Wie erkennt man ADHS bei Kindern und Jugendlichen? Und was ist ADHS?

„Jetzt setz Dich endlich mal ruhig hin!“ „Das hatten wir doch schon so oft besprochen.“ „Jetzt hör mir doch mal endlich zu!“ - Wie oft sagen Sie dieses oder Ähnliches zu Ihrem Kind? Bei unserem Medizin-Ratgeber in Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung des Saarlandes geht es in dieser Folge um das Thema ADHS im Kindesalter.
Konzentrationsstörungen sind eines der Hauptsymptome bei ADHS
Konzentrationsstörungen sind eines der Hauptsymptome bei ADHS
Konzentrationsstörungen sind eines der Hauptsymptome bei ADHS
Konzentrationsstörungen sind eines der Hauptsymptome bei ADHS

Wenn diese Sätze bei Ihnen zu Hause häufiger fallen und Sie dabei das Gefühl haben, dass es nie so richtig ankommt, dann könnte dies ein Hinweis sein, dass ihr Kind unter ADHS leidet. Natürlich hat nicht jedes Kind, das etwas unruhiger ist als andere Kinder, zwangsläufig ADHS.

Für Unruhe und Unkonzentriertheit gibt es viele andere Gründe, beispielsweise Veranlagung oder Belastungen durch Probleme wie z.B. Über- bzw. Unterforderung in der Schule. Kinder und Jugendliche mit ADHS unterscheiden sich aber von Gleichaltrigen hinsichtlich des Ausmaßes und der Stärke der Probleme.

Was bedeutet ADHS eigentlich?

ADHS steht für Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Störung. ADHS ist durch eine deutliche Beeinträchtigung in drei Kernsymptomen gekennzeichnet.

– eine erhebliche Aufmerksamkeitsstörung

Kinder mit einer beeinträchtigten Aufmerksamkeit machen häufig Flüchtigkeitsfehler bei Hausaufgaben oder anderen Arbeiten und sind nachlässig gegenüber Details. Sie scheinen nicht zu hören, was gesagt wird und sind empfänglich für äußere Reize/Ablenkung. Sie können Aufgaben schlecht strukturieren, sind vergesslich und verlieren häufig Gegenstände, die für bestimmte Situationen notwendig sind (z.B. Stifte, Sportzeug usw.).

– Störungen in der Impulskontrolle (Impulsivität)

Kinder mit beeinträchtigter Impulskontrolle handeln ohne nachzudenken. Sie sind ungeduldig und platzen ständig in Gespräche oder Spiele anderer hinein. Sie können nur schwer warten, bis sie an die Reihe kommen. Sie reden unüberlegt, viel und wechseln oft das Thema. Impulsive Kinder ordnen sich schlecht in eine Gemeinschaft ein und stören meist die geregelten Abläufe in Familie, Kindergarten und Schule.

– Hyperaktivität

Betroffene Kinder verhalten sich häufig ruhelos. Sie sind andauernd in Bewegung. Beim Lernen rutschen sie unruhig auf ihrem Stuhl herum, zucken mit den Beinen, klopfen mit den Fingern einen Takt auf dem Tisch oder greifen ständig nach herumliegenden Materialien.

Diese drei Kernsymptome treten immer früh in der Entwicklung auf, gewöhnlich in den ersten fünf Lebensjahren und sind in mehreren Lebensbereichen (z.B. Familie und Kindergarten) gleichzeitig zu beobachten. Typischerweise treten die Symptome stärker in solchen Situationen auf, in denen von den Kindern oder Jugendlichen eine längere Aufmerksamkeitsspanne erwartet wird, zum Beispiel im Unterricht, bei den Hausaufgaben oder bei den Mahlzeiten. Anzeichen der Probleme können in sehr geringem Maße oder gar nicht auftreten, wenn sich das Kind in einer neuen Umgebung befindet, wenn es nur mit einem Gegenüber konfrontiert ist oder wenn es sich seiner Lieblingsaktivität widmet, selbst wenn diese in vermehrtem Maß Aufmerksamkeit erfordert (z.B. Computer- oder Legospiel).

Eine Variante – ADS – steht für Aufmerksamkeitsdefizitstörung und ist eine Unterform von ADHS und zeigt sich vorwiegend als eine Schwäche in der Konzentration, während keine Probleme mit der Impulsivität oder starker Unruhe vorhanden sind.

Wie häufig ist denn ADHS bei Kindern?

ADHS ist eine der häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter. Eine Meta-Analyse (Zusammenstellung und Bewertung der verfügbaren internationalen Studien, die bestimmten Anforderungen genügen) kommt zu dem Ergebnis, dass weltweit ca. 5% der Kinder und Jugendlichen von ADHS betroffen sind. Auch in Deutschland schätzen Experten die Anzahl der ADHS-Patienten in der Altersgruppe von 6-18 Jahren auf ungefähr 5%, das entspricht etwa 500.000 Betroffenen. Jungen sind 3- bis 6-mal häufiger betroffen als Mädchen. Es wird jedoch angenommen, dass bei Mädchen die Dunkelziffer vermutlich hoch ist, denn gerade bei ihnen besteht die Aufmerksamkeitsstörung oft ohne Anzeichen eines übersteigerten Bewegungsdrangs. Man glaubte lange, dass ADHS eine Störung ist, die ausschließlich in der Kindheit auftritt. Heute weiß man, dass etwa 30% der Kinder mit unbehandelter ADHS auch im Erwachsenenalter noch unter der Symptomatik leiden.

Und wenn ich nicht sicher bin, ob mein Kind ADHS hat?

Eine frühzeitige Abklärung, eine verständnisvolle, gut informierte Umwelt und individuelle Therapiemaßnahmen können helfen, den betroffenen Kindern und ihren Eltern ein normales Leben zu ermöglichen. Eine verlässliche Diagnostik der ADHS ist deshalb von großer Bedeutung. Sie benötigt Zeit und muss die Symptome präzise erfassen. Kinderärzt*innen, Kinderpsychiater*innen, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen sowie Psychotherapeut*innen, die sich auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen spezialisiert haben, können Ihnen eine erste Orientierung geben, die Schwierigkeiten Ihres Kindes einschätzen und Sie gemeinsam zu Behandlungsmöglichkeiten und weiteren Hilfen beraten.

Was können wir als Eltern tun?

Den Eltern verlangt das Diskutieren, Strukturieren, An-alles-erinnern, Streitigkeiten schlichten einiges ab. Oft ist für sie auch der soziale Druck nicht einfach, wenn Außenstehende das kindliche Verhalten schnell als „ungezogen“ verurteilen. Eltern, aber auch pädagogische Fachkräfte geraten im Umgang Kindern, die ADHS-Symptome aufweisen, häufig in einen typischen Teufelskreis, weil das Kind häufig erfährt, dass sein unerwünschtes Verhalten – wenn auch negative – Beachtung findet.

Um diesem entgegenzuwirken haben sich Folgendes bewährt:

– Der Blick auf die Stärken!

Das Wichtigste vorweg: Machen Sie Ihrem Kind deutlich, dass Sie es genauso lieben, wie es ist. Das bedeutet auch, ADHS als Teil Ihres Kindes anzunehmen und zu akzeptieren. Da ist es oft hilfreich, sich die Stärken einmal bewusst zu machen. Erfolgserlebnisse und Bestätigung sind für Kinder mit ADHS (und ihre Eltern!) besonders wichtig.

Erstellen Sie sich am besten eine Liste, auf der Sie gezielt die positiven Eigenschaften Ihres Kindes aufzählen. Auch wenn Sie ein schwieriges Kind mit ADHS haben, werden Sie sicher auch viele positive Seiten an ihm finden. Ist ihr Kind beispielsweise sehr hilfsbereit und hilft es kleineren Kindern/Geschwistern auf dem Spielplatz an der Rutsche, so sollten Sie Ihr Kind darin bestärken, und loben. Achten Sie jeden Tag verstärkt auf die Kleinigkeiten und Selbstverständlichkeiten, die problemlos ablaufen.

Sprechen Sie Ihr Kind immer wieder gezielt auf diese positiven Verhaltensweisen an und freuen Sie sich mit ihm darüber. Die sogenannten „Schwächen „eines ADHS Kindes haben immer auch eine positive Seite! So unkonzentriert wie ADHS-Kinder sein mögen, es sieht ganz anders aus, wenn sie sich für ein Thema begeistern. Dann sind sie unermüdlich bei der Sache! Sie haben eine reiche Innenwelt und finden häufig kreative, ungewöhnliche Lösungen, auf die andere nicht gekommen wären.

– Stellen Sie klare Regeln auf und loben Sie ihr Kind!

Oft fällt es schwer, konsequent Erziehungsregeln zu formulieren und dem Kind gegenüber durchzusetzen. Dabei ist genau das bereits eine große Hilfe im Alltag von Familien mit einem ADHS-Kind und trägt sehr zur Entlastung aller Familienangehörigen bei. Deshalb loben sie ihr Kind, wenn es diese einhält. Bedenken Sie, dass genau das ja einem Kind mit ADHS sehr schwerfällt.

– Tauschen Sie sich mit Betroffenen aus!

Nach der Diagnose ADHS fühlen sich Eltern oft alleingelassen. Wer in so einer Situation ist, dem kann der Austausch mit anderen Betroffenen helfen. Die Webseiten von ADHS-Selbsthilfegruppen bieten Betroffenen die Gelegenheit zum gegenseitigen Austausch und zum besseren Verständnis dessen, was die Diagnose ADS beziehungsweise ADHS bedeuten kann.
http://www.adhs-deutschland.de/

Kinder, die an ADHS leiden, haben häufig einen großer Bewegungsdrang

Kinder, die an ADHS leiden, haben häufig einen großer Bewegungsdrang

Wo bekommt mein Kind Hilfe?

Für Kinder mit ADHS-Symptomatik ist in der Regel eine Verhaltenstherapie erstes Mittel der Wahl. Eine medikamentöse Behandlung kann bei mittelgradig oder schwer ausgeprägter Symptomatik therapiebegleitend in Erwägung gezogen werden. Das sollte allerdings immer eine Entscheidung im Einzelfall sein und unter Abwägung möglicher Nebenwirkungen (wie z.B. Appetitlosigkeit, Übelkeit, Wachstumsstörungen) sorgfältig gemeinsam mit den Eltern, dem Kind und den beteiligten Behandelnden abgesprochen werden.

Auch können unterstützend weitere Maßnahmen wie Ergotherapie zur Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit hilfreich sein. Inhalte der Verhaltenstherapie sind unter anderem Hilfestellungen für Ihr Kind, sich besser an Regeln zu halten, soziale Fähigkeiten zu verbessern und eine bessere Impulskontrolle zu entwickeln. Viele Kinder mit ADHS leiden stark darunter, dass sie „anecken“, weshalb auch Selbstwertaufbau sehr wichtig ist.

Entscheidend ist es, die Behandlung ganz individuell anzupassen und außer der Familie auch das nähere soziale Umfeld – soweit erforderlich – aufzuklären, um sie in die Behandlung einzubeziehen. Familie, Kita oder Schule können dem Kind und Jugendlichen nämlich entscheidend helfen, das Leben besser zu meistern.
Unter www.psychinfo.de können Sie gezielt nach Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen oder nach Psychologischen Psychotherapeut*innen, die auch Kinder und Jugendliche behandeln, in Ihrer Nähe suchen.

Sie wollen sich weiter informieren?

Hier finden Sie zahlreiche Informationen rund um das Thema ADHS für Eltern & Angehörige von Kindern und Jugendlichen mit ADHS – schauen Sie doch rein unter:
https://www.adhs.info/
Scheuen Sie sich nicht, sich Unterstützung zu holen, denn: „Nicht das Kind soll sich der Umgebung anpassen. Sondern wir sollten die Umgebung dem Kind anpassen.“ (Maria Montessori)

Dipl. Psychologin Susanne Münnich-Hessel

Susanne Münnich-Hessel ist niedergelassene Psychotherapeutin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene und ist Vizepräsidentin der Psychotherapeutenkammer des Saarlandes. Mehr unter:  verhaltenstherapie-saar.de.

Dieser Beitrag erscheint in Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung des Saarlandes. Mehr unter: www.kvsaarland.de