Wenig Frauen auf den Festival-Bühnen: So sieht es auf dem Rocco aus

In wenigen Tagen steigt wieder Saarlands größtes Musikfestival. Die Acts werden dann sehr männlich geprägt sein. Wie Rocco-del-Schlacko-Veranstalter Thilo Ziegler Bands auswählt und welche Gründe es für die geringe Frauenquote geben könnte:
Tausende werden wieder auf dem Rocco del Schlacko erwartet. Foto: BeckerBredel
Tausende werden wieder auf dem Rocco del Schlacko erwartet. Foto: BeckerBredel

Vor den beiden Stages des größten saarländischen Musikfestivals werden in den kommenden Tagen wieder Tausende Frauen feiern. Doch auf den Bühnen wird sich ein gänzlich anderes Bild zeigen: Nur sieben Künstlerinnen treten solo oder als Teil einer Band auf. Der Rest der rund 100 Artists auf dem Rocco del Schlacko 2022 ist männlich.

Rocco 2022: Frauenquote auf der Bühne bei 7 Prozent

Eine Auswertung von SOL.DE zeigt, wie niedrig die Frauenquote unter den Künstler:innen auf dem Rocco ist. Lediglich 7 Prozent beträgt sie in diesem Jahr – und das ist noch vergleichsweise hoch. 2012 und 2016 lag die Quote bei nur 3 Prozent – in beiden Jahren spielten insgesamt nur fünf Frauen auf der Bühne.

Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser Inhalt angezeigt wird.
Datenschutzseite

Einverstanden

Fast immer steht mindestens ein Mann auf der Bühne

Rein weibliche Acts auf dem Rocco gab es in den vergangenen Jahren so wenige, dass man sie hier aufzählen kann: Gurr (2017), SXTN (2018), Die toten Crackhuren im Kofferraum (2018), Nura (2019 & 2022), Juju (2019) und Mola (2022).

Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser Inhalt angezeigt wird.
Datenschutzseite

Einverstanden

Kaum Frauen auch auf anderen Festivalbühnen

Auf anderen, vergleichbaren Rockfestivals ist die Frauenquote noch niedriger. Das wohl bekannteste deutsche Festival ist Rock am Ring in der Eifel. Dort standen laut "Süddeutscher Zeitung" dieses Jahr nur 13 Frauen auf den Bühnen - von insgesamt 270 Musiker:innen. Die Quote: 4,7 Prozent. Ein ähnliches Bild zeigt sich auf dem Hurricane.

Rocco-Veranstalter Ziegler: Es gibt wenig Frauen in Bands

Die Gründe für den geringen Frauenanteil seien vielschichtig, sagt Rocco-Veranstalter Thilo Ziegler (42) im SOL.DE-Gespräch. Zum einen gäbe es im Rock- und Punk-Genre einfach wenige Frauen in Bands. Außerdem hätten Musikagenturen hauptsächlich männlich geprägte Gruppen unter Vertrag. "Um überhaupt mehr Frauen buchen zu können, müssen Agent:innen auch mehr Frauen unter Vertrag nehmen".

So wählt der Rocco-Macher die Acts aus

Ziegler erledigt das Booking, also das Buchen der Acts, auf dem Rocco seit Jahren komplett alleine. Wie wählt er eigentlich die Bands und Künstler:inen aus? Folgende Kriterien gäbe es:

  • Zu welchem Musikgenre gehört die Band?
  • Welche Art von Musik macht die Gruppe?
  • Wie frisch ist sie?
  • Wie groß ist die Band?
  • Wie kreativ ist sie?
  • Was sagt die Gruppe aus?

Aktivistinnen: Männer buchen Männer

Aktivistinnen sagen, für das Buchen der Acts auf Festivals seien hauptsächlich Männer zuständig. Die würden eher Bands buchen, die sie schon kennen - also Männerbands. Ziegler kann damit nichts anfangen, bezeichnet die Einwände als "unfassbar frech" und "falsch". Vor dem Booking spreche er mit einigen Menschen aus der Szene, zum Beispiel Bekannten, die sich gut mit einem Genre auskennen, Agent:innen oder anderen Bookern. Diese Berater:innen seien vielleicht zum Großteil sogar weiblich, so Ziegler.

Vor den Bühnen stehen auf dem Rocco Tausende Frauen, auf ihnen nur mehr als eine Handvoll. Foto: BeckerBredel

Soziologe: Musikerziehung sehr von Traditionen geprägt

Ein Grund für die geringe Quote dürfte auch die frühkindliche Musikerziehung sein, die laut Musiksoziolog:innen und -pädagog:innen weiterhin sehr traditionell strukturiert ist. "Es gibt einfach viel mehr männliche Rockmusiker", sagt Musiksoziologe Holger Schwetter. Rock gelte eher als Jungssache. Mädchen würden eher angehalten, "weiche Instrumente" zu lernen, zum Beispiel Flöte, Geige, Klavier - und nicht Schlagzeug, Bass oder E-Gitarre.

Pädagogin: Mädchen gründen seltener Bands

Mädchen würden seltener Bands gründen, die Musikbranche sei zudem von männlichen Produzenten geprägt, so Ilka Siedenburg, Professorin für Musikpädagogik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.

Thilo Ziegler hat das Rocco del Schlacko gegründet. Foto: BeckerBredel

Journalist: Sexismus nicht nur in der Musikbranche

Härtere Töne schlägt Musikjournalist und Autor Ernst Hofacker an. In der Branche gebe es traditionellen Sexismus, man könne "im wahrsten Sinne davon sprechen, dass die Jungs die Puppen haben tanzen lassen." Das sei allerdings nicht nur ein Problem der Rockmusik-Branche. "Das ist immer auch ein Bild der Gesellschaft. Solange es in einer Gesellschaft vollkommen normal ist, dass Mädels anders erzogen werden - Stichwort rosa und blau - und die wilde Rolle den Jungs überlassen wird, dann darf man sich nicht wundern."

Soziologe: Frauen in der Musikgeschichte haben es schwer

Es sei "gesellschaftlich nicht erwünscht, wenn Mädchen und Frauen Aggressionen zeigen und rauslassen", sagt auch Musiksoziologe Schwetter. Frauen in der Rockgeschichte würden außerdem marginalisiert. Bob Dylan gelte beispielsweise als "wertvoller" als Joni Mitchell.

Die Band Jennifer Rostock mit Frontfrau Jennifer Weist gilt als eine der bekanntesten deutschen Bands mit einer Sängerin. Foto: Peter Klaunzer/dpa-Bildfunk

Wie kann es weitergehen?

Wie kommen mehr Frauen auf die Bühnen? Rocco-Chef Ziegler spielt den Ball ins Feld der Künstleragenturen. Diese müssten mehr weibliche Acts unter Vertrag nehmen, die er dann wiederum buchen könne. Andere Festivals nehmen das Heft des Handelns selbst in die Hand. Sie bemühen sich um mehr Präsenz von Frauen und haben sich eine feste Quote vorgeschrieben. Einige von ihnen sind Teil der Keychange-Initiative geworden. Das Ziel: 50 Prozent der Acts auf dem jeweiligen Event sollen weiblich sein.

Verwendete Quellen:
- eigene Recherche
- eigene Berechnungen
- eigene Artikel
- Gespräch mit Thilo Ziegler
- Website des Rocco del Schlacko
- Deutsche Presse-Agentur
- Süddeutsche Zeitung
- Website der Keychange-Initiative