Realität oder Paranoia: Wie unsicher ist Saarbrücken bei Nacht denn nun wirklich?

Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD), aktuell im Wahlkampf, wirbt auf ihrem Facebook-Account für das angesagte Nachtleben in Saarbrücken. Glaubt man den Kommentaren darunter, sollte man die Stadt aber nach 22 Uhr tunlichst meiden. Ist das so? Kriminalstatistik und eine Studie sagen: (Wahrscheinlich) mehr Drama als Realität.

Charlotte Britz auf Facebook: "Wer Saarbrücken bei Nacht entdeckt und kennenlernt, versteht, warum junge Leute aus Mainz, Trier, Nancy oder Metz in unsere Stadt kommen, um in den angesagten Clubs der Innenstadt oder am Silo zu feiern." Screenshot: facebook.com/Charlotte.Britz.de
Charlotte Britz auf Facebook: „Wer Saarbrücken bei Nacht entdeckt und kennenlernt, versteht, warum junge Leute aus Mainz, Trier, Nancy oder Metz in unsere Stadt kommen, um in den angesagten Clubs der Innenstadt oder am Silo zu feiern.“ Screenshot: facebook.com/Charlotte.Britz.de

Charlotte Britz steht lächelnd vor dem Silo im Saarbrücker Osthafen. Derzeit eine der angesagtesten Locations der Stadt. Sonnenschein. „Unsere Lebensqualität macht Fremde zu Freunden“, freut sich die Rathausschefin. Das Foto strahlt Lebensfreude pur aus. Und Charlotte Britz ergänzt in ihrem Post: Wer Saarbrücken bei Nacht entdeckt und kennenlernt, versteht, warum junge Leute aus Mainz, Trier, Nancy oder Metz in unsere Stadt kommen, um in den angesagten Clubs der Innenstadt oder am Silo zu feiern.“

Doch über der wohlgelaunten Szenerie ziehen schnell Wolken auf – in den Kommentaren unter ihrem Post. „Bei allem Respekt, Frau Britz, aber Saarbrücken bei Nacht kennenlernen, ist schon sehr, sehr lange kein Ziel mehr, das man verfolgen sollte“, kommentiert Svenja Welsch.

Und Natascha Nickel ergänzt: „Wer Saarbrücken bei Nacht erlebt, kann froh sein gesund und mit Geldbeutel, Handy etc. zu Hause anzukommen.“ Saarbrücken in der Nacht: Ein No-Go-Area? Glaubt man Klaus Ackermann, dann ist das so: „Am besten man ist um 22 Uhr zuhause. Kannst ja nicht mal mehr durchs Dorf gehn, die Britz ist fern der Realität.“

Aber es gibt auch Menschen, zugegeben deutlich weniger, die Saarbrücken verteidigen: „Also, wenn ich durch SB schlendere, ist SB sicher. Komisch…“, stellt Marc Schneider fest. Und Marvin Hoffmann sagt: „Also ich liebe Saarbrücken.“

Andrea Glomba stellt fest: „Komisch… ich geh öfter nachts durch die Innenstadt. Kann nicht erkennen, dass da was schlimmer ist als vor 20 Jahren. Und überfallen wird man zu 99,9 % auch nicht. Aber die Leute haben heute halt alle bissl Paranoia und sehen überall Monster.“

BKA-Chef: Kriminalität geht zurück

Glaubt man Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes, könnte genau das stimmen: Wir sehen überall Monster – die es so nicht gibt. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ fragt Münch in ihrer aktuellen Ausgabe: Man könnte meinen, auf deutschen Straßen regiere das Verbrechen. Wie schlimm ist die Lage?

Der deutsche Ober-Kriminalist verweist in der „Zeit“ auf Fakten: „Mit der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) haben wir eine objektive Datenbasis, die das Hellfeld der Kriminalität in Deutschland erfasst. Die kürzlich veröffentlichten Zahlen für 2018 zeigen: Die Kriminalität geht zurück. Wir haben bei den Fallzahlen den niedrigsten Stand seit 1992, gemessen an den Straftaten pro Einwohner. Der Gesamttrend ist positiv. Man kann sagen: Die Sicherheitslage in Deutschland ist gut.“

Die konkreten Zahlen (Veränderung 2014 zu 2018):

– Wohnungseinbrüche: minus 16 Prozent

– Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe: minus 18 Prozent

– Straßenkriminalität: minus 30 Prozent

An dieser Stelle kommt gerne die Kritik an Polizei und Presse: Die Fahnder registrieren nicht jede Straftat, und den Journalisten geben Politikverdrossende gerne das Etikett der „Lügepresse“. Eine unheilige Allianz?

Saarländer fühlen sich mit am sichersten

Das weiß auch Holger Münch. Im „Zeit“-Interview sagt er: „Die Kriminalstatistik ist ein Ausschnitt der Kriminalitätslage in Deutschland. Sie erfasst nur die von der Polizei registrierten Straftaten. Daneben gibt es ein Dunkelfeld, also Straftaten, die der Polizei nicht zur Kenntnis gelangen, weil Opfer beispielsweise keine Anzeige erstatten.“

Deshalb ließ sein Amt 31.000 Menschen vom Max-Planck-Institut repräsentativ befragen. Ergebnis: Sie werden nicht häufiger Opfer von Straftaten als früher. Auch nicht im Saarland oder in Saarbrücken. Saarländer fürchten sich laut der Studie übrigens deutlich weniger als zum Beispiel Menschen in den ostdeutschen Bundesländern. 18,9 Prozent der Saarländer fühlen sich in ihrer direkten Wohnumgebung unsicher, dagegen 30,2 % der Bewohner Sachsen-Anhalts. 

Paradox: Laut Studie geben die Ostdeutschen an, deutlich seltener Opfer von Kriminalität zu werden als in West-Städten. Gleichzeitig haben die Menschen in Sachsen-Anhalt so viel Angst wie sonst nirgendwo in Deutschland.

Oder wie die Saarbrückerin Andrea Glomba unter dem Post von Charlotte Britz kommentierte: „…die Leute haben heute halt alle bissl Paranoia und sehen überall Monster.“

Verwendete Quellen:

– Eigene Recherche
Facebook-Post Charlotte Britz
– Interview mit BKA-Präsident Holger Münch in „Die Zeit“ (Paid Content)