Heute vor 35 Jahren: Als Manfred Baumgärtner den letzten Hochofen in Völklingen abschaltete

Es war ein historischer Handgriff. Er legte den Schalter um und der letzte Hochofen der Völklinger Hütte erlosch. 35 Jahre ist das her – aber Manfred Baumgärtner erinnert sich noch ganz genau.

Manfred Baumgärtner steht im Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Er legt 1986 den letzten Schalter um, der den Betrieb der Völklinger Hütte beendete. Foto: dpa-Bildfunk/Oliver Dietze
Manfred Baumgärtner steht im Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Er legt 1986 den letzten Schalter um, der den Betrieb der Völklinger Hütte beendete. Foto: dpa-Bildfunk/Oliver Dietze

4. Juli 1986

Es ist ein Moment im Leben, den Manfred Baumgärtner nie vergisst: Am 4. Juli 1986 (also vor 35 Jahren) um 12.30 Uhr schaltet er den letzten Hochofen der Völklinger Hütte ab – und mehr als 100 Jahre Roheisenproduktion sind Geschichte. „Ich habe den Hebel umgelegt und so den Wind abgestellt“, erzählt Baumgärtner, der damals im Leitstand des Hochofens Tagdienst hatte. „Das war wie immer. Wie tausendmal sonst so. Nur mit der Gewissheit, der Ofen fährt nie mehr an.“

„Hochöfner mit Leib und Seele“

Man habe ja schon lange zuvor gewusst, dass die Völklinger Hütte stillgelegt werde, erinnert sich der heute 78-Jährige. „Nur so richtig geglaubt hat man es nicht. Man begreift so was nicht.“ Ja, es sei ein trauriger Tag für ihn gewesen. „Ich war Hochöfner mit Leib und Seele.“ Für den damals 44-Jährigen hieß es dann zunächst: Urlaub abfeiern, dann Kurzarbeit und schließlich Frührente.

Heute Weltkulturerbe

Baumgärtner ist der Hütte bis heute treu geblieben: „Für mich war es das größte Glück, dass die Hütte 1994 dann Weltkulturerbe geworden ist“, sagt er. Denn seitdem ist er Besucherbegleiter, gibt Führungen und bildet andere Begleiter:innen aus. „Ich habe vor Corona mehrere hundert Führungen im Jahr gemacht.“ Rund 200.000 Menschen im Schnitt zählte das weltweit einzig erhaltene Eisenwerk aus dem Industriezeitalter in vor der Corona-Krise. Erzschrägaufzug, Gebläsehalle, Sinteranlage – all das kann besichtigt werden.

Mit 14 Jahren Arbeitsbeginn

„Wir haben früher hier am Tag 6.000 bis 7.000 Tonnen Roheisen gemacht“, erzählt Baumgärtner. Mehr als 17.000 Menschen hätten in den 1970er Jahren auf der Anlage gearbeitet. Er selbst habe im Alter von 14 Jahren dort angefangen. „Zu der Zeit war das so. Da ist man acht Jahre in die Schule gegangen, und dann ist man auf die Hütte.“ Er habe erst einen Grundlehrgang zum Schlosser gemacht und sich immer weiter hochgearbeitet.

Bis in den Leitstand

Abendschule, dann Industriemeister mit Fachrichtung Hochofen – bis in den Leitstand. „Der Leitstand war zuständig für die Überwachung und Steuerung der Hochöfen. Das ist praktisch wie der Pilotensitz im Flugzeug“, erklärt der Saarländer. „Pro Schicht ein Mann.“ Insgesamt habe es sechs Hochöfen gegeben.

Heute Jubiläumsführung

Baumgärtner kann von seinem Wohnzimmerfenster aus die Hütte sehen. „Genau wie früher, nur dass es nicht mehr so qualmt und nicht mehr so schmutzig ist.“ Am 4. Juli wird er die zentrale Jubiläumsführung (12.30 Uhr) machen. „Wir haben noch drei Leute, die ehemalig auf der Hütte aktiv waren. Davon bin ich der einzige Hochöfner.“

Nach Angaben des Weltkulturerbes wird es an dem Tag weitere Führungen geben, auch von einem Kulturwissenschaftler. Zudem könne im einstigen Roheisenkanal zur Musik der 1980er Jahre Rollschuh (15.00 bis 17.00 Uhr) gefahren werden. Man muss sich seine Rollschuhe aber mitbringen, teilt die Völklinger Hütte mit.

Warum Rollschuhe? Dies geschieht in Anspielung auf „die Kultur der Rollerdisco„, die sich in den Fotos einer derzeit dort laufenden Ausstellung „1986. Zurück in die Gegenwart“ mit den Fotografien von Michael Kerstgens zeigt. Er hatte die Freizeitkultur des Jahres im Bild festgehalten: Sport, Konzerte und Tanzveranstaltungen – unter anderen den zweiten Wimbledon-Sieg von Boris Becker, „Workouts“ von Jane Fonda und Eindrücke eines neuen Lebensgefühls.

Verwendete Quellen:
– Deutsche Presse-Agentur