Corona-Zahlen auf Rekordwert: Kommt jetzt die sechste Welle?

Noch vor einem Monat sanken die Corona-Zahlen, überall gibt es Lockerungen und die Menschen sind der Pandemie allgemein überdrüssig. Spätestens mit dem Kriegsbeginn in der Ukraine hat die Aufmerksamkeit für das Thema nachgelassen. Allerdings ist das Virus nicht verschwunden - im Gegenteil erreichen die Zahlen wieder Rekordwerte.
Die Corona-Zahlen für das Saarland findet ihr bei SOL.DE. Foto: Christian Charisius/dpa-Bildfunk
Die Corona-Zahlen für das Saarland findet ihr bei SOL.DE. Foto: Christian Charisius/dpa-Bildfunk

Die Sieben-Tage-Inzidenz der Corona-Neuinfektionen ging seit Mitte Februar langsam, aber stetig bergab. Nun dreht sich der Wind: Seit etwa einer Woche steigen die Zahlen. Am Donnerstag (10. März 2022) meldete das Robert Koch-Institut (RKI) eine Rekordzahl von 262.752 neuen Fällen innerhalb von 24 Stunden. Die Inzidenz kletterte auf 1.388,5. Kommt nun die sechste Welle? Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Ist das der Beginn einer sechsten Welle?

Ja, glaubt der Bioinformatiker Lars Kaderali von der Universität Greifswald. Schuld für den aktuellen Anstieg seien wohl der noch ansteckendere Omikron-Subtyp BA.2 in Kombination mit den Lockerungen. Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, glaubt, die Entwicklung sei eher ein „Höcker“ in der Kurve als eine neue Welle. Auch der Epidemiologe Hajo Zeeb spricht von einer „nie ganz abgeflauten 5. Welle“. Unabhängig davon, wie man es nennen mag: Der Rückgang der Fallzahlen ist vorerst zu Ende. Das ist keine Überraschung. Modelle des Forscherteams um Kai Nagel von der Technischen Universität (TU) Berlin hatten den erneuten Anstieg bereits prophezeit.

Wieso steigen die Inzidenzen überhaupt wieder?

Viele Bundesländer haben zuletzt die Corona-Regeln deutlich gelockert. So sind etwa 3G-Nachweise in Geschäften und Museen nicht mehr nötig. Vielerorts sind die Kontaktbeschränkungen gefallen. Darüber hinaus dürfte der ansteckendere Omikron-Subtyp BA.2 in Deutschland mittlerweile verbreiteter sein als sein Vorgänger BA.1. „Gleichzeitig herrscht bei vielen Menschen ein ‚Corona-ist-vorbei‘-Gefühl„, so Watzl. Die Menschen erlaubten sich wieder mehr, träfen such in größeren Gruppen. „Das macht es dem Virus natürlich leichter, wieder mehr Menschen anzustecken.“

Wie wird sich das Geschehen weiter entwickeln?

Die Zahlen dürften in den kommenden Wochen weiter steigen. „Bei uns im Modell ist der Scheitelpunkt der BA.2-Welle ungefähr Anfang April„, meint Nagel. Ab diesem Punkt werden die Inzidenzen eher langsam sinken und bis in den Sommer auf einem höheren Niveau bleiben als 2021, vermutet Watzl. „Einstellige Inzidenzen bekommen wir diesen Sommer nicht.“ Im besten Fall verlaufe die Pandemie wie in Dänemark, erklärt Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. Dort hatte sich BA.2 schon früher ausgebreitet als hierzulande. Die Zahlen seien dabei nur recht kurzfristig wieder angestiegen und zeigen seitdem einen deutlichen Abwärtstrend.

Ist die momentane Entwicklung besorgniserregend?

„Wir müssen nicht jede Infektion verhindern“, meint Watzl. Das momentane Geschehen habe aus immunologischer Sicht sogar seine guten Seiten: „Alle, die geimpft sind und jetzt eine Durchbruchinfektion bekommen, sollten im kommenden Winter vergleichsweise gut geschützt sein.“ Ungeimpfte und immungeschwächte Menschen, die sich nicht impfen lassen können oder bei denen eine Impfung nicht gut wirkt, seien dagegen eher gefährdet. „Diese Leute werden bei hohen Inzidenzen natürlich eher erreicht.“

Wie ist die Lage in den Krankenhäusern?

Die Belastung der Krankenhäuser fiel in der Omikron-Welle trotz hoher Fallzahlen deutlich geringer aus als in früheren Wellen. Grund ist der meist milde Verlauf. „In vielen Kliniken ist die Omikron-Welle eher eine organisatorische Herausforderung als eine medizinische“, so Watzl. Infektionen würden häufig auch bei Patient:innen festgestellt, die aus anderen Gründen ins Krankenhaus gekommen seien. „Diese Patienten müssen dann natürlich trotzdem isoliert werden, auf speziellen Isolierstationen oder in eigenen Zimmern auf den normalen Stationen.“ Das binde Personal und Betten. Und natürlich bleiben auch Ärzt:innen und Pflegekräfte nicht vor Corona verschont. Auch ein hoher Personalausfall kann dann zur Überlastung der Kliniken führen.

Wie sieht es auf den Intensivstationen aus?

„Wir haben die Lage […] mit Blick auf die Versorgung und Behandlung der Covid-Patienten derzeit im Griff“, erklärt Gernot Marx, Präsident der Intensivmediziner-Vereinigung Divi. Derzeit lägen etwa 2.000 Patient:innen wegen eines schweren Verlaufs auf den Intensivstationen. Trotz steigender Zahlen sei die Tendenz fallend. Mit dem Frühlingsanfang seien – auch saisonal bedingt – Lockerungen möglich, ohne die Versorgung von Schwerstkranken oder Notfallpatient:innen zu gefährden. Auch Modelle rechnen nicht mit neuen Höchstwerten bei der Belastung der Intensivstationen oder Todeszahlen. Laut WHO habe Beobachtungen zufolge die Schwere der Krankheit beim Subtyp BA.2 im Vergleich zu BA.1 nicht zugenommen, obwohl Tierversuche dies suggeriert hatten.

Was ist nun zu tun?

Obwohl die Inzidenzen steigen, stehen derzeit weitere Lockerungen an: Zum 20. März sollen einem Bund-Länder-Beschluss nach die meisten Corona-Beschränkungen wegfallen. Es bleibt ein „Basisschutz“. Dies sei aufgrund der entspannten Lage in den Kliniken vertretbar, so Lars Kaderali. „Man sollte aber nur vorsichtig lockern und nur mit der Option, wieder zurückzugehen, wenn man merkt, dass das zu viel wird.“

Weiterhin notwendig seien grundsätzliche Schutzmaßnahmen wie Masken in Innenräumen und ÖPNV, meint Epidemiologe Zeeb. „Es geht auch darum, nicht erneut ältere Menschen in Heimen den Infektionsrisiken auszusetzen, hier muss auf jeden Fall auch weiter getestet werden.“ Im privaten Bereich sei gesunder Menschenverstand gefragt, so Immunologe Watzl. „Es ist ein Unterschied, ob sich junge, gesunde Leute in größerer Gruppe treffen, oder ob ich zur Familienfeier mit Oma und Opa fahre.“

Verwendete Quellen:
– Deutsche Presse-Agentur