Wie Lokführer in einem Simulator in Saarbrücken Energiesparen lernen

Einmal im Jahr müssen Lokführer:innen ihr Können überprüfen lassen. Allerdings nicht in einem Zug mit der Aufschrift "Fahrschule", sondern in einem Simulator. Auch Energiesparen lässt sich da üben.
Andreas Lutz steuert im DB-Simulator einen Zug. Foto: picture alliance/dpa | Oliver Dietze
Andreas Lutz steuert im DB-Simulator einen Zug. Foto: picture alliance/dpa | Oliver Dietze

Trainingssimulator der Deutschen Bahn in Saarbrücken

Als Lokführer Andreas Lutz seine Fahrt beginnt, ist gerade die Sonne aufgegangen und strahlt die Wolken am Horizont an. Üblicherweise befördert der 28-Jährige Roheisen und Stahl im saarländischen Güterverkehr, jetzt ist er im Personenverkehr irgendwo zwischen Löwenberg und Jungingen unterwegs. Immer wieder hält er an und befolgt die Anweisungen, um Fahrgäste zusteigen zu lassen. Doch etwas ist anders bei dieser Tour. Das Fenster neben ihm ist schwarz. Auch, wenn der Führerstand identisch mit dem ist, auf dem er sonst arbeitet, Lutz befindet sich in einem Trainingssimulator der Deutschen Bahn in Saarbrücken.

Einmal im Jahr muss jede:r Triebfahrzeugführer:in zwei Stunden an einem der zwölf Simulator-Standorte bundesweit verbringen, um Übungsfahrten zu absolvieren und eine Prüfung abzulegen. „Wie an einem Flugsimulator müssen die Lokführer ihr Wissen unter Beweis stellen und zeigen, dass sie es immer noch sicher anwenden können“, sagt Arbeitsgebietsleiter Ulrich Pietsch.

Bis zu 900 Prüfungen und Schulungen im Jahr

Und der Bedarf ist groß: Um die Nachfrage der Deutschen Bahn und anderer Eisenbahnunternehmen aus Deutschland, Frankreich, Luxemburg und Belgien zu stillen, ist der Simulator am Saarbrücker Hauptbahnhof täglich von 6.30 bis 22.30 Uhr in Betrieb – auf Wunsch von Kund:innen auch zwei Stunden länger. Rund 800 bis 900 Lokführer:innen werden so im Jahr in Saarbrücken geschult und geprüft. Und die Termine sind „über Jahre“ ausgebucht, wie der Saarbrücker Instruktor Ulf Lorenz berichtet.

So sieht der Simulator in Saarbrücken von außen aus. Foto: picture alliance/dpa | Oliver Dietze

Wie Lokführer Energiesparen lernen

Bei den Stunden am Simulator stehen jedoch nicht nur Regelwerk, Kommunikation, Sicherheit und das Üben von unvorhergesehenen Situationen im Mittelpunkt. Mehr denn je legen die Kund:innen heute auch Wert auf energiesparendes Fahren. Dafür können sie extra Schulungen buchen. Dabei fährt die Lokführerin beziehungsweise der Lokführer im Simulator zweimal dieselbe Strecke – einmal so, wie man sie immer fahren würde, das nächste Mal dann, nachdem ein:e Instruktor:in zuvor entsprechende Tipps gegeben hat, wie sich Energie sparen lässt. Etwa, indem man den Zug früher abschaltet und ihn einfach mal rollen lässt.

Auch das Bremsen spielt eine große Rolle, vor allem, weil es auf den Strecken oft starke Steigungen und Gefälle gibt. „Um solch einen Zug auf derselben Geschwindigkeit zu halten, benutzt man nur die elektrische Bremse“, erläutert Pietsch. Die dadurch erzeugte Energie werde in die Oberleitung zurückgespeist und könne anderen Zügen zur Fortbewegung dienen. „So kann man trotzdem pünktlich und sicher fahren und noch dazu richtig wirtschaftlich.“ Der Erfolg der Schulung ist direkt ablesbar: Zwischen der ersten und zweiten Fahrt, so Lorenz, seien Energieeinsparungen von bis zu 25 Prozent üblich.

Energiesparen auch Thema bei Ausbildung

Die Devise „sicher, pünktlich und wirtschaftlich“ ist nicht neu bei der Deutschen Bahn. Das energiesparende Fahren sei längst in die Ausbildung integriert. Bundesweit lernen Lokführer:innen seit 2002, wie sie mithilfe von Fahrassistenzsystemen und einfachen Tricks einen Beitrag zum Ressourcenschutz leisten können. Bis zu zehn Prozent Energie ließen sich laut Bahn seitdem dadurch sparen. Allein auf der Strecke München-Hamburg seien dies pro Tour 1.300 Kilowattstunden – so viel, wie ein Einpersonenhaushalt durchschnittlich im Jahr verbrauche.

Einfach mal rollen lassen

Je schneller ein Zug die erlaubte Höchstgeschwindigkeit erreicht, desto mehr Fahrzeitreserven lassen sich für das Energiesparen gewinnen. So kann der Zug über weite Strecken ausrollen, ohne viel Tempo zu verlieren. So sei es etwa möglich, auf der Strecke von Stuttgart nach Mannheim schon 50 Kilometer vor Mannheim die Leistung abzuschalten und dennoch exakt nach Plan in den Bahnhof einzufahren. Beim Ausrollen werde die größtmögliche Einsparung erzielt.

Der Simulator hilft zudem, sich auf unvorhergesehene Ereignisse einzustellen – etwa, wenn ein vorausfahrender Zug nach einem technischen Defekt auf der Strecke liegengeblieben ist. „Wir hören sehr oft von Kunden, dass wir so etwas simulieren und durchspielen sollen“, schildert Pietsch. Der Vorteil: „Wenn dann solch eine Situation bei der Schicht wirklich einmal passieren sollte, kann der Lokführer auf sein Wissensrepertoire zurückgreifen und ist handlungssicher.“

Nur wenige Prüfungswiederholungen

Grundsätzlich seien die Lokführer alle sehr gut ausgebildet. „Das ist bei uns im Simulator nur eine Art Nachschärfung“, meint Pietsch. Nur etwa drei Prozent der Teilnehmer:innen müssen nach Angaben von Lorenz die Prüfungsfahrt wiederholen. Sie erhalten die Chance, bei einer zweiten Tour die Fehler auszubessern. „Sollte das nicht reichen, werden sie auf die Schwerpunkte nachgeschult, die schiefgelaufen sind.“

GDL: Simulatoren nicht genug genutzt

Auch die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) betrachtet die Nutzung von Simulatoren mittlerweile „als eine anerkannte Regel der Technik und wesentlichen Beitrag für die Aufrechterhaltung und auch Erhöhung der Sicherheit im Bahnbetrieb“. Vor allem bei Problemen sei eine deutlich größere Wissens- und vor allem Handlungspalette vom Lokomotivführer:innen gefordert.

Angesichts von zwei Stunden jährlich würden Simulatoren aber nicht genug genutzt. Vor allem fehle es an sinnvoll verbundenen Fortbildungsmaßnahmen von größerer Nachhaltigkeit – einer Bildungswoche, sagt der GDL-Vorsitzende Claus Weselsky. „So erstaunt es auch nicht, wenn viele Lokomotivführer die Zeit am Simulator dann auch noch – teils mit einer prüfungsähnlichen Fahrt verbunden – vor allem als Stresssituation empfinden.“

Andreas Lutz wirkt gelassen, als er an diesem Tag auf dem künstlichen Führerstand im Einsatz ist. „Klar geht man hier rein und weiß, dass man quasi in einen Computer geht“, gibt er zu. „Aber man verliert relativ schnell den Gedanken, dass es eine Simulation ist und fühlt sich schnell als Lokführer direkt heimisch.“ So heimisch, dass er selbst im Simulator, wenn ihm ein Zug auf der fiktiven Strecke entgegenkommt, das macht, was er auch im realen Zugbetrieb machen würde: Er winkt Kolleg:innen zu.

Verwendete Quellen:
– Deutsche Presse-Agentur