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documenta-Obelisk bleibt Politikum

Nachdem Abbau ist nur noch das Fundament des Obelisken in Kassel zu sehen. Foto: Swen Pförtner

Nachdem Abbau ist nur noch das Fundament des Obelisken in Kassel zu sehen. Foto: Swen Pförtner

Kassel/Berlin (dpa) - «Weg ist er», sagt Herbert Heinrich und blickt am Donnerstag ratlos über den Kasseler Königsplatz. An dem leeren Fleck vor ihm stand vor Kurzem eines der bekanntesten Kunstwerke der vergangenen documenta: der Obelisk des nigerianisch-amerikanischen Künstlers Olu Oguibe.

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion ließ die Stadt die 16 Meter hohe Säule abbauen, die sie eigentlich ankaufen wollte. Es sei schade um den Obelisken, erklärt der Rentner: «Er war eine Anlaufstelle, wo die Leute stehenbleiben und diskutieren.»

Das ist auch ohne Obelisk noch so. Immer wieder bilden sich kleine Grüppchen an der Absperrung. Unbekannte haben Blumen zwischen die Steine gesteckt. Dass das Kunstwerk die Meinungen spaltet, zeigen Diskussionen in sozialen Netzwerken. Einige freuen sich über den Abbau, andere sprechen von einer «hässlichen Botschaft» am Tag der Deutschen Einheit. Der Obelisk war ein Kunstwerk zum Thema Flucht.

Am Feiertag hatte Kassel das Kunstwerk abgebaut. Über ein Jahr nach dem Ende der weltweit bedeutendsten Ausstellung für moderne Kunst hatte man sich mit Oguibe nicht auf einen Standort einigen können. Der Künstler beharrte auf einem Verbleib des Werks in Kassels Zentrum. Die Stadt erklärte, den Platz freihalten zu wollen.

Der Obelisk ist nicht das erste Kunstwerk, das dort bei einer Nacht-und-Nebel-Aktion verschwindet: Im Jahr 2000 ließ die Stadt die umstrittene «Treppe ins Nichts» abreißen - obwohl das Urteil, das die Beseitigung erlaubte, noch nicht rechtskräftig war und zudem noch eine einstweilige Verfügung gegen den Abriss bestand.

Nun ist der Obelisk aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn. Die Stadt steht vor einem Dilemma: Das Kunstwerk ist eine Leihgabe. Sie kann damit nicht machen, was sie will. Deshalb sieht die Verwaltung den Künstler in der Pflicht. Die Entscheidung, was mit dem Kunstwerk geschehen soll, obliege Oguibe, heißt es. Der spielt den Ball zurück: Man erwarte nun, dass die Stadt auf Oguibe zugehe, sagte Oguibes Galerist, der Berliner Alexander Koch.

Eine Einigung, dass die Stadt den Obelisken nun doch mit den gesammelten 126.000 Euro Spenden kauft und an einem anderen Ort aufstellt, wäre theoretisch möglich. Doch der Abbau habe für das Verhältnis zwischen Künstler und Stadt schwerwiegende Folgen, glaubt Jörg Sperling, Vorsitzender des documenta forums in Kassel. Der Verein, den der documenta-Gründer Arnold Bode ins Leben rief, hat die Aufgabe, die Ausstellungsidee weiterzuentwickeln.

«Was da passiert ist, lässt sich nicht wieder gutmachen», sagt Sperling. Ob Oguibe jetzt einem neuen Standort des Obelisken in Kassel zustimme oder das Kunstwerk in die USA transportieren ließe, sei schwer einzuschätzen. Die «Vertreibung» des Obelisken beschädige das Ansehen der documenta-Stadt Kassel. Die Stadtgesellschaft stehe nun «vor den Trümmern des Mahnmals». Sperling sagt aber auch: Formal rechtlich gesehen sei der Abbau eine saubere Sache gewesen.

So gab es einen Beschluss der Stadtverordneten für einen Abbau, wenn man sich nicht mit dem Künstler einig wird. Allerdings waren zu diesem Zeitpunkt die Fronten verhärtet: Oguibe hatte einen Monat zuvor den Vorschlag der Stadt abgelehnt - das Stadtparlament stimmte für eine Lösung, die für den Künstler gar nicht zur Debatte stand.

Oguibe machte es Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) nicht leicht: Er verteidigte den Standort Königsplatz. Die Debatten, die sein Kunstwerk auslösten, freuten ihn: Es handele sich um «die lebendigste und wichtigste Debatte in der Stadt» seit Beuys, hatte Oguibes Galerist im Sommer gesagt. Das Kunstwerk «7000 Eichen» von Joseph Beuys war 1982 auch zunächst umstritten gewesen.

Seinen Obelisken einfach zurückzunehmen, wollte Oguibe auch nicht: «Wenn die Stadtoberhäupter ihn so lange leihen wollen, bis sie ihre Meinungsverschiedenheiten gelöst haben, können sie das das gerne tun», hatte er am Montag gesagt, nachdem eine von der Stadt gesetzte Frist verstrichen war. Was nun geschieht, wenn der Künstler sich nicht meldet, bleibt unklar. Die Stadt Kassel schwieg am Donnerstag dazu. Der Obelisk bleibt verschwunden. Wo das zerlegte Kunstwerk steht, wollte ein Stadtsprecher nicht verraten.

© WhatsBroadcast
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