeiro aus der Nationalmannschaft zurücktrat. «Er war eine große Reitsportpersönlichkeit, die den Pferdesport mitgeprägt hat», sagte Beerbaum am Montag: «Bis ins hohe Alter haben wir Pferdegeschäfte miteinander gemacht, und ich kann verraten: Es war nicht einfach, mit ihm zu feilschen.»

Zur imposanten Bilanz des Ausnahmereiters gehören auch zwei Einzel-Titel bei Weltmeisterschaften und fünf deutsche Meisterschaften. Winkler startete 105 Mal für die deutsche Mannschaft. Und zu seiner umfangreichen Titelsammlung gehört auch die zweimalige Wahl zum Sportler des Jahres - eine heutzutage kaum vorstellbare Ehre für einen Reiter.

Seine Karriere beendete Winkler 1986 in Aachen, wo er neben vielen Siegen beim CHIO auch dreimal den Großen Preis gewann. Und dort, im größten Reitstadion der Welt mit 40 000 Plätzen, genoss er 2016 eine große Gala zu seinen Ehren.

Wie kein Zweiter habe Winkler für Erfolg als Ergebnis von Wille, Leidenschaft und Einsatzbereitschaft gestanden, sagte Carl Meulenbergh, Präsident des CHIO-Ausrichters ALRV. «Mit ihm haben wir nicht nur eine Legende und den prominentesten Botschafter unseres Sports verloren, sondern auch einen großen Freund des Aachener Turniers.»

Breido Graf zu Rantzau, der Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, sagte: «Hans Günter Winkler war während seiner Karriere ein großer Sportler und hat auch nach seiner aktiven Zeit unendlich viel für unseren Sport, besonders für den Reiter-Nachwuchs getan. Wir verlieren mit ihm einen Mann, der mit großer Disziplin und Leidenschaft sein Leben gemeistert hat.»

Das Stadion in Aachen war Winklers «Wohnzimmer», wie er es selber nannte. Warendorf sein Wohnsitz seit 1950. Winkler lebte bis zuletzt nicht weit entfernt vom Sitz des Verbandes. Dort, wo ein Denkmal für seine Stute Halla steht.

Lebenslauf auf Homepage von Winkler

Stellungnahme des Verbandes

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