„Kann kein Dauerzustand sein“: Mehr Patienten in Notaufnahmen

Viele ärztliche Bereitschaftspraxen sind seit Anfang des Jahres weniger geöffnet. Das macht sich in vielen Notaufnahmen von Kliniken bemerkbar. Diese stehen unter hohem Belastungsdruck:
Höheres Patientenaufkommen belastet viele Krankenhäuser. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa-Bildfunk
Höheres Patientenaufkommen belastet viele Krankenhäuser. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa-Bildfunk

In vielen Krankenhäusern in Rheinland-Pfalz drängen zurzeit deutlich mehr Patient:innen in die Notaufnahmen. Der Grund: Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) hat seit Jahresbeginn die Öffnungszeiten der ärztlichen Bereitschaftspraxen erheblich reduziert und sieben Anlaufstellen komplett geschlossen. Das führt dazu, dass Patienten vermehrt die Notaufnahmen ansteuern. „Das ist schon eine große Belastung. Das kann kein Dauerzustand sein, da hier wertvolle Zeit für die Behandlung von Notfallpatientinnen verloren geht“, sagte der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Rheinland-Pfalz, Andreas Wermter, in Mainz der Deutschen Presse-Agentur.

Öffnungszeiten der Bereitschaftspraxen enorm reduziert

Klar sei: Wer medizinische Versorgung bräuchte, bekomme sie dort auch. Man stelle aber fest, dass die Notaufnahme im Krankenhaus von jenen Patient:innen häufig aufgesucht werde, um „nur“ ein Rezept oder eine Krankmeldung zu besorgen.  Diese würden die Notaufnahmen aber in der Regel gar nicht ausgeben. Seit 1. Januar haben die ärztlichen Bereitschaftspraxen nachts zu. Auch montags, dienstags und donnerstags ist geschlossen. Mittwochs, freitags, an Wochenenden und an Feiertagen gelten reduzierte Zeiten.

Patienten steuern jetzt direkt Notaufnahme an – auch ohne Notfall

Im Klinikum Idar-Oberstein merkt man die Auswirkung deutlich. Im Januar seien 430 Patient:innen mehr in der Notaufnahme behandelt worden, sagte der ärztliche Direktor des Klinikums, Ulrich Frey. „Das ist ein Zuwachs von 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.“ Etliche Patienten und Patientinnen würden auch sagen: „Wir wollten eigentlich in die Bereitschaftspraxis, aber die ist ja zu und deswegen kommen wir zu Ihnen.“

Behandlungskapazitäten für ernsthafte Notfälle in Gefahr

Das Mehr an Patient:innen sei eine zusätzliche Belastung für die Notaufnahme. „Wir gehen davon aus, dass das so bleiben wird, wenn sich nichts ändert.“ Hinzu komme, dass im Krankenhaus keine sachgerechte Vergütung der ambulanten Leistungen erfolge.  Daher forderte er von der KV, die Öffnungszeiten der Bereitschaftspraxen wieder auszuweiten. Oder kürzere Öffnungszeiten mit mehr Vorlauf vorzubereiten, dass „notwendige Ressourcen“ aufgebaut werden könnten. „Aber so ist das für alle Beteiligten unbefriedigend“, sagte Frey.

Das Marienhaus Klinikum in Mainz hat im Januar auch rund 20 Prozent mehr Patient:innen registriert. Diese kämen „annähernd ausschließlich mit Bagatellerkrankungen“ wie Erkältungen oder Durchfallerkrankungen, teilte eine Sprecherin mit. „Diese Patient:innen konkurrieren leider um Behandlungskapazitäten echter Notfälle und verbrauchen unnötige, für das Krankheitsbild oftmals nicht notwendige Personal- und Zeitressourcen.“

Für „kleinere“ Notfälle an die niedergelassenen Ärzte wenden

Der ärztliche Leiter der Notaufnahme des Klinikums Mutterhaus in Trier, Daniel Stefka, sagte: „Wir behandeln keine Bagatellen, sondern Schwerkranke.“ Wenn ein Patient:innen also das Gefühl habe, seine Krankheit sei so schwer, dass er damit im Krankenhaus stationär behandelt werden müsse, dann sei er in der Notaufnahme richtig. Aber Patienten, die vielleicht keinen raschen Termin bei Facharzt bekommen oder deren Rezept ausgelaufen ist: „Für diese Anliegen sind die niedergelassenen Ärzte zuständig.“

Trier: Bis zu 100 Fälle in der Notaufnahme täglich

Jene Patient:innen, die auch schon vorher kamen, seien mit der Änderung mehr geworden, sagte Stefka. Um wie viel könne er nicht sagen. „Aber die große Masse an Patienten und Patientinnen, die die Bereitschaftsdienstzentrale immer versorgt hat, die ist nicht eins zu eins gekommen.“ Aber: Für uns ist jeder Patient, der dazu kommt, viel. Wir sind ohnehin schon bis oben ausgelastet.“ Am Tag gebe es 60 bis 100 Fälle in der Notaufnahme.

Gerade nachts höheres Patientenaufkommen

Auch im nördlichen Rheinland-Pfalz sind die Folgen spürbar. „An fast jedem unserer fünf Standorte ist das Patientenaufkommen gestiegen, dies insbesondere in der Nacht„, teilte eine Sprecherin des Gemeinschaftsklinikums Mittelrhein mit. Das Unternehmen betreibt Krankenhäuser in Koblenz, Mayen, Boppard und Nastätten. „Um auch weiterhin die bestmögliche Versorgung zu gewährleisten, musste sogar teilweise Personal in der Nacht aufgestockt werden, was in Zeiten von anhaltendem Fachkräftemangel eine Herausforderung ist.“

Weitere Krankenhäuser berichten ähnliches

Das Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz berichtet von ähnlichen Erfahrungen. „Auch in unserem Hause war ein deutlich spürbarer Effekt durch ein gestiegenes Patientenaufkommen in unserer Notaufnahme wahrzunehmen“, teilte ein Sprecher mit. „Im Vergleich zu Januar letzten Jahres waren es ungefähr 20 Prozent mehr Patient:innen – dies sicherlich zumindest anteilig aufgrund der aktuellen Situation.“

Wermter von der Krankenhausgesellschaft, die Kliniken an 90 Standorten in Rheinland-Pfalz vertritt, ärgert es, dass es immer die Krankenhäuser sind, die am Ende einspringen müssen. „Das ist ähnlich wie bei Corona. Man trifft Entscheidungen und die Krankenhäuser werden nicht gefragt, sie müssen einfach reagieren.“

Bessere Ausstattung in jeglicher Hinsicht gefordert

Wenn die Verantwortlichkeit von der KV tatsächlich auf die Kliniken übergehen sollte: „Dann muss man uns auch sachlich, räumlich, personell und finanziell besser ausstatten“, sagte er weiter. „Es kann nicht sein, dass wir die Aufgaben ständig als eine Art Lückenbüßer übernehmen und am Ende nichts dafür bekommen.“ Das Gesundheitsministerium in Mainz müsste darauf hinwirken, dass die KV ihre gesetzliche Pflicht erfülle.

Grund für die Reduzierung ist ein gerichtliches Urteil

Die KV hatte mit der Reduzierung der Bereitschaftsdienste auf ein Urteil des Bundessozialgerichts vom vergangenen Oktober reagiert. Demnach unterliegen freiberuflich tätige Poolärzte der Sozialversicherungspflicht. Die KV befürchtete dadurch eine massive finanzielle Mehrbelastung von Praxen. Neu ist, dass in Randzeiten auch ein Hausbesuch durch eine Ärztin oder einen Arzt möglich wird – über die Patientennummer 116117.

Verwendete Quelle:
– Deutsche Presse-Agentur