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Space Age: Weltraum im Wohnzimmer

Die Esstischlampe «Milieu» von Jo Hammerborg. Foto: Daniel Naupold

Die Esstischlampe «Milieu» von Jo Hammerborg. Foto: Daniel Naupold

Berlin (dpa) - Millionen Kinozuschauer gruseln sich 1968 bei einem Kinderlied, metallisch gesungen von einem wahnsinnig gewordenen Bordcomputer mit rotem Auge: «Hänschen klein/ ging allein/ in die weite Welt hinein...»

Stanley Kubricks Science-Fiction-Film «2001: Odyssee im Weltraum» markiert wenige Monate vor der Mondlandung am 20. Juli 1969 den Höhepunkt des Space Age in der Popkultur.

Der französische Regisseur Roger Vadim lässt Ende der 1960er Jahre sogar einen Erotikfilm im All spielen: Jane Fonda legt im Vorspann von «Barbarella» einen kecken Striptease in der Schwerelosigkeit hin. Pierre Cardin entwirft 1970 Kleider im Astronauten-Look. Und in Deutschland begeistern ab 1961 Perry-Rhodan-Groschenhefte wöchentlich die Leser. Eine Generation feiert den Geist der Raumfahrt in Literatur, Kunst, Film und Design.

«Das, was wir heute als Space Age bezeichnen, beginnt so richtig mit der ersten Satellitenumrundung der Erde, also mit dem Sputnik-Satelliten, den die Russen 1957 ins Weltall schickten», sagt der Direktor des Vitra Design Museums in Weil am Rhein, Mateo Kries.

«Der Medien-Pop-Forscher Marshall McLuhan hat einmal gesagt, dass das auch ein entscheidender Wandel der Perspektive war, weil man nicht mehr von der Erde ins All guckte, sondern im All sein und auf die Erde schauen konnte», ergänzt Kries. «Dadurch trat ein Perspektivwandel ein.» Er habe die Menschen die Erde mit neuen Augen sehen lassen, «mit einer neuen Distanz und einer Begeisterung für das Neue».

Der Geist des Space Age zeigt sich in nichts so bunt, grell und poppig wie in Möbeln und Alltagsgegenständen zwischen 1957 und 1973. Die Tischlampe «Eclisse» des Italieners Vico Magistretti erweckt dank Drehschirm den Eindruck einer Sonnenfinsternis. Das «Ericofon» des schwedischen Telefonherstellers Ericsson gleicht einer wütend-aufgerichteten Cobra und scheint in seiner organischen Form eher in ein Raumschiff zu gehören als in den Flur.

Der Fiberglas-Sessel «Pastille» des Finnen Eero Aarnio wirkt in seiner glänzenden Bonbonform so spacig, dass sich in der TV-Weltraumserie «Buck Rogers» der Held darin herumfläzt. Zur alles überstrahlenden Ikone wird ein 1959 von dem Dänen Verner Panton entwickelter, scheinbar dahinfließender Stuhl aus Kunststoff - gern in quietschorange.

«Rund, organisch, fließend» fasst Tim Bechthold, Oberkonservator beim Münchner Designmuseum Die Neue Sammlung, dann auch das «visionäre Design» jener Jahre zusammen. «Dieser Formenkanon findet Niederschlag ab Mitte der 60er Jahre. Es ist auch nicht zu unterschätzen, dass in dieser Zeit die Verwendung von Kunststoffen euphorisch gefeiert wurde.» Wo Holz und Metall vorher enge Grenzen setzten, ist nun schlichtweg fast alles möglich, etwa durch thermisch verformtes Plexiglas. Halbkugeln, deren Form an Astronautenhelme erinnere, wie Bechthold erläutert.

Italien gilt als Hochburg der Strömung, die heute Space Age heißt. «Das hängt aber auch damit zusammen, dass dort die Kunststoffindustrie sehr stark ausgeprägt war und immer noch ist», sagt Bechthold. «So haben beispielsweise manche Firmen einzelnen Designern ihre Materialien zur Verfügung gestellt und gesagt: 'Mach doch mal.' Und da kamen natürlich schon durchaus sehr schräge, sehr experimentelle Ideen hervor.» Knallige Farben finden gern Verwendung.

Was neue Techniken nun bei Möbelpolstern erlauben, zeigt 1970 Verner Pantons «Visiona 2»-Wohnlandschaft. Eine psychedelische Höhle, in der Menschen aussehen wie Jona im Bauch eines Wals mit kunterbunten Innereien. «Darin sieht man fast schwerelos aus, es gibt eigentlich kein Unten und kein Oben mehr, es gibt nur den Raum, durch den man sich bewegt», sagt Kries. Pure Bodenlosigkeit als Allegorie fürs All.

«In den Räumen des Space Age spielen Fenster keine Rolle oder werden auf den Fotos oft ausgeblendet, stattdessen zieht sich die Kunststoff-Verkleidung über Wände und Decken, man hatte den Eindruck, sich in einer autarken Kapsel zu befinden», schildert Kries. Dieses Konzept in Reinform führt 1969 in Orange, Rot und Violett die Kantine des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» vor, heute im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu bewundern. «Viele Designer befassten sich auch damit, wie man alle Funktionen, die man braucht zum Wohnen, in eine Minimalkapsel packen kann, auch so ein Einfluss der Raumfahrt.»

Doch die Party kann nicht ewig dauern, weder im Weltraum noch auf der Erde. Am 11. Dezember 1972 landet «Apollo 17» als bis heute letzter bemannter Besuch von der Erde auf dem Mond. Knapp ein Jahr später bricht weltweit die erste Ölkrise aus. Erdöl, wichtigste Grundlage für Kunststoff, wird drastisch teurer.

«Man verstand auf einmal, dass Technik und Kunststoffe eben doch nicht die Zukunft sind», beschreibt Kries diese Epochenwende. «Ab diesem Moment hört der Boom der großen, bunten Kunststoffmöbel auf einmal auf, es wird auf einmal mehr Holz verwendet, auch Kartonmöbel kommen in Mode.» Zeitgleich habe die Gesellschaft einen Umbruch erlebt - Studentenbewegung und Hippies waren plötzlich keine Nischenphänomene mehr. «Sie wurden zu einer Art Mainstream und lösten das Bunte, Poppige der 60er Jahre ab.»

Der Däne Jo Hammerborg, einer der führenden Lampendesigner des Space Age, erschafft 1973 einen der letzten der ikonischen Entwürfe: Die Esstischlampe «Milieu» (im Dänischen «Umwelt») sieht von Nahem aus wie ein rotglühendes Raketentriebwerk. Dass Hammerborg, dieser große Himmelsstürmer des Weltraumdesigns, 1982 ausgerechnet bei einem Fallschirmsprung stirbt, entbehrt nicht makabrer Konsequenz.

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