Wie die Pflegekräfte im Saarland mit Füßen getreten werden: „Es macht halt einfach niemand etwas“

Die Arbeitsbedingungen von Pflegekräften im Saarland waren bereits vor Corona schlecht. Mit Ausbruch der Pandemie haben sich Druck, Verantwortung und Arbeitsbelastung noch einmal rapide erhöht. Im Gegenzug fällt die Wertschätzung oft leider sehr dürftig aus. Gerade aus der Politik kommen oft mehr Versprechungen als echte Verbesserungen. Wir haben unter anderem mit der 27-jährigen Krankenpflegerin Sophie (Name von der Redaktion geändert) gesprochen, die davon berichtet, dass die Wertschätzung des Pflegeberufs meist nur von den Patient:innen kommt.
Pflegekräfte aus dem Saarland schlagen schon lange Alarm. Symbolfoto: picture alliance/dpa/KEYSTONE | Laurent Gillieron
Pflegekräfte aus dem Saarland schlagen schon lange Alarm. Symbolfoto: picture alliance/dpa/KEYSTONE | Laurent Gillieron

Pflegekräfte geben viel, aber bekommen nur wenig zurück

Im Pflegeberuf herrscht seit vielen Jahren ein ungerechtes Ungleichgewicht zwischen „Geben und Nehmen“. Während die Pflegekräfte unter einem hohen Druck und einer enormen Arbeitsbelastung stehen, bekommen sie dafür meist nur wenig zurück. Zu Beginn der Corona-Pandemie hat die Politik die Probleme in den Pflegeberufen eingeräumt, die Wichtigkeit der Pfleger:innen für unsere Gesellschaft betont und weitreichende Verbesserungen angekündigt. Passiert ist in der Zwischenzeit aber nur wenig. Zumindest nichts, was sich spürbar auf die Arbeitsbedingungen in den saarländischen Krankenhäusern ausgewirkt hat.

Wir haben uns unter anderem mit der 27-jährigen Pflegefachkraft Sophie (Name von der Redaktion geändert) unterhalten, die uns interessante Einblicke in ihren beruflichen Alltag gewährt hat. Sophie arbeitet seit vielen Jahren in einer großen saarländischen Klinik und hat dort viel erlebt. Sie schildert uns eine Situation, die von massig Arbeit unter hohem Druck bei deutlichem Personalmangel geprägt ist. Ferner berichtet sie uns von fehlender Wertschätzung, enttäuschten Patient:innen und einer gewissen Hilflosigkeit, der man als Pflegekraft ausgesetzt ist. Denn eine echte Aussicht auf Besserung sieht Sophie nach langjähriger Erfahrung auf unterschiedlichen Stationen nicht.

Corona hat zu einer Erhöhung der Arbeitsbelastung in den Kliniken geführt

Zunächst fragen wir Sophie, wie sich ihre Arbeitsbedingungen durch Corona verändert haben. Sie erklärt uns, dass sie während Corona in unterschiedlichen onkologischen Bereichen gearbeitet habe. Sie schildert uns die Situation auf einer onkologischen Station: „Wir waren ein sogenannter hochreiner Bereich. Alle Patienten, die von der Notaufnahme zu uns kamen, waren triagiert. Wir sollten keine Patienten kriegen, die auch nur ansatzweise Corona haben könnten, weil bei uns auf der Station nur Leute mit ganz schwachem Immunsystem liegen“.

Zufriedenheit bei Pflegekräften und Patient:innen sinkt

Um das Einschleusen des Coronavirus auf die Station zu verhindern sei ein sehr großer Aufwand erforderlich gewesen. „Die Arbeit bei uns ist eben dadurch sehr viel mehr geworden, dass wir Corona unbedingt von unseren Patienten fernhalten mussten“, erklärt Sophie. Nicht nur der hygienische Mehraufwand habe dabei für Stress bei der Belegschaft gesorgt. „Wir mussten den Patienten plötzlich erklären, dass sie die Station nicht mehr verlassen dürfen. Und erzähl‘ mal jemandem, der wochenlang da bleiben muss, dass er nicht in die Cafeteria, nicht vor die Tür oder sonst irgendwo hingehen darf, sondern in seinem Zimmer bleiben muss. Da sinkt dann natürlich bei allen Beteiligten die Zufriedenheit“.

Das Menschliche bleibt inzwischen oft auf der Strecke

Durch die Schutzmaßnahmen und das Hygienekonzept sei zudem sehr viel Zeit für die Patient:innen weggefallen. Wichtige Beratungsgespräche hätte man plötzlich nicht mehr führen können und das Menschliche sei auf der Strecke geblieben. Das habe für ein äußerst unangenehmes und unbefriedigendes Arbeitsklima gesorgt. Kündigungen seien die Folge davon gewesen. „Seit Corona gab es jede Menge Kündigungen, also wirklich jede Menge Kündigungen. Und mittlerweile sind die Stellen immer noch nicht besetzt“, betont Sophie.

Mangelnde Wertschätzung führt zu Kündigungen

Auch sie selbst habe die Station verlassen und die Bereiche mittlerweile mehrfach gewechselt, erklärt die 27-Jährige. Dann eröffnet uns Sophie etwas, was wir zu Beginn des Gesprächs noch nicht wussten. So habe auch sie inzwischen ihre Kündigung eingereicht. „Das hat aber nichts mit Corona zu tun“, betont Sophie. Vielmehr sei es die mangelnde Wertschätzung, die sie zu diesem Schritt bewegt habe. Besonders enttäuschend sei dabei der mangelnde Rückhalt vom eigenen Arbeitgeber.

„Ich habe zwar jetzt mehrfach einen Wechsel gehabt, aber selten Wertschätzung erfahren. Es gibt kein ‚Danke‘ oder ein ‚Schön, dass Sie das machen‘. Du machst 200 Überstunden und dann kriegst du eher noch Ärger, obwohl du ohne die Leute, die die Überstunden leisten, den Laden direkt zumachen könntest.“

„Einfach unmöglich, so weiterzuarbeiten“

Dann wird Sophie noch deutlicher: „Es ist einfach so, dass die mangelnde Wertschätzung, die ich die letzten Jahre so erfahren habe, einfach einen großen Teil dazu beigetragen hat, dass ich da wegmuss, weil es einfach unmöglich ist, so weiterzuarbeiten. Du arbeitest unter hohem Druck, du hast eine riesige Verantwortung und du erhältst dafür einfach ganz wenig Wertschätzung, ganz, ganz wenig! Das ist einfach super traurig und deswegen verstehe ich, dass immer mehr Leute weggehen. Und das schlimme ist, dass die mangelnde Wertschätzung auch einfach vom Arbeitgeber selbst kommt, also von jemandem, der eigentlich hinter einem stehen sollte“.

Auch Patient:innen wütend und enttäuscht über Lage in den Kliniken

Dankbarkeit und Wertschätzung habe sie bei ihrer Arbeit in der Klinik bislang fast ausschließlich von ihren Patient:innen erhalten. Aber auch hier zeige sich die Überlastung der Pflegekräfte, die dazu führe, dass man sich oft nur wenig Zeit für die Patient:innen nehmen könne. „Die sind halt alle auch – und das zurecht – schlimm genervt, teilweise sehr enttäuscht, traurig und wütend über die Situation. Und das verstehe ich auch“. Als Pflegekraft sei man dann manchmal natürlich auch Zielscheibe des Frusts.

„Es macht halt einfach niemand etwas“

Enttäuscht zeigt sich Sophie auch von der Politik. Bereits in der ersten Hochphase wurden verschiedene Versprechungen gemacht, die bislang nicht eingelöst wurden. Die damals schon schlechte Lage habe sich durch Kündigungswellen und die gleichzeitige Erhöhung der Arbeitsbelastung weiter verschärft. „Und da ist es umso schlimmer, dass die Politik nichts tut. Wenn du dir nicht selbst ein bisschen etwas überlegst, wie du die Situation verbessern kannst, dann ändert sich nicht. Es macht halt einfach niemand etwas“, so Sophie abschließend, die sich aufgrund der prekären Situation für einen Jobwechsel entschieden hat.

Weitere Teile von „Wie die Pflegekräfte aus dem Saarland mit Füßen getreten werden“

Wir haben uns neben Sophie auch noch mit anderen Pflegekräften aus dem Saarland unterhalten. Hier findet ihr die weiteren Teile unserer Reihe „Wie die Pflegekräfte aus dem Saarland mit Füßen getreten werden“:

Verwendete Quellen:
– eigene Recherche